Shiu 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 23

Während ich schlief

"Du solltest wieder anfangen zu schreiben. Das bist du dir schuldig." Noch immer tanzen mir diese Worte vor meinen Augen.

Ich hätte es merken sollen. Es hätte mir auffallen müssen. Früher.

Noch am Tag des Verfassens ist dein Brief zusammengeknüllt in der Ecke meines Wohnzimmers gelandet. An manchen Tagen wünsche ich mir, ich hätte ihn behalten. Aber wofür? Um ihn immer und immer wieder aufs Neue zu lesen, nur um dennoch nicht zu verstehen, was du mir damit sagen möchtest? 

Manchmal wacht man auf und ist sich sicher, etwas zu wissen. Etwas zu fühlen, was man nicht abstreiten kann. Man möchte die Augen wieder schließen, in die Welt der Träume abschweifen und sich der Illusion hingeben, dass alles noch so schön ist wie vorher.

Ich erinnere mich noch an jeden Moment des Vorabends. Unser Treffen, unsere gemeinsame Zeit sollte etwas ganz Besonderes werden. Es sollte magisch werden. 
Ich war so naiv und dachte, wir hätten es geschafft. 

Ich habe dich an meinen Lieblingsplatz eingeladen. Dieser Ort, welchen ich mit noch niemandem geteilt habe, nie mit jemandem teilen wollte. Meine Wiese, auf welcher ich mich schon früher so geborgen gefühlt hatte. Wie viele Nächte verbrachte ich draußen, unter freiem Himmel, im Gras liegend und die Sterne betrachtend?
Dir verriet ich den Weg, wollte dich dort treffen. Allein, nur wir beide. 

Wir saßen dort, blickten uns immer wieder in die Augen und du gabst mir das Gefühl, alles darin lesen zu können. Ich hatte keine Angst - dabei ist Angst doch mein ständiger Begleiter. Ich versank in deinen Armen.

Ein wundervoller Abend. 
Die Zeit auf der Wiese, die Gespräche auf meiner Couch. Einschlafen in deinen Armen, aufwachen mit meinem Kopf auf deiner Brust. 

Auf dem Heimweg von meiner Arbeit kam dieses Angstgefühl. Um die letzte Ecke zu biegen fiel mir sehr schwer - ich war mir sicher, ich würde dein Auto nicht mehr dort stehen sehen, du wärst gegangen.
Eine Welle der Erleichterung überkam mich, als ich sah, dass ich mich getäuscht habe. Meine Wohnungstür zu öffnen und dich auf der Couch zu sehen überflutete mich mit Freude.

Wir unterhielten uns weiter, bedeckten uns zwischendurch mit innigen Küssen. Ich fühlte mich geborgen.

Während unserer Gespräche hast du zu viel über sie gesprochen. Zu viel von ihr erzählt. Die Angst meldete sich wieder, wollte an die Oberfläche. 
Ich schob sie weg und dich in mein Bett. Ich dachte, sie würde verfliegen, wenn ich nur deine Nähe spüren kann. 

Ich bin eingeschlafen, du hast mich schlafen lassen. 
Und ich wollte einfach weiter träumen, wollte die Erkenntnis nach dem Aufwachen beiseite schieben. 
Ich musste mich nicht umdrehen, nicht im Flur den leeren Platz sehen, an welchem deine Schuhe standen, um zu wissen, dass du gegangen bist. 

Deine Nachricht auf meinem Sessel. Ich habe lange gewartet, bevor ich sie gelesen habe. Wusste ich doch genau, was ich darin lesen würde.
Die Magie zwischen uns war greifbar nahe, doch du warst blind für sie. Ich fühlte sie tanzen, hin und her springen zwischen unseren Körpern, unseren Augen. Ich hielt sie dir hin, wartete darauf, dass du sie ergreifst. Doch du ließt sie fallen, zerspringen, während ich schlief.

"Du solltest wieder anfangen zu schreiben. Das bist du dir schuldig." 
Noch immer tanzen mir diese Worte vor meinen Augen. Deine Worte, dein Brief - du hast auf die üblichen Freundschaftsfloskeln verzichtet. 

Deine Lippen auf meiner Stirn, während ich einschlief, war der letzte Kontakt zwischen uns.


Wäre ich doch nicht aufgewacht.


Tags: Abschied, verlassen, Geborgenheit
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5 Antworten

Kommentare

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    Pseudodramatik.

    10.05.2013, 09:28 von EliasRafael
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    wunderschön...

    09.05.2013, 13:52 von sharkai_elayd
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    schnief..... ich hab auch grad Angst aufzuwachen! :/

    03.05.2013, 14:19 von HappyMelli
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    Ich mag den Text!

    02.05.2013, 18:46 von -atinA-
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    Merkwürdiger Abgang. Früher oder später läuft man sich doch sowieso über den Weg. Das wird nach so einer Nummer dann wohl etwas angespannt verlaufen...

    02.05.2013, 09:13 von Yangus
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