Mitbewohnerin_von_einem_Freund 30.11.-0001, 00:00 Uhr 11 41

Warten macht verlieren

Einmal hast du gesagt, es ist immer zu viel. Und dann bleibt es halt zu wenig.

Spring noch einmal mit mir in den See. Und diesmal hab nicht so viel Angst vor dem Wasser. Unsere Sachen lassen wir in der Sonne trocknen, bis sie untergeht. Barfuß lässt es sich viel schöner durch das Gras laufen.

Später an diesem Abend liegen wir leicht angetrunken bei dir im Bett. Wir liegen nur dort und es ist viel zu heiß in diesem Zimmer. Ich döse trotzdem halb weg und irgendwann rüttelst du an mir.

Du sagst „Riskier doch mal was. So was ganz Großes.“ Und meinst damit uns. Aber ich kann nicht. Mir fehlt das Sprungtuch unter dem Seil der Möglichkeiten. Du sagst, „Warten macht verlieren.“Ich glaube dir, aber es ändert nichts. Ich hab schon immer bereut, dass ich so viel Misstrauen in mir trage.

Und plötzlich wache ich auf und morgen ist gestern und ich weiß zwar wo ich bin, aber nicht, ob ich hier sein möchte. Noch weniger, ob ich hier sein sollte. Ich wollte doch nur da bleiben, wo Küsse nach Sehnsucht und Meer schmecken und nicht nach labbrigem Sekt und zweifelnden Gedanken. Ich möchte wieder da hin, wo wir auf Bäume kletterten und nicht von Gefühlsklippen sprangen. Die Nacht hat so gut gerochen. Nach Sommer, nach warmen Asphalt, nach dir.

Einmal hast du gesagt, es ist immer zu viel. Und dann bleibt es halt zu wenig.

Ich drehe das Herz um. Es hilft nichts und niemand. Ich renne auf die Gleise auf der Suche nach dem Zug der damals weggefahren ist. Im Fundbüro rufe ich an. Keiner hat mein Leben gefunden. „Das wird schon.“, sagen sie mir. Aber das wird nicht. Das wurde noch nie.

Ich schlafe ein und mein Kopf prallt gegen die Fensterscheibe des Zugabteils. Hoffnung tut weh. Fluglärm und der Klang platzender Seifenblasen. Du und ich. Inzwischen ist die Landschaft wieder von der Nacht verschlungen.

Vielleicht verstehst du mich. Da sind Buchstaben vor mir und nicht du. Das ist schade und mehr als das Wort. Unerträglich. Alltag bestimmt das Danach.  

 Mag ich!


Tags: Warten, verlieren, zu spät, Zug abgefahren, Herz gegen Verstand, Hoffnung, seifenblase, Nachtgedanke, Leben, Alltag, schade
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11 Antworten

Kommentare

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  • 0

    "Im Fundbüro rufe ich an. Keiner hat mein Leben gefunden."


    mag ich!

    22.02.2015, 21:50 von wachsmalkreide
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  • 0

    Wunderbar!

    21.02.2015, 23:34 von HappyEla
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  • 0

    danke, danke, danke!

    21.02.2015, 22:08 von Wolkenduft
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  • 0

    Ich finds super! 


    21.02.2015, 21:56 von tikadestroya
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  • 0

    Ich kann die Gedanken der Protagonistin sehr gut nachvollziehen.

    Wirklich gut geschrieben.

    Bin übrigens neu hier. Wäre nett wenn ihr mal vorbei schaut und ein Kommentar da lasst. Will mich ja auch verbessern / dazu lernen.

    21.02.2015, 16:29 von _Jubilee_
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  • 5

    da sind ein paar gute sätze drin. also stilistisch.

    inhaltlich is es genau das, was mich wände hochgehen lässt. ich verstehe die protagonistin nicht und mich macht dieses romantisch verklärte leiden aufgrund von angst, irre.
    machen! tun! leben! leiden!... nix is so schlimm wie lau ... bäh!

    19.02.2015, 20:47 von pocket
    • 2

      altes Thema Mutlosigkeit.. Liebe in Gedanken.. nur denken zu tun, Gefühle ohne Handeln..
      hat eben viel mit Vertrauen zu tun, letztlich Selbstvertrauen, 
      lernen geht nur durch machen, machen kann scheitern, das aushalten brauch Selbstvertrauen.. ohne scheitert alles .. was bleibt is Leiden und Klagen.. 

      bis Leidensdruck irgendwann hoffentlich groß genug und zur NOTwendigkeit der Abhilfe wird..

      19.02.2015, 21:42 von schauby
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  • 0

    Schön! Ich mag es, wie du die Dinge so schön vergleichst und doch voneinander abgrenzt.
    "Ich möchte wieder da hin, wo wir auf Bäume kletterten und nicht von Gefühlsklippen sprangen"

    19.02.2015, 16:48 von Comina
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  • 0

    Ist was schönes.

    19.02.2015, 15:25 von marco_frohberger
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  • 0

    Toll geschrieben ! :)

    19.02.2015, 14:33 von Holzgeschichten
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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