jetsam 20.02.2013, 20:47 Uhr 28 75

Weil wir uns doch liebten

Liebe ist ein großes Wort, was lebt und genährt werden will wie Feuer.

Ich weiß nicht was es war. Nun liege ich auf meinen Kissen und kann nicht schlafen. Wortfetzen weckten mich wohl, die losgelöst im Raum wie ungebundene Moleküle umherschwirrten, sich manchmal auf meinem Kopf legten, jedoch weder Eingang noch Ausgang fanden. Früher drehte ich meinen Kopf und schaute in dein friedlich schlafendes Gesicht, nahm einfach deine Hand und schloss meine Augen. Gegenseitige Wärme und Geborgenheit war es, die uns verbunden hat. Nun liegst du so weit entfernt, dass ich dich nicht mehr erreichen kann. So bleibe ich alleine, steige aus dem Bett und setze mich mit einem Glas Wein auf die Ofenbank und schaue den letzten tanzenden Schneeflocken nach. ***

“Das wird schon wieder“, “ Gemeinsam schaffen wir das“, “Wir werden eine Lösung finden“.

Wie oft habe ich diese Sätze gedacht, gesagt, gehofft oder nur gewünscht. Heute weiß ich es besser, nur, ich weiß es für mich alleine. Wo kein Gleichklang zu finden ist, da schweben Molekühle frei im Raum.

Nunmehr ein halbes Leben haben wir miteinander verbracht, uns an den Händen gehalten, vertraut und die Blindheit und Schwäche des anderen getragen. Wir haben getanzt, gelebt und geliebt. Die unzähligen Sätze, die du mir zugeflüstert hast, ich hätte meinen Finger auf deine Lippen legen können, mit deinen Worten aussprechen, was du sagen wolltest. So etwas geht wohl nur, wenn Herzen verbunden im Gleichklang schlagen. Die funkelnden Augen ließen mich in dich blicken. In deine Seele und dein Herz. Was ich dort sehen konnte, das war auch so tief in mir. Alle Wege sind wir gemeinsam gegangen. Wenn es schwer wurde, dann haben wir unsere Hände fest gehalten, uns gegenseitig getragen. So wie du es auch getan hast, als ich zweifelte. So wolltest du nichts davon wissen, der Kinderwunsch wie eine Seifenblase zerplatzte, ich mit Tränen in der Tür stand, meinen Ring vom Finger zog. Dabei wollte ich doch nur nicht zwischen dir und deinen Lebensträumen stehen. Du hast zu mir gehalten, was ich immer bewundert habe. Letztlich haben wir es ja doch hinbekommen, die Kinder unserer Liebe. So sagt man doch, oder? So, wie ich auch zu dir gestanden habe, als du dich zurückgezogen hast, eine Goldwaage für Kleinigkeiten dein ständiger Begleiter wurde. Es musste ja Liebe sein, was uns verbunden hat. Liebe ist ein großes Wort, was lebt und genährt werden will wie Feuer.

Und warum sitze ich jetzt hier und greife in der Luft nach Worten, die mich nicht schlafen lassen wollen? Je länger ich hier verbringe werden sie deutlicher. Worte wie Angst und Vertrauen, Geborgenheit und Wärme, Hoffnung und Zuversicht. Sind es nicht genau die Bindeglieder, die das Wort Liebe ausmachen. Wächst aus Angst nicht Vertrauen? Gegenseitiges Vertrauen, sich auf den anderen einlassen und seinen Worten und Taten glauben schenken, so jegliche Angst nehmen lassen? Sorgen Geborgenheit und Wärme nicht für den Zustand, in dem Herzen im Einklang schlagen? Und was wäre Liebe ohne Hoffnung und Zuversicht für eine lange Zweisamkeit? Eine geschlage Stunde habe ich abermals mit mir verbracht, trinke den letzten Schluck aus meinem Glas, lege die Kopfhörer beiseite und mich auf meine Kissen. Wenn ich jetzt meinen kleinen Finger an deinen lege, so wünschte ich mir, du würdest danach greifen. Du warst doch immer die stärkere Kraft von uns beiden.

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28 Antworten

Kommentare

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  • 3

    wenn ich das lese könnte ich denken es ist der selbe Schmerz den ich empfinde. Jedoch war die Liebe der ich nachhänge nie so real und nie so greifbar gewesen. Ich mag mir gar nicht vorstellen wie groß der Scherbenhaufen für mich jetzt sein würede wenn unsere Liebe jemals so wirklich gewesen wäre. Trotzdem bereue ich es, dass sie es nie war

    05.03.2013, 16:21 von serpent
    • 2

      bereuen muss man höchstens, was man im leben verpasst hat, nicht dass, was hätte sein können. ;) 

      05.03.2013, 19:28 von jetsam
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  • 1

    wow....

    26.02.2013, 16:24 von FinchenMagLachen
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  • 2

    Oh, verdammt! Ja, das trifft es sehr gut.

    25.02.2013, 19:49 von TheCaptainsFiancee
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  • 1

    In anderen Foren wird über Verantwortung diskutiert.
     Ist selten, dass Mann dies auf ewig übernimmt.

    23.02.2013, 10:39 von zeitvergeudet
    • 0

      Man hat aber auch eine Verantwortung, sich selbst gegenüber, nur so neben bei und eigentlich auch  offtopic...

      25.04.2013, 21:23 von Tanea
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    So leise und dennoch so durchdringend, schön! :)

    22.02.2013, 17:05 von buffy555
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  • 2

    So zart und leise, sensibel wehmütig.

    21.02.2013, 22:31 von derHalbstarke
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  • 2

    Ein so trauriger Text, der mich durch die zarten Worte sehr berührt. Traurig-schön und schmerzhaft. So liest er sich. Die Musik passt und trägt, das Gelesene auf eine andere Ebene, die ich nicht beschreiben kann.
    "Liebe muss genährt werden wie Feuer". Oh ja. Es braucht viel viel Holz, manchmal hat es zu lange im Regen gelegen.

    21.02.2013, 21:08 von Sultanine
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  • 2

    sprachlos. 


    mit der Musik im Hintergrund hörte ich mein Herz pochen. 

    21.02.2013, 19:17 von FeineKleine
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  • 1

    Liebe kann so schmerzhaft sein. Schön geschrieben. 

    Manchmal kann es zumindest ein kleiner Trost sein, dass man noch in der Lage ist zu fühlen. 

    21.02.2013, 18:35 von kirschgruen
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