Kathue-tata 12.03.2009, 12:22 Uhr 2 4

von großen Fragezeichen

Du hast noch nie so bewusst jemandem gegenüber gesessen wie in diesem Moment. Und du wolltest noch nie im Leben so weit weg sein.

Ihre Wimpern schauen gen Boden. Als würden sie schwer an den Lidern hängen, als würden sie sich suchend nach unten beugen. Sie suchen, was sie an solchen Tagen niemals finden: Erleichterung, einen Ausweg. Unbeweglich verweilen sie dort unten auf Halbmast. In einer anderen Situation hättest du das fast noch sexy gefunden. Jetzt raubt es dir zwar den Verstand, doch anders als sonst möchtest du ihn unter allen Umständen zurück. Du hast noch nie so bewusst jemandem gegenüber gesessen wie in diesem Moment. Und du wolltest noch nie im Leben so weit weg sein.

Ihre Augen blicken geradeaus, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Sie starren ohne zu sehen. Irgendwo hinter dir scheinen sie einen Punkt gefunden zu haben, der ihnen Halt gibt.
Ihre Locken die du immer so gern hinter ihr Ohr geschoben hattest, wirken jetzt wie ein verwaschenes Aquarell, wie ein Wasserfall aus Haar, undeutlich. Keine Spur von Leben. Sie erdrücken ihren Kopf. Sie passen nicht hierhin. Als hätte ein Maler sie einfach auf ihr platziert ohne vorher hinzuschauen. Sie fallen wie ein trister Vorhang vor ihr Gesicht. Du siehst sie nicht, und bist irgendwie sogar noch dankbar dafür.

Hör auf zu reden, sie hört dich nicht. Ihre Aufmerksamkeit gilt den Stimmen in ihrem Kopf, die sie flüsternd umgarnen, um sie werben und sich in ihren Gedanken einrichten, als wären sie dort schon ewig gewesen. Für sie scheint alles logisch, ganz klar. Ein Raunen geht durch ihren ganzen Körper, lässt ihn vibrieren. Sie ahnt die Verschwörung, du musst ihr doch nichts vor machen.

Das Bisschen Lebendigkeit, welches sie durchzog als sie die Worte sprach, wirkte so kraft- und hoffnungslos und lässt dich doch zögern. Wie schafft sie es, zugleich so einen wirkungsvollen Appell an dich zu richten? Ihr Stimme, so lautlos wie emotionsarm, lässt nicht auf die Person schließen, der sie gehört. Du erinnerst dich an die Abende: ihr zwei zusammen bei Freunden. Viel getrunken, viel gelacht. Wie sie begann dieses eine Lied zu singen und dir dabei ihre Hand in den Nacken legte. Sie sagte so viel ohne viel zu sagen. Heute scheint sie sich allem zu verweigern. Du wirst aus ihrer Gestik nicht schlau. Sie reduziert sich fast auf Null, um urplötzlich und mit einer Kraft, die sie sich den ganzen Nachmittag schon angesammelt haben muss auf zu fahren. So auch ihre Stimme. Ein Druck liegt dahinter, der dich die Luft einziehen lässt als befürchtest du, sie würde hier gleich ausgehen. Als entzünde sie den ganzen Raum und du wolltest noch den letzten Rest Lebenschance nutzen. Ein Druck, aber Stimme? Stimme kann man das kaum nennen. Sie haucht. Sie keucht vielleicht. Sie spricht undeutlich und doch verstehst du jedes Wort.

Ihre Hände hält sie beisammen als wären sie eins. Eine liegt schwer in der anderen. Unbeweglich. Du weißt genau, wie kalt sie sein müssen. Sie hatte immer so kalte Finger. Doch du hattest schon lange nicht mehr den Drang sie in deine Hände zu nehmen. Dich widerstrebt der Gedanke an die Kühle zwischen deinen warmen Handflächen. Sie würde es dir eh nicht danken. Jetzt sowieso nicht mehr.

Du hast sie verletzt. Um das Risiko wusstest du als du alles aussprachst. Du hattest gedacht, sie hinge eh nicht mehr so richtig drin. Gekränkter Stolz oder so. Damit hattest du gerechnet. Mit Türen knallen, mit Schmolllippen, Zickereien, Schuldzuweisungen. Weil man das Trennungsritual doch voll durchspielen muss, damit man was zu erzählen hat. Doch das was dich dann erwartete nahm dir allen Wind aus den Segeln. Ihr ganzer Körper ein stummer Vorwurf. Ein Fragezeichen. Ein SOS. Ihr Schweigen brennt dir in den Ohren und kitzelt dir jeglichen Zweifel aus dem letzten Versteck. Sie regt dich auf. Sie wühlt dich auf. Sie gräbt dich um. Das graue Tuch, das du ihr übergeworfen hattest gestern, das kann sie nicht abstreifen. Du willst ihr helfen. Du stehst auf. Kniest dich vor ihr hin. Streichst ihr eine Locke hinters Ohr, nimmst ihre kalte Hand in deine. Willst ihr die Sorgen von den Schultern streichen.

Was wird das hier? Du willst sie doch so nicht alleine lassen. Verlassen ja, alleine lassen? Nein. Du willst bleiben, bis es ihr besser geht. Sie steht auf.
„Arschloch!“
Und das, das war jetzt laut. Du hörst das Ausrufezeichen in deinem Kopf nachhallen. Du sitzt alleine auf dem Boden, vor diesem Stuhl. Und du kannst die Frauen einfach nicht verstehen.

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2 Antworten

Kommentare

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    finde ich wahnsinnig toll geschrieben,interessant,tiefgründig...toll!

    12.03.2009, 23:10 von gorgonzolaa
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    sehr schön geschrieben..

    12.03.2009, 19:14 von fritiertes.monchichi
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