Wäre ich ein Stück vom Himmel
Dann gehst du wieder und ich verabschiede dich mit einem Lächeln. Mein Herz schreit, weint, zerbricht und blutet unterdessen.
Wäre ich ein Stück vom Himmel, würdest du zu mir aufsehen? Wäre ich ein Telefon, würdest du mich anrufen? Wäre ich ein Buch, würdest du mich lesen?
Wir sitzen im Auto, du drehst die Musik auf und legst deine Hand auf meine. Ich sehe zu dir herüber und beobachte dich, wie du den Text zur Musik mitsingst und sich dein Kopf dabei bewegt. Ich muss lächeln. Ich schließe die Augen und spüre deine Berührung in meinem ganzen Körper. Es ist atemberaubend dieses Gefühl. Es kribbelt. Es verzaubert mich. Es ging so schnell, wir kannten uns kaum. Doch schon als ich dich zum ersten Mal sah, wusste ich es. Du hast über dich erzählt, ich folgte dir, soweit es meine Aufmerksamkeit zuließ. Immer wieder versank ich in deinen Augen. Deine Augen. Sie strahlen. Sie sind scheu, doch voller Sicherheit. Sie sind geheimnisvoll, doch voller Ehrlichkeit. Ich wünschte so sehr, wir beide hätten eine Chance. Ich vermisse deinen Geruch, deine Nähe, dein Lächeln, dein Fluchen, deinen besorgten Blick, deine Art, wie du leise durch die Nase schnaufst beim Lachen, deine zärtlichen Küsse, alles an dir.
Hätte ich meine Hoffnung verloren, würdest du mir Mut machen? Hätte ich nur einen Arm, würdest du mir helfen, mein Regal aufzubauen? Hätte ich keine Zahnbürste, würdest du mir deine leihen?
Ich lehne meinen Kopf an deine Brust und halte mich an dir fest um nicht zusammenzubrechen. Dein weißes Hemd ist verschmiert von meiner Wimperntusche und nass von meinen Tränen. Du fährst mit deiner Hand durch mein Haar. Du sagst, dass du mir nicht helfen kannst. Du sagst, dass du einen Arzt holen musst. Ich flehe dich an, das nicht zu tun. Ich sage, dass sie mir alles wegnehmen werden, dass sie mich nicht mehr zu dir lassen werden. Ich sehe die Verzweiflung in deinen Augen. Du greifst zum Telefon. Bitte tu es nicht. Bitte. Mir geht es gut. Ich brauche dich. Die Schwester kommt herein und bittet mich mitzukommen. Ich kann es nicht fassen. Ich dachte du willst mir helfen. Ich gehe zur Tür, du bleibst stehen, mitten im Raum, ich drehe mich noch einmal um und sehe dich an. Ich will, dass du meine Enttäuschung spürst. Mein Blick ist leer, entsetzt. Langsam schüttel ich meinen Kopf, den Blick starr auf dich gerichtet und sage, dass ich es dir nicht hätte sagen sollen. Warum habe ich es bloß getan. Ich hätte es dir nicht sagen sollen, sage ich, drehe mich um und gehe. Du sagst nichts. Ich folge der Schwester schweigend die Treppe hinunter. Meine Hände zittern. Ich habe dir vertraut. Ich habe dir alles anvertraut. Und du lässt mich alleine. Ich bin dir nichts wert. Jetzt weiß ich es.
Wäre ich ein Mantel, würdest du mich tragen? Wäre ich eine Sonnenblume, würdest du mich gießen? Wäre ich eine Kerze, würdest du mir beim Brennen zusehen?
Es ist eiskalt und ich friere trotz meiner warmen Winterjacke, den Stiefeln, Mütze und Schal. Wir laufen zusammen den schneebedeckten, schmalen Weg des Parks entlang. Ich erkläre dir mein Leben und du mir deins. Ich bin ehrlich zu dir. Du nimmst meine Hand. Während wir weiterlaufen, schaust du zu mir rüber und lächelst mich an. Ich lächel zurück und beiße mir mit meinen Zähnen auf meine Unterlippe. Wir wissen beide, was gerade passiert. Du öffnest deine Jackentasche und holst ein Päckchen Zigaretten hervor. Du zündest eine an und sagst, dass du das jetzt machen musst. Sonst würden wir uns noch küssen. Ich bin erstaunt und muss lachen. Du hast recht.
Wäre ich ein weites, stürmisches Meer, würdest du auf mir segeln? Wäre ich ein Schaf, würdest du mich füttern? Wäre ich ein Baby, würdest du mich in deinen Armen halten?
