marco_frohberger 26.07.2009, 09:46 Uhr 2 4

Wenn die Liebe nichts mehr bedeutet, oder?

Ich stelle fest, dass Bedeutungen nichts bedeuten.

Es ist wirklich kalt geworden.

Vor dem Fenster die Stadt, über die sich ein hauchzarter Mantel aus Eis gelegt hat. Als ich so vor dem Fenster stehe, mit der Stirn das kalte Glas berührend, muss ich plötzlich feststellen, dass Bedeutungen nichts bedeuten. Der Raum, in dem ich seit Stunden verweile, leer. Die Räume, die als Ganzes dafür taugen, ein Leben einzurichten, verlassen.

Kälter als da draußen ist nur der Zustand, in dem ich mich befinde. Wie festgefroren hilflos stehe ich vor dem Fenster und zähle die Menschenleben, die über die Straße laufen. Aber ich zähle nicht nur die Leben, sondern auch die Möglichkeiten, diesen Zustand wieder zu verändern. Schließlich habe ich zu verantworten, wie ich mich fühle; Ausdruckslos, gelähmt, vom Leben abgetrennt. Es ist wie eine Anomalie im Leben, die unveränderbar bleibt, selbst dann, wenn man versucht ist, alles zu versuchen.
Trotzdem, ich atme, lebe. Und doch fehlt sie; die Konstante in meinem Leben. Sie war es, die mich immer wieder auf einen Nullpunkt zurückgebracht hat. Als ich sie vor ein paar Tagen weggeschickt habe, weil ich den Entschluss gefasst hatte, dass wir gescheitert waren, hat das Wenige in mir, dass mich noch am Leben erhalten hatte, aufgehört zu sein. Wie schnell sich Zustände verändern und ihre Auswirkungen spürbar werden, habe ich längst an mir festgestellt.

Paradox erscheint mir die Tatsache, dass das Alleinsein jenen Mut erfordert, den nur wenige besitzen: die Auseinandersetzung mit dem eigenen ich. Und jetzt, da ich allein bin, will ich es nicht sein aus Gründen, von denen mir keine logisch genug erscheint.

Irgendwann, als es zu dämmern beginnt und die Straßenlaternen anspringen und ihr fahles Licht die Umgebung in eine Atmosphäre taucht, in der die Realität einen erträglicheren Charakter annimmt, koche ich mir Teewasser auf und warte. Ich warte, bis das weiche Aroma den Raum erfüllt. Ich trinke und schlucke den Rest an Schwäche mit herunter, die mich oftmals nicht loslässt.

Und dann ganz plötzlich, in einem Anflug weiterer Schwäche, erkläre ich ihr in 160 Zeichen, dass ich nicht kann. Ich atme schwer und noch schwerer fällt mir das Zugeständnis, dass ich sie jetzt brauche.
Als es dann an der Haustüre klingelt, fürchte ich mich vor dem, was passiert. Sie steht im Flur, blickt mich aus großen Augen erwartungsvoll an. Der Duft ihres Haares, das süßliche Parfum, das sie immer trägt, verdrängt den Stau von Gedanken und den Selbsthass in mir. Sie schlüpft aus ihren Schuhen, die Jacke wirft sie über den Stuhl, wie immer. Ihre helle Stimme bringt Leben zurück. Wie. Immer. Noch. Ich sehe den Zustand der Dinge, wie er sich kontinuierlich verändert. Was ist das nur, frage ich mich.
Sie fragt mich, ob ich ihr eine Geschichte vorlese. Ohne zu zögern suche ich in meinem Repertoire und lese schließlich vor. Sie beobachtet mich. Meine Lippen. Wie. Immer. Es ist gut, denke ich. Es fühlt sich an, wie immer.

Als ich schläfrig werde, legen wir uns ins Bett, dicht nebeneinander. Wie. Immer. Ich spüre das schlagkräftige Verlangen, mich ihr zu nähern. Und kurze Zeit später sind wir nackt, lieben uns so wie wir es noch nie getan haben. Mit Küssen bedecke ich ihren Körper und sie bedeckt mich mit ihren Händen. Gänsehaut, fast wie immer. Das Gute in uns ist das gute daran, dass wir uns so schon immer verstanden haben. Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis wir erschöpft ineinander verschränkt liegen und nach Luft ringend fertig sind. Wie. Immer. Sie geht ins Bad und wäscht sich. Ich liege da und höre den Geräuschen zu. Vertraut. Wie. Immer. Als ich im Bad vor dem Spiegel stehe, weiß ich nichts mehr.

Am nächsten Morgen bedeutet das alles noch weniger für mich, als das vorher der Fall war. Ich will es nicht und ich kann es auch nicht und selbst wenn ich wollte könnte ich es nicht und irgendwann kann ich es doch; ich schicke sie weg, weit weg und sage ihr, dass ich nicht mehr kann. Ich ersticke an diesem Leben. Sie weint und schreit, ob sie nur zum Ficken hier gewesen war, schlüpft in ihre Klamotten. Kurz darauf fällt die Tür ins Schloss und alles Lebendige, dass sie zurückgelassen hat, verkümmert so schnell sie es zurückgebracht hatte.

Ich warte auf ein Wunder, das es nicht geben wird. Ich stehe vor dem Fenster. Starre in die von Leben durchsetzte Einöde. Eine aschgraue Landschaft. Jetzt, wo nichts noch weniger als das ist, was ich nicht habe, falle ich wieder in diesen Selbsthass zurück. Sie ist weg. Ich atme. Schwer.

Wie. Immer.

4

Diesen Text mochten auch

2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Geht unter die haut.

    16.01.2013, 13:37 von MagiaLuces
    • Kommentar schreiben
  • 0

    das klingt sehr vertraut. (es geht glaube ich den meisten menschen so wenn schluß ist. gerade wenn man selber schluß gemacht hat. man zweifelt, man zögter, man zaudert, holt sich das vertraute noch ein letztes mal zurück etc.)

    08.09.2009, 20:27 von cornflake_girl
    • 0

      @cornflake_girl ...
      auch in dem wissen, dass das keinen vorteil bringt, sondern nur das gefühl abschwächt, gescheitert zu sein.
      danke.

      09.09.2009, 16:44 von marco_frohberger
    • Kommentar schreiben
  • 50 Shades of Kale: Der Grünkohl-Trend

    Die Amerikaner haben den Grünkohl entdeckt. Wieso eigentlich? Und wo führt das hin? Antworten findet ihr im Blog.

  • Wie siehst du das, Fabian Weiss?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

  • Durchs Wochenende mi Onur

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Online-Redakteur Onur.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare