Von 12 auf 29 in 2 Sekunden
Es ist Sommer und ich verliebt. Dann dieser eine Satz, der den kleinen Jungen wieder so alt macht, wie ich tatsächlich bin.
Endlich ist es Sommer. Ich sitze wie in letzter Zeit so oft: Im Park. Am Besten daran ist: Ich sitze nicht alleine da, sondern mit einer unglaublich tollen Frau. Wir reden, lachen, machen Biere leer und rauchen wie zwei Schlote im Sonnenuntergang.
Klar, dass da Uhrzeiten und Fahrpläne keine große Rolle spielen und wir zwei erst dann beschließen aufzubrechen, als die letzte Bahn schon weg ist. Wir machen uns auf den Weg – zu mir, oder zu ihr – mal so, mal so.
Dort angekommen wird die Nacht meist noch kürzer – irgendwo warten immer noch eine Flasche Wein, zwei Biere, ein paar Tassen Kaffee oder ein Film, den wir noch nicht gesehen haben …
Schöne Tage und Wochen ziehen ins Land und das Leben tut so, als hätte es nichts anderes auf Lager als uns seine frölhlich grinsende Sonnenseite zu zeigen. Kurzum: Mir geht’s großartig. Weil die Sonne scheint, ich verliebt bin und es obendrein fast so scheint, als fühle die Frau mir gegenüber sich zumindest ein klitzekleinwenig zu mir hingezogen. Auf der letzten Party, auf der wir zusammen waren, zog man uns gar schon als "das neue Pärchen" auf.
Gerade bin ich optimistisch gesinnt, dass die Lästermäuler recht behalten könnten.
Heute jedenfalls bin ich bei ihr. Wir haben uns zufällig getroffen und beschlossen, bei ihr noch ein Tässchen Kaffee einzunehmen, bevor sie über’s Wochenende wegfährt.
Als ihr Mitbewohner dann anmerkt, sie müssten bald los, beschließe ich zu gehen. Er schaut mich an, meint "wohin?". Ich solle doch einfach mitfahren – über’s Wochenende, auf diese Party, zu der die zwei gerade loswollen.
Einiges beginnt zu rattern in meinem Kopf: Einerseits bin ich pleite, trage zudem Klamotten, die nicht mehr allzu frisch sind und habe leider keine Wechselwäsche dabei, bin ungeduscht, andererseits: Ich bin verliebt und hier scheint sich eine Gelegenheit aufzutun, bei der ich mir hinterher vorwerfen könnte, sie nicht genutzt zu haben, wenn ich jetzt "Nein!" sage.
Klarer Fall: Ich setze mich mit den beiden ins Auto und fahre auf eine 350 km entfernte Feier. Man hat mir zwei Pullis, ein T-Shirt und einige Sockenpaare geliehen, das wird schon irgendwie werden.
Und tatsächlich: Es wird schön. Zu sechst trinken wir, als wir ankommen zehn Flaschen Wein in einer gemütlichen WG-Küche und fiebern der Party am nächsten Tag entgegen. Wir alle sind etwas betrunken, manche mehr, andere weniger. 4 von den 6 Leuten dort gehen ins Bett, als es 5 ist. Übrig bleiben die Frau und ich.
Wir reden weiter, trinken weiter und ihr Kopf fällt irgendwann auf meine Schulter und wir um 8 schließlich ins Bett. Wir liegen dort, aneinandergekuschelt und streicheln uns die Köpfe, die Rücken, die Arme – friedlich zwar, aber angesichts meiner Verliebtheit bringen mich derartige Zärtlichkeiten in deutliche Verwirrung, die bis zur Abreise anhalten wird. Am Tag nach erwähnter Nacht ist unser Verhältnis so, wie es immer war: Harmlos. Auch der Partyabend: Harmlos und ruhig – ich gehe früh ins Bett, all das überfordert mich extrem.
Nun sitzen wir wieder zuhause am Rhein und haben gerade jeder ein Bier geleert. Ich schrecke kurz auf, als sie fragt "und, geht da noch eins?", und spüre, dass jetzt der Moment ist, um endlich aus dem Zwöfjährigendasein auszubrechen und für klare Verhältnisse zu sorgen. Ich fange an zu reden, jede Menge Worte und Sätze sprudeln da aus mir raus, die verhindern sollen, dass ich durchdrehe und ihr zudem erklären sollen, wie’s ausschaut in meinem verwirrten Kopf.
Schlagartig holt mich meine fast-Dreißigjährigkeit dann ein, als sie (sinngemäß) anführt, ich stünde mit meiner Verliebtheit alleine da, obwohl sie mich freilich möge, gern hätte, schätze und supergerne mit mir um die Häuser zöge (der eine oder andere mag das kennen – wenn nicht aus dem eigenen Leben, dann aus Film und Fernsehen).
Wir trinken dann tatsächlich noch ein Bier, plaudern eine Weile, schweigen, rauchen – nachdem wir beschlossen haben, dass sich nichts zwischen uns ändern soll – jetzt, wo alles anders ist.
Tatsächlich kommt in dem Moment ein Inder kommt vrobei und fragt "Hey Chef, wolle Rose kaufen?". Ich lehne so freundlich als gerade möglich ab und der Typ zieht weiter (freilich erst, nachdem er auch sie gefragt hat, ob sie nicht vielleicht mir eine Rose schenken möge).
Wir schlendern dann bald zur Bahn, sagen "tschüß und bis morgen" und stehen uns danach gegenüber – an Bahnsteigen, die in zwei unterschiedliche Richtungen führen. Natürlich regnet es!
…
Wochen später radeln wir wieder auf einem Fahrrad durch die Nacht, ihre Haare flattern in mein Gesicht. Wir schlafen bei mir und bei ihr, gehen Schwimmen, Grillen bis ins Morgengrauen, sitzen am Rhein bei Currywurst und Bier und schauen den vorbeiziehenden Schiffen und Straßenbahnen zu. Tatsächlich hat sich fast nichts geändert zwischen uns …
Und so schön das alles sein mag, die Freundschaft, die Abende und Nächte, die wir zusammen verbringen und die Worte, die wir wechseln: Wie bitteschön entliebt man sich? Dankbar für jeden Tipp …






Kommentare
den knopf zum entlieben, zum nicht mehr wehtun such ich auch gerade. du hast das so toll geschrieben, gefällt mir echt gut. und ich hoffe, du findest ihn, den knopf ;)
18.08.2007, 13:47 von Lilli-Alice