Gummibaer 19.05.2004, 13:02 Uhr 3 0

Weltschmerz

Ich fühle mich ganz wunderbar voll von Weltschmerz und Trauer.

Heute ist ein Tag, an dem für alle die Sonne scheint. Es existieren ausschließlich eisessende, verliebte und glückliche Menschen um mich herum.
Doch ich habe meinen Weltschmerz-Tag. Ich fühle mich ganz wunderbar voll von Weltschmerz und Trauer.
Ich fahre im Auto und grundlos fließen mir die Tränen in Sturzbächen die Wangen hinab. Ich kann nicht erklären warum das so ist. Es gibt bei mir so Tage, da brauche ich scheinbar eine innere Reinigung. Ich lass alle aufgestauten Tränen fließen und füge noch einige Neue hinzu. Ich beschwöre ganz bewusst gewisse Situationen und Erinnerungen herauf und genieße den Schmerz, den sie verursachen.
Ich trauere um die Dinge, die ich in meinem Leben getan habe, die ich nicht getan habe, die ich nie tun werde und die, die ich immer wieder tun werde. Dinge, die ich verursacht, verhindert und erst ermöglicht habe. Um vergangene Liebe, erwiederte Liebe, verschmähte Liebe und geheime Liebe. Um Ausgesprochenes und Unausgesprochenes. Schlichtweg um alles was mich in solchen Momenten in irgendeiner Art berühren könnte.
Ich rolle mich innerlich zusammen und verkrieche mich in meine Trauer-Zone. Ich fühle mich wie eine freiwillig Eingesperrte; wie Jemand, der in einem Raum sitzt, indem es regnet und sich den Sonnenschein vor dem geöffneten Fenster anschaut und gar nicht rausgehen will, aber betrauert, dass er nicht in der Sonne sein kann.
Ich friere im Regen und kann doch die Sonne draussen riechen. Ich setze mich ans Fenster, lass die Tropfen auf mich niederprasseln und stelle mir das angenehme Gefühl vor, wie es wäre von der Sonne gewärmt und getrocknet zu werden, aber ich gehe nicht raus. Ich will und muss jetzt trauern. Ich will den Schmerz der ganzen Welt in mich aufsaugen und ihn so lange wie nötig bewahren.
Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht weil ich mich danach so lebendig und gut fühle. Weil es mir doch eigentlich so gut geht und ich zwar bestimmt Gründe zum trauern und weinen hätte, aber ich eigentlich nicht traurig sein müsste. Weil ich vielleicht wie tausende Andere auch zu Depressionen neige, oder weil das einfach ein Teil von mir ist. Vielleicht ist das genau der Teil, der es mir ermöglicht für so viele Menschen eine Stütze und Hilfe zu sein. Vielleicht sauge ich ständig so viel Trauer und Gefühle in mich auf, dass ich mich dann und wann in einen Strudel verwandle und alle Gefühle verschlinge, die sich mir nähern. Solange, bis sich das Wasser wieder beruhigt und ich all meine Tränen losgeworden bin. Vielleicht ist es so, vielleicht auch anders.
Ich werde auf jeden Fall noch ein bisschen nass und frierend, aber mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck hier sitzen und euch da draussen im Sonnenschein zusehen, wie ihr euch verliebt, Eis esst und glücklich seid.

