marla_mn 09.02.2012, 20:34 Uhr 4 4

Was noch?

Gott ist ungerecht. War er neidisch auf mich, dass er dich mir einfach so entriss?

Die halbleeren Flaschen in meiner Wohnung, die mich wortlos anschauen, stecken ihren Flaschenhals in mein Mund, entleeren sich nacheinander in meinen Magen. Je mehr ich trinke, je mehr ich atme, je mehr ich denke, desto lauter wird der Klang deiner Stimme, bis sie meinen Verstand füllt. Versuche vergebens, dein Gesicht aus meinen Augen loszuwerden. Kratze sie blutig, bis ich nur noch rot sehen kann. Halte mir die Ohren zu, press meine Lippen einander, bis sie blau werden.  Ich kann mich nicht bewegen. Es ist fast so, als hätte ich all meine Energie und all mein Lachen in den letzten 12 Monaten verbraucht.

Irgendeine unsichtbare schwere Masse drückt meinen Körper gegen den Boden. Irgendeine Kraft zieht meine Augen immer wieder zu dem Bild, das auf dem Schreibtisch liegt. Du siehst so glücklich aus. Wir sehen beide glücklich aus. Wir wollten doch einfach zusammen sein. War das etwa zu viel verlangt? War Gott auf mich neidisch, sodass er dich mir einfach so entriss? Was habe ich getan?

Ich frage mich, wie es wohl ist, wenn man tot ist. Ist dieser ganze Mist, den man sich erzählt, alles wahr? Dass man in den Himmel kommt und all die Menschen wieder trifft, die man geliebt hat. Das Paradies... da laufen sie alle in langen weißen Gewändern rum, fressen Trauben aus den Händen von wunderschönen Jungfern. Beglückwünschen sich zu ihrem erfolgreich abgeschlossenen Leben und ficken auf Wolken. Was zum Teufel machen wir hier dann überhaupt?

Vor einigen Jahren war ich eine Optimistin, die sich vorgenommen hatte, Medizin zu studieren. Bisschen Geld verdienen, mit dem verdienten Geld vielleicht hier und da mal in neue Länder reisen. Fotos online bei Facebook hochstellen. Mit quickenden Freundinnen shoppen gehen, Schuhe anprobieren. Damit im Laden rumlaufen und sich freuen, dass man 12 cm größer wirkt, aber kaum darauf stehen kann. Meine Eltern besuchen und mit Freunden feiern. Mein Leben feiern, das bis zu deinem Tod noch perfekt war.

Jeden Morgen hast du  mich mit deinen nassen Haaren aufgeweckt, als du singend und frisch geduscht aus dem Bad herauskamst. Hast dich einfach so auf mich gelegt und die restlichen Wasserperlen an deinem Körper großzügig auf meinen Rücken verteilt. Wie habe ich dich gehasst, als du das gemacht hast. Hab dich weggeschubst und angefaucht, du sollst das ja nicht wieder machen. Grinsend hast du mich gefragt, ob ich Tee will und einmal beim Umdrehen ist dir dein Handtuch weggerutscht. Hast deine Hände vor deinem besten Stück gehalten und mich mit roten Backen beschämt angelächelt.

Was würde ich dafür geben, das nocheinmal zu erleben. Dein wunderschönes Gesicht in meinen Händen halten, deine Lippen, wie sie mich am Nacken entlang küssten. Deine Augen, die vor Wut funkeln konnten. Deine Hände, die mich sanfter berührten, als alle Federn auf der Welt.












Tags: Liebe Trennung Tod
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4 Antworten

Kommentare

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    Gänsehautfeeling! Man vermag sich diese Situation gar nicht vorstellen. 

    09.02.2012, 23:20 von anna-bolika
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    Die ersten vier Absätze finde ich nicht so gut geschrieben, die letzten beiden aber, in denen steckt so viel Gefühl, so viel Schmerz, dass mir ganz komisch zumute war.

    09.02.2012, 22:13 von NeverGrowUp
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      Ja, geht mir ähnlich. Je mehr ich über den Text nachdenke und die Situation darin, desto mulmiger wird mir.

      11.02.2012, 14:04 von vexierbild
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    Gut geschrieben. Vor allem der letzte Teil. Hatte nie so eine Situation, aber wenn ich darüber nachdenke, wenn es bei mir so wäre, würde ich selbst daran kaputt gehen.

    09.02.2012, 21:57 von Sophie_Winkel
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