Was ich noch sagen wollte, jetzt, nachdem du gesagt hast, es ist besser, wenn wir uns eine zeitlang nicht sehen.
Lieber F.,
ich esse zurzeit sehr viel Schokolade. Ich habe mir angewöhnt, nicht alles in dem Kiosk unten im Haus zu kaufen, Ali schimpft doch schon mit mir, wenn ich zu oft Zigaretten bei ihm kaufe, sonst fängt er auch noch an meine Ernährungsgewohnheiten unter die Lupe zu nehmen. Ich kaufe an einem Abend in dem Kiosk an der S-Bahnstation Schokolade, dann an dem Kiosk auf dem Weg nach Hause, wenn ich umsteigen muss, und nur an jedem dritten Abend bei Ali. Dann fällt es ihm nicht so sehr auf. Ich sollte die Schokolade besser im Supermarkt kaufen, da ist sie 30 Cent billiger, das rechnet sich.
Lieber F.,
ich war jetzt endlich in dem Benchladen in Mitte, den Gutschein einlösen, du weißt doch noch, von dem Pulli, den du mir zum Geburtstag geschenkt hast. Ich fand doch die Farbe so scheußlich, da merkt man echt, dass du nicht auf solche Dinge achtest, ich trage doch nie lila. Das hätte dir doch irgendwann mal auffallen müssen.
Es gab den gleichen Pulli dort noch. Ich habe ihn mitgenommen.
Lieber F.,
ich denke manchmal, ich stürze alle Menschen um mich herum ins Unglück. Erst der Baguetteverkäufer, der, bei dem ich immer zu Mittag gegessen habe. Und dann war ich zwei Wochen nicht dort, weil ich die Baguettes nicht mehr sehen konnte und dann hat er dicht gemacht. Es war meine Schuld, natürlich. Und jetzt der Kellner in der Pizzeria. Der stand jeden Abend vor der Tür, zwei Jahre lang, und hat immer, jeden Abend, wenn ich vorbei gelaufen bin, gerufen: Pizza, Pasta, Salate. Vor zwei Wochen hat er aufgehört, da hat er gar nichts mehr gesagt, ich dachte einfach, er hat endlich verstanden, dass ich nicht bei ihm essen mag. Aber vielleicht hat er zu niemandem mehr was gesagt und der Besitzer hat ihn rausgeworfen. Wer weiß, vielleicht hat er sich umgebracht oder er säuft oder ich weiß nicht was. Man kennt das ja. Hätte ich doch nur einmal bei ihm gegessen. Seit heute steht da ein anderer, der sagt ernsthaft: Guten Abend gnädige Frau. War schön Sie kennen zu lernen.
Lieber F.,
wie lang ist eine Zeit?
Lieber F.,
es tut ja nicht so richtig weh, es ist mehr so, wie wenn man sich in den Finger geschnitten hat und es nicht mehr aufhört zu bluten. Blut fließt lautlos, deshalb sind Actionfilme auch immer so laut, weil man das Blut nicht fließen hört. Vielleicht hätten wir mal einen Actionfilm sehen sollen, nicht immer diese Autorenfilme. Vielleicht wäre es dann gut gegangen mit uns.
Lieber F.,
heute war wieder der Mann im Laden, ich habe dir von ihm erzählt, der arbeitslose Architekt mit dem barocken Wesen, der von Zeit zu Zeit vorbei kommt und mir von seinem Unglück berichtet. Du erinnerst dich vielleicht, er hat nur ein einziges Haus gebaut und das ist abgebrannt. Wahrscheinlich hat es der Besitzer sogar selbst in Brand gesteckt, Versicherungsbetrug. Vielleicht wäre er vor hundert oder dreihundert Jahren sehr erfolgreich gewesen und man würde seine Bauwerke heute bewundern, aber so, in diesen Zeiten, ist es sicher bitter für ihn zu erkennen, dass er als einfacher Bankkaufmann bestimmt glücklicher gewesen wäre. Jetzt stinkt er leider immer wie ein Penner. Ehrlich gesagt, ich würde mir auch kein Haus von jemandem bauen lassen, der stinkt.
Ich bringe ihn meistens zum Lachen, deshalb kommt er ab und an. Mir war heute aber ganz und gar nicht nach dem Unglück anderer Leute zumute. Er erzählte mir von dem Buch, dass er geschrieben hat, und das keiner haben will. Ich habe ihn getröstet, glaube ich, ich kann mich nicht mehr erinnern. Dann hat er gesagt, dass er gut zu den antiquarischen Büchern passt, er ist ja selbst auch antiquarisch. Dabei ließ er den Kopf hängen. Dass ihn, das antiquarische Exemplar, niemand braucht. Und so weiter.
Gerade als er anfing richtig zu nerven, kam ein Mann zur Kasse, wir haben ihn beide sofort erkannt. Es war Franco Stella. Stellas feine Nasenflügel kräuselten sich, als würde er sich vor etwas ekeln, als könne er erfolglose Architekten riechen. (Können sich Nasenflügel kräuseln? Seine konnten das.) Der barocke Mann stand hinter ihm und musterte ihn von oben bis unten und dann von unten bis oben und so weiter, die ganze Zeit, bis Stella aus dem Laden ging, dabei zog er einen Trolley hinter sich her.
