OutOfMind 10.05.2006, 13:48 Uhr 0 0

Weil ich eben nur halb Single bin

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte einfach nur mit meinen Freunden ein Bier trinken, einige baurige Sprüche reissen und ein paar Steaks flambieren.

Stattdessen kreisen meine Gedanken quasi ausschließlich um eine einzige Person, lassen mich nicht mehr los. Noch kann ich das vor meinen weniger engen Kumpels verbergen, die engen wissen eh schon was los ist.
Ich hasse es, verliebt zu sein.
Ich liebe es, verliebt zu sein.

Die Nacht ist für Mai recht mild, jedoch lässt mich mein Schlafmangel gemischt mit dem kühlen Beton der Straße doch frösteln. Wir liegen Seite an Seite mit dem Rücken mitten auf dem Weg, der in den Wald hineinführt. Ein wenig weiter den Weg hinab fangen die Schrebergärten an, irgendwo da unten höre ich ein paar Freunde lachen, bei dem spontanen Grillabend, bei dem wir eigentlich auch gerade sein sollten.
Ich lehne mich hinüber, umarme sie, ich spüre ihre weiche, warme Haut, schmiege mich an sie. Unsere Nasenspitzen begegnen sich, sie fährt mit ihrer an meiner entlang, es kitzelt ein wenig. Sie hat die Augen geschlossen, ich kann meinen Blick nicht von ihr wenden. Dann treffen sich unsere Lippen. Anfangs noch zaghaft, flüchtige Berührungen, dann intensiver, wir rücken enger aneinander, unser Atem beschleunigt sich hörbar, dann plötzlich hört sie auf, also halte auch ich inne.
„Was ist los?“ frage ich, quäle mich selbst mit dieser Frage, ich will die Antwort nicht hören, obwohl ich sie schon kenne. „Wir können das nicht tun.“ Ihre Stimme ist so leise, dass ich sie kaum verstehe. Ich könnte es mir sparen, doch trotzdem frage ich sie mal wieder „Warum das denn?“. Sie zögert länger als ich erwartet habe, „Weil ich eben nur halb Single bin“, flüstert sie schließlich leise.
Wow, immerhin doch eine etwas andere Antwort als ich erwartet habe. Neulich hieß dass noch „weil ich KEIN Single bin“.
Unsere Gesichter sind noch immer nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, ich spüre leicht ihren Atem. Ich könnte jetzt anfangen, ihr zu sagen, was für ein Arschloch ihr „Freund“ ist, wie er sie ausnutzt, wie er sich einen Dreck dafür interessiert wie es ihr geht, wie er sie betrügt und so weiter. Ich könnte sie fragen, was ihr eine solche Beziehung noch bringt, wenn sie sich selbst schon als halben Single bezeichnet, könnte fragen, warum sie nicht endlich einen Schnitt macht. Ich könnte sie außerdem fragen, warum sie dann überhaupt hier ist, mit mir, allein auf der Straße, wo sie doch erst kürzlich beteuert hat dass sie absolut nichts von mir will. Doch ich frage nichts. Ich bin ruhig. Nach einem kurzen Augenblick der Stille spüre ich wieder ihre Nasenspitze an meiner. Diesmal geht es von ihr aus. Wir küssen uns heftig, als hätte sie nie etwas gesagt, doch trotzdem schwirren diese Gedanken in unseren Köpfen herum, wie kleine Dämonen, die nicht wollen, dass wir diesen Moment einfach nur genießen.

Ein wenig später gehen wir zurück, in Richtung Grillfeuer. Wir waren lang genug weg, dass unsere Freunde Gerüchte schmieden konnten. „Hey, du weißt, kein Wort zu niemandem!“ sagt sie, bevor sie die Klinke zu dem eisernen Gartentor des Schrebergartens hinunterdrückt. Klar weiß ich das, werde schweigen wie ein Grab, damit es ihr Freund nicht erfährt, und auch sonst keiner. Ich lasse es aussehen, als würde mir das nichts ausmachen, doch das glaube ich mir nicht mal selbst. Ich will mit meinem besten Freund über sie reden, darüber dass ich glücklich bin, will dazu erst mal wirklich glücklich sein, sie in aller Öffentlichkeit im Arm halten, sie küssen können, den Druck ihrer zärtlichen Umarmung täglich spüren, nicht nur bei irgendwelchen Partys, wenn wir uns leicht betrunken irgendwo hinschleichen können, wo uns keiner sieht. Mal wieder wird mir klar, dass ich ihr verhalten nicht wirklich verstehe, in der Luft hänge, nicht weiß was zur Hölle ich eigentlich gerade mache oder was ich besser machen sollte.
Ich kann meine Gedanken nicht weiterspinnen, da wir am Feuer angekommen sind, heitere Stimmung, ein Freund drückt mir ein neues Bier in die Hand, ich setze mich, sie sitzt woanders. So leere ich mein Bier, starre ins Feuer.

Eher weniger heiter.

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