PinkahPandah 30.11.-0001, 00:00 Uhr 63 73

Von Stiften und Herzen

Wir hatten Kitsch, Hollywood und Telenovelas zusammengeworfen und begannen aus diesem Konglomerat die Geschichte weiter zu schreiben.

Der Duft von dir ist schon lange aus dieser Stadt verflogen, wie die Zugvögel, die im Winter dahin fliegen, wo die Sonne länger scheint. Diese Stadt – sie trägt mittlerweile wieder grau. Schwer und wolkenverhangen verdeckt die angehende dunkle Jahreszeit ihr Antlitz in einer Tristesse aus Grautönen. Damals, als wir uns kennenlernten, hatte die Stadt sich gerade für den Sommer gerüstet. Oder für uns. Hatte die Tristesse des Winters gegen das Kaleidoskop des Frühlings getauscht und ließ für uns alles scheinbar endlos erscheinen.

Vom Frühling und der Sonne getragen, schrieben wir zaghaft die ersten Sätze unserer ganz eigenen Version dieser, sich immer wiederholenden Geschichte. Wir hatten Kitsch, Hollywood und Telenovelas zusammengeworfen und begannen aus diesem Konglomerat die Geschichte weiter zu schreiben. Du als Kurzgeschichte. Ich als Roman. Intensität traf auf Erkunden. Schnelllebigkeit gegen Innehalten. Du reduziertest auf ein Minimum, wo ich Seiten füllen wollte. Ohne es zu merken hatte ich mich einfach blind in dem Verderben der perfekten Illusion verrannt. So war es dann auch für die Leser der Geschichte nicht wirklich verwunderlich, als du auf einmal mit dem Twist "Es liegt an mir" ein abruptes Ende fandst, wo ich noch im dritten Kapitel feststeckte.

Dann standst du wieder einmal vor mir. Unscheinbar. In deinem Lieblingskleid. Keck lächeltest du mich an und fragtest, ob ich nicht kurz Zeit hätte Kaffee zu trinken. Du warst gerade "in-between-meetings" und konntest Ablenkung gebrauchen. Ablenkung. Das Wort rief verdammt viele gute Erinnerungen wach. Keine davon hat mit Kaffee zu tun. Aber ich willigte ein. Einerseits weil ich bei dir eh nie nein sagen konnte und andererseits haben Fußnoten noch keinem Text geschadet. Natürlich blieb es nicht bei einer Fußnote. Es wurde ein Exkurs. Ein verdammt langer Exkurs. Mein Kopf schrieb und schrieb. Selbst als du schon lange wieder in einem deiner Meetings, irgendwo in den verglasten Stockwerken über den Wolken verschwunden warst, schrieb ich noch.

Der wievielte Exkurs es war, konnte ich schon nicht mehr zählen. Auf jeden Fall waren sie zusammen weit größer als all das, was wir einmal hatten. Dennoch war da ein komisches Gefühl. Irgendwie war dieser Exkurs anders als die anderen. Sicherlich – ich schrieb über uns. Über dich. Über mich. Aber ich radierte immer öfter. War unzufrieden. Wurde wütend, weil die Geschichte nicht mehr passte wie ich sie wollte. Ich wollte Strandhochzeit und Kinderglück, doch schaffte es immer wieder nur alleine an der Theke dran zu sitzen. Die Realität hatte mich eingeholt und machte mir unmissverständlich klar, dass die Geschichte, egal wie weit wir sie zusammen geschrieben hätten, von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

Dieser Gedanke setzte sich in meinem Kopf fest und begann zu keimen, zu blühen und sich auszubreiten. Mehr und mehr setzte er sich in meinem Kopf fest und ich schrieb immer weniger. Hörte damit auf, die Realität durch alkoholgetränkte Fantasien zu ersetzen. Schrieb irgendwann einfach nicht mehr über mich. Nicht mehr über dich. Nicht mal Exkurse. Und auch das Bisschen was ich in seltenen Stunden, zumeist am Abend, über uns schrieb, wurde weniger. Mir gingen die Ideen aus.

Bis ich eines Tages...

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63 Antworten

Kommentare

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  • 1

    "Bis ich eines Tages…" Ein Satz, der alles neu schreiben kann. So hoffen wir es doch. Tag für Tag.