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Kommentare

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    Eine genauso schöne wie traurige Sache. Kann es sein, dass meist nur Frauen für solche Texte Solidarität bekommen und Männer häufiger belächelt werden wenn sie sich mit dererlei Zuständen veräußern? Mal ganz abgesehen davon hab ich den Eindruck, dass es immer noch sehr oft mißverstanden, ja unterschwellig oder offensichtlich angefeindet wird wenn sich jemand offensiv mit emotionalen Belastungen auseinander setzt? Ehrlich, es gibt soviele Dummbeutel und Zombies, die es für eine gute Sache halten auch in den furchtsbarsten Lagen Schönwetter zu reden (um vermeintlich das Gesicht zu wahren etwa) sich dann damit tatsächlich lächerlich machen und gar nicht verstehen was es für einen Segen ist, sich damit selbst und andere besser zu verstehen und aufzuräumen. Ich hab manchmal auch solche Tage und es ist sehr selten dass ich es mit Tränen ableiten könnte, obwohl ich mir das sehr wünschte. Enttäuschung, Trauer, Melancolie, Wehmut, Angst oder Depressionen - eine Kategorie braucht eh nur ein Anderer und selten läßt es sich so ganau unterscheiden. Brauch man auch gar nicht. Ich behaupte, dass Männer dabei mehr dazu neigen sowas mit Wut und ähnlichem zu vermischen und einfach schnell mit: "Hör auf mit dem Selbstmitleid" zum Selbstbetrug gemahnt werden. Selbstmitleid ist überhaupt auch so ein absurder Begriff. Wenn jemand leidet dann doch nicht -mit- sich sondern -an- sich verdammt !!! Vielleicht ist es auch so ein deutsches Ding -- Glück kannst du gerne mit allen ausgiebig teilen aber Leid behalte schön für dich allein.

    10.06.2004, 14:40 von schauby
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    Danke für diesen Text. Ich habe heute so einen Tag...

    09.06.2004, 19:07 von silvia_77
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    Das ist das erste Mal, daß ich mich tatsächlich in einem Artikel hier wiederentdecke. Danke dafür, Du hast das absolut gut beschrieben.
    Allerdings habe ich bei Dir das Gefühl, daß Du dieses Gefühl an- und ausschalten kannst, das es keine Belastung für Dich darstellt. Ist das so oder hast Du diesen Aspekt nur ausgespart?
    Ich kenne das, zu wissen, keinen Grund für die Trauer zu haben und dennoch über alles und nichts traurig zu sein, sich Situationen auszumalen, die nicht aktuell sind, aber dennoch als Trauergrund taugen. Nur, ich empfinde diesen Zustand häufig als Belastung, gerade in solchen Situationen, wie Du sie mit der Sonne beschreibst (im Übrigen ein wunderbares Bild).

    Schöne Grüße...

    P.I.

    09.06.2004, 18:28 von P.I.
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      @P.I. @P.I. An- und abschalten kann ich dieses Gefühl leider auch nicht, aber ich habe gelernt diese "Ausbrüche" als einen Teil von mir zu akzeptieren. Ich weiß, dass ich diese Reinigung brauche um weitermachen zu können. Ich würde mir wünschen, dass ich ein so ausgeglichenes und glückliches Leben hätte, dass ich stabil und zufrieden in mir ruhen könnte, aber so weit ist es leider noch nicht. Meine Melancholie hat in meinem Leben mittlerweile eine weit kleinere Stellung eingenommen als noch vor ein paar Jahren, doch gehört sie immer noch als sehr sehr wichtiger Teil zu mir. Ich kann nicht sagen, dass ich es genießen würde und mir jeden Tag als einen "Weltschmerz-Tag" wünsche, doch ist es für mich nicht mehr so belastend, als dass es mich unglücklich machen würde.

      Ich liebe das Leben und meines erst recht!

      @ schauby
      Das man schnell mit dem Wort: Selbstmitleid belegt wird stimmt leider absolut. Ebenso, dass die schönen Dinge gerne geteilt werden dürfen, aber die "schlechten Dinge" bitte im Keller oder hinter zugezogenen Gardinen erledigt werden sollen. Meine Meinung dazu: Meine Wegbegleiter im Leben kann ich mir selber aussuchen, aber mit mir muss ich wirklich gut auskommen, denn ich bin noch mein ganzes Leben mit mir zusammen. Also versuche ich meine Wegbegleiter so zu wählen, dass ich als der Mensch akzeptiert werde, der ich bin und mit dem ich mich wohlfühle. Dann ist es nämlich egal was andere Menschen dazu sagen und ich kann die negative Meinung genauso akzeptieren, wie die Positive.

      Vielen Dank für die schönen Feedbacks......

      LG
      Mia

      14.06.2004, 10:23 von Gummibaer
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