Ich steige aus der Dusche und wickel mir ein Handtuch um. Ich trockne meine Haare ab, kämme sie und fange an sie mit dem Föhn zu trocknen. Es klopft an die Tür. Ich habe keine Ahnung, wer es sein könnte. Ich rufe, einen Moment kurz, ziehe mir schnell einen Bademantel an und öffne die Tür. Da stehst du. Ich lasse dich herein und wir setzen uns auf die Couch. Ich hatte nicht mit deinem Besuch gerechnet. Du wolltest nur kurz mit mir reden, sagst du. Ich weiß auf einmal nicht mehr, wie ich mich bewegen soll und frage mich, wie wohl meine halbtrockenen, vom föhnen abstehenden Haare aussehen. Mein Gesicht glüht, weil es noch so warm ist vom duschen und föhnen, oder auch nicht nur deshalb. Du siehst mich an und ich sehe Tränen in deinen Augen. Es zerreißt mir das Herz dich so zu sehen und ich weiß nicht was ich machen soll. Ich sitze einfach nur da. Du sagst, du willst nicht, dass ich etwas falsch verstehe, deshalb müsstest du mir etwas sagen. Ich habe keine Ahnung, was du meinst, ich bin zu überfordert mit dieser überraschenden Situation. Dann sagst du es. Einfach so. Ich höre deine Worte, aber sie kommen gar nicht an. Ich kann sie nicht an mich ranlassen. Du sagst, du wärst nicht verliebt in mich. Ich tue so, als hättest du mir gerade gesagt, dass das Wetter morgen nicht so gut werden soll. Ich frage nur, warum du mir das jetzt gesagt hast und du antwortest, du wolltest nicht, dass es ein Missverständnis gibt. Ich tue so als würde ich überhaupt nicht nachvollziehen können, wie du darauf überhaupt kommst. Dann gehst du wieder und ich verabschiede dich mit einem Lächeln. Mein Herz schreit, weint, zerbricht und blutet unterdessen.
Hätte ich keine Freunde, würdest du zu mir halten? Hätte ich kein zu Hause, würdest du mich aufnehmen? Könnte ich nicht laufen, würdest du mich tragen?
Kerzenlicht. Leise Musik im Hintergrund. Ich sitze mit angezogenen Beinen dir gegenüber und umschlinge meine Beine mit den Armen. Wir sitzen in der Badewanne. Es ist 2 oder 3 Uhr nachts. Zwei Stunden zuvor verabschiedeten wir uns nach dem Tanzen, du gingst zu dir nach Hause, ich zu mir. Ich betrete mein Zimmer, ziehe meine Schuhe aus und will ins Bett gehen, es ist schon ziemlich spät. Plötzlich, eine SMS von dir. Du schreibst, du sehnst dich gerade nach Nähe. Ich spüre mein Herz klopfen. Moment, sagt etwas in mir. Sehnst du dich nach Nähe? Oder sehnst du dich nach meiner Nähe? Ich sehne mich so sehr nach deiner Nähe, dass ich nicht länger über diese Fragen nachdenken möchte und dir schreibe, dass ich mich auf den Weg zu dir mache. In jeder Ecke deines Wohnzimmers, auf dem Tisch, auf der Fensterbank leuchten Kerzen. Sonst gibt es kein Licht. Ich betrete den Raum, du schaust mich nur an und sagst nichts. Ich auch nicht. Der Anblick überwältigt mich. Eigentlich schon fast zu klischeehaft das Ganze. Aber ich finde es wunderschön. Du lächelst mich an und ich sage dir, dass ich mich eigentlich auch nach Nähe sehne, ich mir aber nicht sicher bin ob ich sie wirklich zulassen kann. Elegant führst du mich zur Couch, wir setzen uns hin und du sagst, dass du einen Film anmachen könntest. Ganz vorsichtig legst du einen Arm um mich und fragst, ob es sich gut für mich anfühlt. Und du sagst, dass es okay sei, wenn es sich nicht gut anfühlen würde für mich. In meinem Bauch tanzt eine Horde Schmetterlinge wild durcheinander. Deine Nähe fühlt sich gut an. Deine Nähe ist eine Ausnahme. Ich weiß nicht warum. Ich fühle mich geborgen. Der Film beginnt, aber es dauert nicht lange, bis uns dieser nicht mehr interessiert und wir im magischen Knistern unserer Berührungen versinken.
Wäre ich ein Lied, würdest du mich singen? Wäre ich ein Fisch, würdest du mit mir schwimmen? Wäre ich ein Stift, würdest du mit mir malen?