    Schöner Text! Kraftvoll

    20.01.2014, 23:30 von clairesonstnix
    • 0

      Ich danke dir!

      28.07.2014, 19:08 von PinkahPandah
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  • 1

    Unglaublich. Und passend. Wie ein Schlag ins Gesicht, im positiven Sinne.

    16.01.2014, 16:17 von darleneenschdr
    • 0

      merci!

      16.01.2014, 20:47 von PinkahPandah
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  • 3

    "Du reduziertest auf ein Minimum, wo ich Seiten füllen wollte. Ohne
    es zu merken hatte ich mich einfach blind in dem Verderben der
    perfekten Illusion verrannt:"

    sehr schön getroffen!

    15.01.2014, 22:30 von missiknowimalwaysright
    • 0

      Danke! =)

      16.01.2014, 15:53 von PinkahPandah
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  • 2

    Wow!! Selten so einen grandiosen Text  gelesen. Einfach wunderschön und zum mitfühlen. Danke

    15.01.2014, 19:29 von HeavenCanWait
    • 0

      Danke dir! :)

      15.01.2014, 21:06 von PinkahPandah
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  • 1

    Der letzte Satz macht mich traurig...
    Inhaltlich erinnert es mich ein wenig an "Agnes" von Peter Stamm. Vor allem der Abschnitt:

    Irgendwie war dieser Exkurs anders als die anderen. Sicherlich –
    ich schrieb über uns. Über dich. Über mich. Aber ich radierte immer
    öfter. War unzufrieden. Wurde wütend, weil die Geschichte nicht mehr
    passte wie ich sie wollte.

    Ich denke mir manchmal (und das ist vielleicht auch ein dummer Gedanke), dass die schönsten Geschichten, die man in der Realität erlebt dann beginnen schlecht zu werden, wenn man sie aufschreibt... Oder versucht zu definieren.
    Ich denke zumindest, dass es irgendwie gefährlich werden kann, wenn man seine eigene Geschichte mit einer Person aufschreibt, weil man immer ein bisschen verherrlicht und sich teilweise einfach nur Bilder macht von allem.. und dann merkt man aber irgendwann, dass die Geschichte mit der Realität gar nicht mehr zusammen passt und man akzeptiert die Realität gar nicht mehr, obwohl sie vielleicht gar nicht so übel ist.
    Weißt du was ich meine?
    Aber vielleicht war das auch gar nicht deine Absicht das alles mit deinem Text auszudrücken, habe wohl zu oft Agnes gelesen.

    Ich verbeuge mich auf jeden Fall vor deinem Schreibtalent!

    15.01.2014, 17:42 von kippchen
    • 0

      Hey. Die Idee über das schriftliche Schreiben der Geschichte finde ich sehr interessant. Allerdings meine ich ja eher das gedankliche Ein-Schritt bz Zehn-Schritte-Weiter-Denken. Aber es ist wohl bei beiden so, dass man verschönt, vereinfach...fantasiert.


      Danke für das Kompliment.

      15.01.2014, 18:34 von PinkahPandah
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  • 1

    Ich bin total hin und weg darüber, wie du dieses Thema in solche wunderbaren Worte gepackt hast, diese Metapher!!! Wahnsinn, ganz großes Talent!

    15.01.2014, 17:41 von aniuaniu
    • 0

      *.* Danke. Ein ganz großes Danke.

      15.01.2014, 18:34 von PinkahPandah
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich kenne das so genau. Jetzt ist es an mir auch aufhören zu schreiben.

    Mich würde interessieren was eines Tages passiert ist... :)

    13.01.2014, 15:49 von commewaswolle
    • 0

      da hat er einfach aufgehört zu schreiben. Weil keine Idee mehr da war. 

      13.01.2014, 16:18 von PinkahPandah
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  • 1

    herzzerreißend

    12.01.2014, 20:49 von knutschlibby
    • 0

      Danke :)

      13.01.2014, 16:18 von PinkahPandah
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  • 2

    Ich schließ mich dem "toll geschrieben, aber zwischendurch zu gewollt" an.

    Ich mag, dass du einen malerischen Schreibstil hast. Ein Herz gibt es dafür auf jeden Fall :)

    09.01.2014, 14:14 von execratedworld
    • 1

      Dank dir. :) 

      09.01.2014, 14:22 von PinkahPandah
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