Wenn du kommst und ich da bin
Du sprichst von Freundschaften, ich von Rock Konzerten, du von Gefühlen, ich von Klassik.
Diese Nacht ist wie in einer dieser Sepia-farbenden Liebesfilme, in denen sie immer so kitschig auf Italienisch fluchen um sich danach voller Liebe um den Hals zu fallen. Ich verstehe diese Stunden nach vierundzwanzig Uhr auch kaum, finde keine passende Übersetzung und laufe, bis die kalten Straßen mich wiederfinden.
Denn der Tag ist richtig und die Zeit ist passend und du bist da und ich bin da, aber mein Herz nicht. Und du verglühst und das Leben macht dir solch eine Mühe und alles klingt entweder nach Vorwurf oder Beichte.
Du hast so ein Telefon, bei dem immer verschiedene Töne kommen, je nachdem, welche Zahl man wählt. Mal sind sie tief und dann sehr hoch und manchmal hebe ich den Hörer nur, um ein paar Melodien zu schreiben. Ich male dir dann Zettel mit Zahlenfolgen und klebe sie an deinen Kühlschrank fest. Manchmal hebst du den Hörer und wählst diese Zahlen und denkst an mich und lächelst. Dir fällt dann immer auf, wie sehr du mich vermisst, wie sehr du uns vermisst, so sehr, dass du dich dabei vergisst.
Als wir uns sahen und liebten war es Sommer und jetzt reden wir über Vanillezimttee-Mischungen. Diese Zerstreuung steht dir, aber die Frage ist doch schließlich wofür und nicht weswegen und deswegen ist auch alles zerschlagen und nüchtern und laut.
In der Badewanne liegend, liest du für mich Erich Fried, ich beobachte Luftblasen beim Zerspringen und wippe mit meinem linken Fuß im Takt deines Atems. Wenn du beim Lesen Luft holen musst, hältst du eine Sekunde inne und beobachtest mich beim Lächeln, dann verführe ich dich.
Hast du nicht manchmal auch das Gefühl, dass Lieder nur für dich geschrieben wurden, Momente nur für dich erfunden? Du sprichst von Freundschaften, ich von Rock Konzerten, du von Gefühlen, ich von Klassik.
Im Zug zurück schreibe ich Geheimnisse an beschlagene ICE-Fenster und lächle. Wenn du die Türklinke berührst und die Tür hinter mir geschlossen hältst, fällt dir auf, wie kalt die Türklinke doch war und wie heiß deine Hand schmerzt vom Abschied. Du gehst in die Küche und sinkst vor der Besteckschublade zusammen. Dann erblickst du den Kühlschrank und die rote Schrift darauf und dein Gesicht wirkt zerbrechlich und kalt. Du bewahrst all die Nummern auf, die ich dir an deine Gefrierfachverkleidung kritzele, du sammelst jeden Gedanken in der Hoffnung, er würde mich dir näher bringen. Deine linke Hand wählt nun ein paar Ziffern und lauscht der Tonfolge und du erkennst, dass heutzutage nichts mehr zu jung ist, um nostalgisch zu sein.
Und das Weingummi schmeckt nach Lippenstift, und ich habe das Licht in deinem Bad angelassen und das Wasser läuft heiß in einen Raum voll Leere und ersäuft
jämmerlich.
Und ich schätze, der Winter passt zu uns.






Kommentare
Gänsehaut. Fast so als ließe es einen nicht mehr los. Und ich würde zu gern die Geschichte hinter den Worten kennen.
12.03.2012, 17:18 von bunteschaosWunderbar.
14.01.2009, 20:32 von Prinz_DarlingWunderschön geschrieben,
06.01.2009, 21:32 von Mienigkeitund wunderschön erzählt.
Wunderbarer Schreibstil.
Fast ein kleines Wunder.
Ich mag es.
"Denn der Tag ist richtig und die Zeit ist passend und du bist da und ich bin da, aber mein Herz nicht." treffend.
03.01.2009, 16:06 von Snow.gut
27.12.2008, 14:57 von MrFuchs86wunderschön.
26.12.2008, 00:31 von dasMaediach.
Wahnsinns Text. Schöne Idee mit den Handymelodien und den geheimen Botschaften.
22.12.2008, 12:39 von HerzraumFind ich auch, toll geschrieben!
09.12.2008, 09:43 von drops_of_augustwow! großartiger text!
09.12.2008, 09:40 von La_P