dontbringtomorrow 30.11.-0001, 00:00 Uhr 15 43

Wenn du gehst

Deine Zahnbürste steht unberührt im Zahnputzbecher, dein Kopfkissen liegt noch auf der rechten Seite des Bettes.

Vor zwei Monaten habe ich angefangen, mir auszumalen, wie sich das anfühlt, wenn du gehst. Ich wusste so genau, dass ich es nicht sein würde und ich wusste, dass du es nicht machen würdest, weil du mich nicht liebst. Aber ich weiß auch, dass Entfernung nicht spurlos an einem vorbeigehen kann. Und auch, wenn ich so oft nachts wach lag, allein in dieser großen Stadt, in der du nicht bist und mir sicher war, dass ich so sehr mehr darunter leide als du, weiß ich jetzt, dass das nicht so ist. Nicht so war.

Jetzt sitzt du da auf meinem Bett und ich habe dich noch nie so müde gesehen. Du siehst so unglaublich müde aus und ich kann all die Spuren in deinem Gesicht sehen. All das, was die letzten Monate mit dir gemacht haben. Immer, wenn wir dann wieder beieinander waren, fiel alles von dir ab, du wurdest ruhiger und ich auch. Aber jetzt siehst du noch viel erschöpfter aus als jemals zuvor und obwohl ich dich so festhalte, wie ich nur kann, verlässt die Anspannung deinen Körper nicht mehr. Und dann gehst du, du gehst und das zum ersten Mal ohne mich. Du gehst und lässt dabei alles hier. Jeder Raum in meiner Wohnung kennt dich noch und es gibt hier keinen Ort, an dem ich dich nicht immer noch sehe. Deine Zahnbürste steht unberührt im Zahnputzbecher, dein Kopfkissen liegt noch auf der rechten Seite des Bettes, während ich auf der linken liege und in jeder Nacht, in der ich schlecht träumend hochschrecke und mich an dir festhalten will, greife ich ins Leere. Ich greife ins Nichts und erst, wenn ich das Licht anmache, realisiert mein noch halbschlafender Körper, dass du nicht da bist. Du bist nicht mehr da und dieser Raum ist trotz Heizung so unfassbar kalt.

Ich gehe seitdem öfter spazieren und gehe systematisch wiederholt an Orten vorbei, um mich daran zu gewöhnen. All die letzten Male hier habe ich mit dir verbracht, wenn ich an unserer alten Schule vorbeigehe, sehe ich uns noch auf dem Schulhof stehen. Ich schließe die Augen und kann unseren letzten Schultag riechen, spüren und schmecken und die wunderbare Zeit, die danach begann. Ich spüre die Sonne auf meiner Haut, die wir den ganzen Sommer lang zusammen gespürt haben. Und dann sehe ich dich, strahlend und ziemlich glücklich. Ich öffne die Augen und mir fällt wieder ein, dass November ist. Es stürmt so sehr, dass ich kaum auf einer Stelle stehen bleiben kann und der Wind treibt mich weiter in die Innenstadt, vorbei an der Eisdiele und dem Currywurstladen, zu dem du so oft wolltest und der dann am Abend, wenn wir aus dem Freibad oder vom See kamen, doch schon geschlossen war. Ich gehe an unserer Lieblingskneipe vorbei, in der wir alle zusammen die Zeit während des Abiturs überstanden und die danach umso mehr gefeiert haben. Ich fühle den Rauch in meiner Lunge, der mich beim Eintreten immer sofort umgab und die Vorfreude darauf, dich gleich wiederzusehen. Ich sehe uns beide nebeneinandersitzen und ich erinnere mich an das Gefühl, wie es war, mit dir dort anzukommen und wieder zu gehen, an das Gefühl, gleich neben dir einzuschlafen.

Ich erlebe und sehe Dinge, von denen ich dir sonst immer sofort erzählt habe. Ich weiß genau, wann du lachen und wann du dich aufregen würdest. Und all das kann ich dir nicht mehr sagen. Ich vermisse dich. Ich vermisse dich so sehr, dass ich nicht weiß, wohin mit mir. Ich vermisse dich und mir ist so unglaublich kalt. Mir tut alles weh und ich kann einfach nicht mehr richtig atmen. 

Ich vermisse dich, dann komme ich zurück in meine Wohnung und mir fällt ein, dass du nicht mehr wieder kommst.


Tags: liebe, Vermissen, neue Stadt, Erinnerung, November
43

Diesen Text mochten auch

15 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    lies mal meinen text 'seit du weg bist'. du wirst dich sicher wieder finden. danke hierfür.

    14.01.2016, 00:37 von wonderchild.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    sprachlos

    11.01.2016, 22:22 von josefinelkfld
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Gänsehaut-Text. Mehr muss ich nicht sagen, oder?! ;)

    Und ja...es wird besser. Vielleicht nicht morgen, nicht übermorgen. Aber es wird besser. :)

    06.01.2016, 08:18 von lebensnerd
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    man fühlt richtig die kalte Melancholie des Novembers...danke für den nachdenklichen Text

    02.12.2015, 11:37 von LifeLoveLust
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Falls das Ich dieses Textes identisch ist mit dem Du deines Profils, wünsche ich dir wirklich alles Gute. 

    26.11.2015, 15:07 von Schniebline
    • 0

      Hab vielen Dank!

      26.11.2015, 16:43 von dontbringtomorrow
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schöne Worte, die unter die Haut gehen...

    25.11.2015, 17:37 von leonie_loewenherz
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wunder Punkt. Manche Artikel sollte man nicht lesen, sind sie auch noch so wahr...

    25.11.2015, 09:43 von boxspring
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Kann ich nicht nur auf eine Beziehung sondern auch auf eine Freundschaft beziehen und dabei Gänsehaut und Tränen in den Augen haben.

    Dein Text ist so schön real geschrieben ohne künstlich super emotional zu werden..

    24.11.2015, 11:06 von nirgendsueberall
    • 0

      Finde ich auch!

      Dein Text ist so schön real geschrieben ohne künstlich super emotional zu werden.
      .Ein irgendwie ernsthafter und auch ernst zu nehmerder Fühli-Text ohne den ganzen Schmu.

      24.11.2015, 20:36 von yuhi
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare