Vor einem halben Jahr
„Niemals vergessen wir einen Menschen, der uns wichtig war. Wir gewöhnen uns nur an seine Abwesenheit.“
Goldene Sonnenstrahlen schienen durchs Dachfenster herein. Die Stadt wachte langsam auf, und noch bedeckte leichter Nebel die Häuserdächer. Am Tag zuvor hatte es stundenlang in Strömen geregnet, wie an fast jedem Tag zu dieser Jahreszeit. Bald würde es auch den ersten Schnee geben.
Das Mädchen öffnete die Augen. „Anita!“-,hörte sie ihre Mutter rufen.
Sie wollte nicht aufstehen, nicht zuhören. Aber sie musste wohl, eine andere Wahl hatte sie überhaupt nicht. Langsam setzte sie sich auf. Die Holz-Dielen knarrten, als sie ihre Füße aufsetzte. Sie zupfte das Kleid zurecht und löste den Zopf, den sie wie jeden Abend nach dem Haare waschen geflochten hatte. Die blonden Locken waren das, worauf sie am Meisten stolz war. Eigentlich war es auch das Einzige.
Sie ging zum großen Wandspiegel und starrte hinein. Ihre knallblauen Augen starrten zurück. So vergingen einige Minuten, ohne das sie an etwas dachte oder etwas fühlte. Sie starrte einfach nur auf diese Person, die sie so wenig als sie selbst erkannte. Und doch wusste sie, dass er sie geliebt hatte, wie sie war. Nur sich selbst lieben war um einiges schwerer.
Während sie die steile, knarzende Treppe hinunter ging, dachte sie daran, was Nico damals gesagt hatte.
„Niemals vergessen wir einen Menschen, der uns wichtig war. Wir gewöhnen uns nur an seine Abwesenheit.“
Tatsächlich erinnerte sie sich an jeden einzelnen Moment, den sie mit ihm verbracht hatte. Aber es kam ihr vor, als wären es nur noch alte Filmaufnahmen, die wie gespenstische Visionen durch ihren Kopf schwirrten.
„Anita!“, ertönte wieder die Stimme ihrer Mutter.
„Ich bin sofort unten!“, schrie sie zurück.
Die Fotos an den Seiten des Treppengeländers, ringsherum, nur er. Ihre Familie hatte ihn wie einen Sohn geliebt. An jedem Ausflug hatten sie Fotos gemacht. Wie könnte sie jemals über ihn hinwegkommen, wenn das Einzige, was sie zu Gesicht bekam, sein Gesicht war. Sein wunderschönes, faltenloses, perfektes Gesicht. Aber sie musste versuchen, ihre Gedanken zu ordnen. Heute musste sie einiges erledigen. Aber erst einmal frühstücken.
In der Küche sah es aus wie immer, ihr Vater saß mit der Zeitung in der Hand am Tisch, eine dampfende Tasse Kaffee neben sich. Ihre Mutter spülte Teller ab, in einer Schnelligkeit, die schwindelerregend war. Auf dem Tisch standen schon eine Schüssel Cornflakes mit Milch und eine Tasse Kaffee für sie, wie jeden Tag. Sie spürte Wut in sich hochkommen, wie jeden Tag, wenn sie aufwachte. Am liebsten hätte sie beides, samt Tisch, durch die Küche geschleudert, an die Wand geschmissen, es zerschellen gesehen. Aber sie besann sich wieder, und versuchte, ruhiger zu atmen.
„Mama, wieso er? Wieso nicht ich? Wieso überhaupt einer von uns? Glaubst du, ich werde jemals wieder glücklich?“,- ihre Stimme zitterte leicht, aber es störte sie nicht.
„Mein Herz, natürlich wirst du das! Es ist doch ganz normal, dass du jetzt noch nicht fertig wirst damit.“ Ihre Mutter hatte sich zu ihr umgedreht, und schaute sie liebenswürdig und doch sorgenvoll an. Natürlich war es normal. Das sagten alle. Doch sie glaubte nicht, dass sie diese Leere jemals wieder würde loswerden können. Es war ja nicht erst gestern passiert. Es war jetzt ein halbes Jahr her.
Vor einem halben Jahr, es war genauso ein ganz normaler Morgen wie heute, hatte sie aus dem Fenster geschaut, hatte an der dunklen Farbe des Regens, der niedertropfte, gesehen, dass etwas nicht stimmte. Und doch hatte sie kaum darauf geachtet.
Nico. Wo bist du jetzt? Nico...sein Name hallte in ihrem Kopf wider, wie ein unendlich klingendes Echo. Er war 18 gewesen, genau wie sie.
FORTSETZUNG FOLGT
Tags: Verarbeiten, Erwachsen sein






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