Ich stehe im Eingangsbereich und lehne mich an einen der großen, gelben Sessel. Ich bin ungeschminkt und habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich habe nur einmal kurz heute Morgen in den Spiegel geschaut, als mir eine leichenähnliche Gestalt entgegenblickte, danach habe ich mich nicht mehr getraut. Ich fühle mich schwach und zittrig. Ich esse seit Wochen kaum etwas und auch heute habe ich den ganzen Tag noch nichts zu mir genommen, außer 4 Tassen Kaffee. Die Uhr neben mir zeigt kurz vor halb 6 abends an. Ich war heute 1 Stunde lang joggen und 2 Stunden lang schwimmen. Ich habe das Gefühl jeden Moment zusammenzubrechen. Ich kann nicht mehr. Doch mein Körper, der am Ende seiner Kräfte ist, kämpft weiter. Meine Seele ist schon längst zerbrochen. Da ist nichts mehr außer Schmerz. Es tut weh. Immer. Ich warte auf eine Freundin, wir sind verabredet um halb 6, ich bin etwas zu früh. Ich kämpfe mit den Tränen. Mir ist nur noch nach weinen. Ich will nicht mehr hier sein, ich will nirgendwo mehr sein. Ich reibe mir meine Augen mit beiden Händen und versuche die Tränen zu verstecken, doch ich bin machtlos gegen die lang angestaute Flut von Traurigkeit und Verzweiflung. Von Liebe und Hass. Von so vielen Gefühlen auf einmal. Ich versuche mein Schluchzen zu unterdrücken und überlege, wo ich mich verstecken könnte, damit mich niemand sieht. Ich könnte der Freundin noch schnell absagen. Auf einmal kommst du zur Tür rein, mit großen, rhythmischen Schritten. Dein typischer Gang, der mich immer wieder fasziniert. Du siehst mich und wirst langsamer. Du bist alleine. Du siehst mich an, im vorbeigehen. Dein Blick sieht besorgt aus. Aber auch hilflos. Du gehst weiter. Ich schlucke das Gefühl eines plötzlichen Messerstichs, zusätzlich zu meinem Schmerz, herunter. Ich schaue dir hinterher, als du den Gang entlang gehst und schließlich verschwindest.
Hätte ich nichts zu essen, würdest du dein letztes Brot mit mir teilen? Hätte ich mich verlaufen, würdest du mich suchen? Hätte ich Schmerzen, würdest du mich trösten?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins. Ich würde all das für dich tun.





Kommentare
*seufz* So gut nachvollziehbar. Grad ähnliche Situation. Du sprichst mir aus der Seele. :)
05.05.2011, 09:27 von Pinzepu@Pinzepu wie traurig - wie wahr! wunderbarer text, der angst vor dem verlieben macht...aber es passiert trotzdem und das ist auch gut so! vielen dank!
08.05.2011, 16:28 von Franzi_Ska...verdammt, es wäre eigentlich FAST logisch gewesen!
04.05.2011, 19:15 von RocktaxiDanke Dir für die Aufklärung und nochmals für diesen gefühlvollen Text...!
Wow wahnsinnig "wahrer" text...also ich habe die gefühle in den abschnitten richtig gefühlt und genau gewusst was gemeint ist!
04.05.2011, 19:14 von MantjeTimpetesuper schön. Nur wie die anderen auch schon anmerkten fehlen mir am ende ein wenig die antworten bzw aufklärung.
aber ansonsten wahnsinnig berührend :)
Klar, will ich auch wissen, wieso denn "Arzt holen"? Sport- gepaart mit Magersucht? Ich denke schon den ganzen Tag drüber nach, dass ich mich endlich wieder verlieben will. Aber nach dem Text....
04.05.2011, 17:05 von julijah.hensenSoll heißen: SUPER! Also der Text.
Wenn auch der Inhalt traurig ist, der Text ist wahnsinnig toll geschrieben!
04.05.2011, 15:42 von RocktaxiAber weshalb ein Arzt geholt wurde, würde mich auch mal interessieren...?
@Rocktaxi danke für eure kommentare!
04.05.2011, 17:01 von holycrapdie situation mit dem arzt war im krankenhaus und der arzt musste geholt werden wegen eines nervenzusammenbruchs...
Irgendwie verstehe ich den Text nicht ganz. Aber jeder einzelne Absatz für sich ist echt gut geschrieben. Und die Fragen sind super!
04.05.2011, 15:32 von Stellastarlet"Hätte ich Schmerzen, würdest du mich trösten?"
04.05.2011, 15:29 von Jackie_GreyDiese diversen Fragen im Text gefallen mir und erinnern mich an einen Songtext.
"Du sagst, dass du einen Arzt holen musst. Ich flehe dich an, das nicht zu tun."
Hier wird mir der Text zu undurchsichtig und ich wünschte mir etwas mehr, als nur eine Andeutung.