human_coloured_alien 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 2

Warum ich wieder an dich denke

Warum ich überhaupt damit angefangen habe. Und warum ich glaube, dass ich nie damit aufgehört habe.

September 2001
Ich hatte dich nie zuvor gesehen, aber dann, zu Beginn der 9. Klasse standest du gegen die Wand neben unserer neuen Klassenzimmertür gelehnt. Deine Haare waren, bis auf den traurigen Pony komplett kurz geschoren, was in Kombination mit deinen großen dunklen Augen, deiner blassen Haut, deiner kleinen Statur und deinen schmalen Gesichtszügen zugegeben eher lächerlich aussah, als irgendetwas sonst.
Meine Freundin erwartete mich schon, mit einem für sie typisch abschätzigem Gesichtsausdruck und einem diskreten Kopfnicken in deine Richtung fragte sie mich - und ich schwöre, das war der genaue Wortlaut - "Wer ist das denn? Der sieht ja aus, als wär er gegen einen Baum gelaufen!"
Ich wünschte, es hätte sich anders abgespielt, doch genau so war er gewesen - der Moment, in dem ich dich zum ersten Mal gesehen hatte.
Du saßt dann ein ganzes Schuljahr an dem Tisch hinter mir, aber obwohl du derjenige warst, der aussah, als sei er gegen einen Baum gelaufen warst du innerhalb kürzester Zeit in den Teil unseres Jahrgangs integriert, der den Ton angab und der mich bestenfalls wie Luft behandelte.

März 2012
Nicht zuletzt deshalb dauerte es über zehn Jahre, bis wir ein paar erste Wort wechselten. Ich hatte ein Konzert im Jugendzentrum organisiert, hatte mich in den letzten Jahren von einem dürren, unsicheren und sozial ungeschickten Teenager zu einer gut proportionierten, selbstbewussten - und nach Aussage anderer relativ faszinierenden - jungen Frau entwickelt, die gerade zur Kasse ging und den dort sitzenden Jungs mitteilen wollte, dass sie nun, da die letzte Band gleich beginnen würde, nur noch die Hälfte des Eintritts verlangen sollten, als du hereinkamst. Du kanntest mich, natürlich, du hattest mich immer gekannt aber bisher geflissentlich ignoriert. Jetzt aber wolltest du gerne möglichst wenig Eintritt zahlen und ich sah so aus, als hätte ich in dieser Angelegenheit etwas zu sagen.
Du legtest also den Kopf schief und fragtest, ob ich "für dich" nicht eine Ausnahme machen könne. Ich kochte innerlich, hattest du doch zuvor nie auch nur ein einfaches "Hallo" über die Lippen gebracht, wenn du mich gesehen hattest. Dennoch lächelte ich und meinte gönnerhaft zu den Jungs an der Kasse: "Ihn könnt ihr für drei reinlassen". Erst als du zurückgelächelt, dich bedankt und nach innen verschwunden warst, raunte ich den beiden zu: "Das gleiche gilt ab jetzt auch für alle Anderen."

November 2012
Unser erstes längeres Gespräch wurde vor allen Dingen dadurch gestört, dass mein betrunkener bester Kumpel dabei neben uns stand und mir damit auf die Nerven ging, dass ich seinen Deckel abkassieren sollte. Wir waren in der Kneipe, in der ich seit einigen Wochen arbeitete und du warst überrascht mich dort hinter dem Tresen zu sehen. Wir tauschten einige Sätze aus, die über Smalltalk nicht hinausgingen.
Erst ein paar Wochen später wurden aus diesen paar Sätzen ein stundenlanges Gespräch. Es war unter der Woche und eine kanadische Reggae und Ska Band gab ein Konzert in unserer Kneipe. Du hattest dir extra dafür Urlaub genommen und während du am Tresen saßt und deinen Havanna Cola leertest, hörtest du aufmerksam zu, wie ich einer alten Bekannten erzählte, was ich seit dem Abi vor sechs Jahren alles getan hatte. Ich wunderte mich über deine Blicke, aber das Gespräch ging von der alten Bekannten zu natürlich zu dir über, dass ich mich erst Stunden später fragte, wie es eigentlich dazu gekommen war.
Den ganzen Abend über saßt du vor mir, während ich dir Havanna Cola nachschenkte, du mir jedes Mal 20 Cent Trinkgeld gabst und ich Gläser spülte und wir redeten, bis die Kneipe immer leerer wurde und nur noch die Band einen Whisky nach dem anderen trank.
Mit strahlenden Augen erklärtest du, dass du so froh seist, endlich einmal mit mir geredet zu haben und dass du es bereuen würdest, das nicht schon längst getan zu haben. Du sagtest, du fändest mich total super und dass es zum Glück nicht zu spät sei, Freunde zu werden.
Als ich nach hause kam, wartete auf Facebook deine Freundschaftsanfrage und das Video zu "Dein Lächeln verdreht Köpfe" von Fiva und dem Phantom Orchester. Da hab ich angefangen, an dich zu denken, überrascht von mir selbst. Niemals hatte ich gedacht, dass ich eines Tages an dich denken würde.

Als ich ein paar Tage später im Schneidersitz auf deinem Sofa saß, während draußen die Sonne aufging und wir wieder seit Stunden geredet hatten, erst in der Kneipe, dann, nachdem ich dich nach hause gefahren hatte, in deinem Wohnzimmer und du mich nur noch fassungslos anstarrtest, weil ich gerade den Milleniumfalcon in der Ecke als solchen identifiziert hatte, da war es längst zu spät, noch einmal genauer darüber nachzudenken, was das hier sein sollte. Als du nach einer gefühlten Ewigkeit schüchtern meine Hand in deine nahmst, war sowieso alles zu spät.