Da habe ich zu ihm gesagt, das war gerade wohl der derzeit unbeliebteste Mann in ganz Berlin. Da hat er doch gelacht, betont bitter, wie er immer lacht. Zur Feier des Tages hat er tatsächlich auch ein Buch gekauft. Beim Rausgehen hat er immer noch gelacht und gerufen: Und ich dachte immer, ich sei der ungeliebteste Mann in ganz Berlin. Er hatte mich falsch verstanden.
Lieber F.,
ich kann schon verstehen, dass du nicht mehr mit mir reden willst, ich erzähl ja auch nur langweiliges Zeug. Hast schon recht damit.
Lieber F.,
ich wollte eigentlich nicht ins Berghain, ich hatte Angst, dich dort zu treffen. Aber die anderen hatten mich mitgeschleppt. Zuerst war ich lange unten, ich stand direkt vor den Boxen, es wummerte richtig laut, die Musik war fast greifbar, als wäre da keine Luft um uns, sondern Gelee, das tat gut. (Ich habe vergessen, was das für eine Anlage ist, du hast es mir erzählt, aber ich kann mich nicht mehr erinnern.) Dann habe ich in der Panoramabar getanzt, mit einem Jungen. Ich bin mit ihm nach Hause und wir haben miteinander geschlafen. Es war okay.
Lieber F.,
heute steht Wolfstag in meinem Kalender. Wir haben nie geschafft, den richtig zu feiern, immer dann hatten wir uns gerade getrennt. Ich werde es nie vergessen. Wie wir nachts auf dem Teufelsberg rumgelaufen sind, die Planen der Abhörstation schlugen gegen das Gestell, das hörte sich grauselig an. Und dann so ganz im Dunkeln, man hat die Hand nicht vor den Augen gesehen. Du meintest plötzlich ein Knurren zu hören. Ich habe nichts gehört. Und dann plötzlich doch. Ganz nah. Ganz nah und ganz laut und ganz tief, furchtbar laut und tief. Und böse. Ich höre es jetzt noch. Direkt neben uns, es war so laut, keinen halben Meter war das weg. Aber gesehen haben wir überhaupt nichts. Dann erinnere ich mich nicht mehr. Du sagst, ich sei zuerst panisch den Hang hinunter gelaufen. Und dann hinter dir her nach oben in Richtung Abhörstation, in Richtung Auto. Ich erinnere mich erst wieder an den Trampelpfad oben, wie du da standest, mit einem riesigen Ast, den du aus dem Gebüsch gezogen hast. Der war sogar länger als du. Viel zu unhandlich. Wie hieß eigentlich das Café, in dem ich zwei Tassen heiße Schokolade mit Sahne getrunken habe? Ich war doch neu in Berlin, es muss irgendwo in Charlottenburg gewesen sein, aber ich habe keine Ahnung wo. Aber die Schokoladen machten es auch nicht besser. Ich hatte immer noch das Gefühl, gleich fällt mich das Viech von hinten an. Das war der Schock. Da bist du mit mir mitgegangen. Drei Jahre ist das jetzt her. Es könnten auch zehn oder zwanzig sein.
Und am nächsten Tag musstest du dein altes Auto verschrotten lassen. Du bist mit dem alten Auto gefahren, ein letztes Mal, und ich hinterher mit dem neuen. Zwischendurch musste ich anhalten. Ich bin in irgendeinen Park in Friedrichshain gerannt und habe da ins Gebüsch gekotzt. Du hast dich zwar ein bisschen gewundert, aber hast nichts gesagt, du bist einfach in den nächsten Kiosk gegangen und hast eine Flasche Wasser gekauft, zum Ausspülen. Dann sind wir weitergefahren, ich hinter dir her.
(Ich habe dir das nie erzählt, aber ich habe schon einigen Männern vor die Füße gekotzt, kurz bevor wir uns eigentlich küssen wollten, ich muss immer kotzen, wenn ich mich verliebt habe.)
2 Jahre später...
Lustig, was man so beim Ausmisten findet. Ich schmeiß das jetzt mal nicht weg. Ach, F., das ist so lange her.






Kommentare
ich finds voll gut. voll wahr und so
30.07.2010, 14:25 von starlite_stacyJa, ja und ja. Die beiden Stellen sind toll (vor allem diese eine simple Frage...) und das Ende ist vielleicht überraschend aber es trotzdem nicht wert.
18.11.2009, 17:34 von coronariaDer Text insgesamt dagegen: Schön.
Ich weiß nicht warum, aber ich mag den Text sehr. Nur die beiden letzten Sätze stören.
18.11.2009, 12:20 von Tim123"es tut ja nicht so richtig weh, es ist mehr so, wie wenn man sich in den Finger geschnitten hat und es nicht mehr aufhört zu bluten. Blut fließt lautlos, deshalb sind Actionfilme auch immer so laut, weil man das Blut nicht fließen hört. Vielleicht hätten wir mal einen Actionfilm sehen sollen, nicht immer diese Autorenfilme. Vielleicht wäre es dann gut gegangen mit uns."
16.11.2009, 19:57 von AnnaEckesuper!