Vom Platz im Herzen
Oh
Da kommt was auf mich zu. Etwas Kleines. Nein. Doch nicht. Es ist groß. Ziemlich groß sogar und – mein lieber Schwan – was ist es?! Es kommt immer dichter und ist tierisch laut! Jetzt steht es vor mir!
Oh
Es ist ein Herz. Es steht da vor mir und klopft. Laut, tierisch laut.
Plötzlich bewegt es sich, beugt sich zu mir runter und – Ah! – es isst mich. Es verschlingt mich mit Haut und Haaren ohne jegliche Vorwarnung! Eine Unverschämtheit?
Oh
Jetzt bin ich drinnen. Nett. Groß. Warm. Da steht ein Stuhl und – Hey! – er trägt meinen Namen! Ich glaube das ist mein Platz! Mein Platz! Ich setze mich mal. Ja, nicht übel. Gemütlich. Hm. Bis auf einer kleinen Ecke gehört hier alles mir.
Aber was mache ich damit? Was mache ich hier?
Ich hüpfe und turne etwas herum. Da zuckt es zusammen, das Herz. Ich muss vorsichtiger sein. Hier ist alles so verletzlich, hier, in der Mitte des Herzens.
Es ist sehr gut zu mir. Es hält mich warm und stärkt mich. Wenn ich hier falle, dann tut es nicht weh. Hier kann ich nicht verletzt werden. Ich kann nur verletzten.
Ich kann nicht ständig rein und raus gehen. Ich muss bleiben. Ich muss beständig sein.
Oh
Da ist ein Spiegel. Ich schaue hinein und ich sehe anders aus. So habe ich mich noch nie gesehen. Ich sehe wirklich hübsch aus. Alles an mir ist perfekt. Sogar meine Nase und meine Füße, an denen ich sonst so viel auszusetzen habe, wirken hier nahezu vollkommen.
Jeder Ton, den ich von mir gebe, klingt schön. Mein Lachen ist Musik.
Hier bin ich schöner, als ich mich fühle. Hier schlafe ich in Rosenschalen.
Ich sollte glücklich sein.
Oh
Ich finde heraus, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Das Herz ist verletzlich aber mein Stuhl ist immer da. Das weiß ich. Ich spiele damit. Mir ist langweilig. Ich vereinsame. Das ist mir zu viel Platz und zugleich zu wenig. Ich schlage mit den Fäusten gegen die Wand - ich trete, ich schreie. Und doch wiegt mich das Herz Nacht für Nacht in den Schlaf...
Es gibt mir so viel. Ich kann nicht so viel geben. Ich kann es einfach nicht.
Ich weiß jetzt – Ich muss gehen, bevor das Herz kalt wird, bevor es hart wird und es meinen Stuhl nicht mehr umstellen kann.
Herz, ich danke dir für deine Wärme, für deine Liebe. Aber ich fühle mich unvoll.
Stell meinen Stuhl lieber zu den anderen Stühlen in die kleine Ecke.
Mach meinen Platz frei für jemand anderen.






Kommentare
Echt gut.
06.05.2008, 16:47 von pfuetzenhuepferinMmmh. Der Text gefällt mir. Aber die Konsequenz nicht. Wenn das Herz groß genug ist und sich anbietet, wenn es stark genug ist, dass es das aushalten kann, wenn seine Bewohner nicht in gleichem Maße zurückgeben können, dann könnte man auch bleiben. Dann könnte man sich angenommen fühlen mit all seinen Unzulänglichkeiten. Weil da ein Herz ist, das über die Unzulänglichkeiten hinwegsehen kann. Auch wenn es vielleicht manchmal ein mahnendes Wort spricht.
02.05.2008, 20:47 von SonglineGefällt!
12.02.2008, 23:06 von schneeperleich glaube, die geschichte wird weiter gehen...und dann kommt auch noch irgendwann das ach so ersehnte "happy-end"....und irgendwie gibt es ja auch schon eins...denn das herz macht platz....für andere....ein sehr menschliches happy-end!!
normalerweise mag ich diese geschichten von herzen, die herumlaufen und dinge tun, überhaupt nicht, aber die hier gefällt mir, sehr!
23.01.2008, 08:49 von Fjalarschade nur, daß es kein happy end gibt, zumindest für das herz :-)
Dieser Text steht abgeschlossen da, wie eine bereits getroffene Entscheidung. Stark. Sehr schöne Metapher für die beschriebene(n) Situation(en).
21.01.2008, 22:40 von KlavierspielenDer Hauptcharakter könnte sich (wieder?) in die Liebe verlieben, dann hätte er einen Platz in jedem Herzen.