Juni 2013
Monatelang hattest du dich dann eher am äußersten Rand zum perfekten Freund bewegt und ich dachte an dich, von früh bis spät, von spät bis früh und dazwischen auch. Ich liebte dich bis zum Herzstillstand und nichts auf der Welt hätte mich davon abbringen können, den Rest meines Lebens mit dir zu verbringen. Bis auf dich. Und genau das tatest du.
Du littest unter dem Job, den fehlenden Perspektiven, darunter, dass du keinen Respekt für die Tätigkeit aufbrachtest, die du täglich ausüben musstest. Du littest unter der Sackgasse, in die du dich aus Nachlässigkeit selbst manövriert hattest, du littest unter dem Gefühl selbst an deiner Unzufriedenheit Schuld zu sein und unter der Antriebslosigkeit, die dich zwang, deine Situation hinzunehmen. Und darunter, die guten Dinge deines Lebens nicht mehr wertschätzen zu können. Und zu denen zählte ich.
Nicht einmal 3 Wochen nachdem du mir noch beteuert hattest, dieser Zustand sei temporär und ich die beste Freundin der Welt, der du alle Entbehrungen der letzten Monate eines Tages vergelten würdest, nicht einmal 24 Stunden nachdem ich dich zum Abschied fest in den Arm genommen hatte - hätte ich es gewusst, ich hätte dich noch ein wenig länger gehalten - waren meine Tränen und meine Enttäuschung zu viel für dich und vor allem für dein Bedürfnis nach Ruhe und du schobst mich weit weg von dir, so weit wie nur irgend möglich.
Ohne Erklärung, ohne Aussprache. Wir haben nie darüber gesprochen, wieso du an ihr festhieltst, an dieser Entscheidung, die du innerhalb von Sekunden getroffen haben musstest. Nie darüber gesprochen, warum es dir danach trotzdem nicht besser ging.

September 2013
Ich hatte zwei Monate lang geweint, beinahe jeden Tag. Meistens unter der Dusche, wo ich die grünen Fliesen anschrie und fragte, warum du mich nicht wolltest. Ich fuhr nach England und hoffte, dass ich dort nicht an dich denken würde. Das klappte auch, manchmal. Für ein paar Stunden. Dann saß ich in der Tube und weinte wieder.
Eines Tages merkte ich, dass es weniger wurde. Dann eines Morgens dachte ich, du seist endlich ganz weg.
Ich lernte einen Anderen kennen und versuchte, euch niemals zu vergleichen, obwohl er all die Dinge tat, die ich bei dir so vermisst hatte. Er kam überall mit, ließ sich von einer Feier zum nächsten Konzert schleppen, verbrachte ganze Wochenenden bei mir zuhause, brachte mir Geschenke mit. Ich war beinahe glücklich. Doch als du auf eine SMS von mir wegen meines Autos antwortetest schlug mein Herz schneller als bei seinem ersten Kuss. Ich entdeckte, dass er all die Dinge nicht konnte, die ich an dir so geliebt hatte. Mir mit einer einzigen ironischen Bemerkung allen Wind aus den Segeln nehmen. Mir mit einem einzigen Blick das Gefühl geben, ich würde sterben, könnte ich dich nicht sofort berühren.

November 2013
Etwa ein Jahr, nachdem ich angefangen hatte an dich zu denken, traf ich dich wieder. Wir redeten und nach ein paar Minuten war es, als wäre nichts gewesen, als hätten wir die Zeit und die Leute um uns herum völlig vergessen. Du warst glücklich, hattest einen neuen Job, mit neuen Perspektiven und neuem Respekt vor dir selbst. Ich sah dir zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in die Augen und verstand nicht, warum ich einmal finden konnte, du sähest aus wie gegen den Baum gelaufen. Du nahmst mir wieder mit einer einzigen ironischen Bemerkung allen Wind aus den Segeln. Es fühlte sich so natürlich an, mit dir zu lachen. Es fühlte sich so unnatürlich an, dich nicht zu berühren.
Drei Mal riefen mich meine Freunde und als ich endlich zu ihnen ging, umarmte ich dich zum Abschied und schlug vor, irgendwann einmal einen Kaffee trinken zu gehen,
In deinem Gesicht ging die Überraschung auf wie die Sonne, als hätte ich eine Tür geöffnet, von der du schon nicht mehr geglaubt hattest, sie könne möglicherweise überhaupt noch existieren. Deine Augen wurden groß und dein Lächeln wurde breit und deine Hände ließen meine Arme noch einige Herzschläge länger nicht los. "So auf blöd, auf einen Kaffee", meintest du und fügtest hinzu: "Sobald ich mein Leben wieder auf die Reihe gekriegt hab. Ich bin auf einem guten Weg!"

Du hattest damals gesagt, ich solle mir keine Hoffnungen machen und ich habe versucht mich daran zu halten und sie alle im Keim zu ersticken. Die Tatsache, wie schnell sie wieder lebendig waren, lässt Aufschluss darüber zu, dass ich das vermutlich doch nie ganz geschafft habe. Doch trotzdem ist das Auf-die-Reihe-kriegen des eigenen Lebens keine gängige Bedingung für einen unverbindlichen Kaffee mit einer Ex-Beziehung.
Verzeih mir also, wenn ich wieder an dich denke.

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