goodnightmoon 30.11.-0001, 00:00 Uhr 57 58

Vom Fischen und Fabulieren

Eine lebensechte Anektdote zur Haken-Philosophie

Angeln fand ich schon immer langweilig. Angeln ist kein Sport. Angler aus Leidenschaft werden jetzt entrüstet aufspringen, aber wieso ist Angeln ein Sport, wenn die größte Anstrengung darin besteht, die Angelrute auszuwerfen, bzw. einzuholen? Zu 80% der Zeit besteht der Sport darin, auf einem Khakifarbenen Klappstuhl zu sitzen – und Profi ist der, der es schafft, sein Gehirn dabei auch schließlich komplett auszuschalten. Ich war auch einige Male angeln. Eher unfreiwillig – aber wenn man mit männlichen Freunden an der Ostsee ist, die begeisterte Angelschein-Träger sind, hat man als Frau nun mal kein Durchsetzungsvermögen. Ich hab also auch meine Erfahrungen gemacht. Angelrute rein, 30 Stunden Ruhe, Angelrute raus. Bei mir hat nie ein Fisch angebissen. Bei meinen Freunden dagegen schon. Meistens wurde die Euphorie schnell gedämpft, weil der Fang aus Fischen bestand, die von meinen Freunden als nicht gut genug erachtet wurden. Zur Frustration unsererseits, zum Glück der Fische derenseits, wurden diese dann wieder abgehakt und durften ins Wasser zurückkehren und ihr Leben fortführen. Anders bei den großen Fischen, die am Haken blieben und letztendlich unser Abendessen wurden. Subjektive Selektion meiner Freunde entschied darüber, wer die Freiheit zurückerlangt und wer dem Haken vollständig verfällt.

Wie der Fisch im Wasser schwimmt

Aktuelle Neon, S. 57. Am Haken heißt der Artikel, der hunderten Seelen entnommen ist. Auch meine Freundin liest wissbegierig den Artikel und zitiert hier und da eindrucksvoll mit großen Augen, um zu demonstrieren, wie sehr sie doch selbst am Haken hing. Ich muss ihr zustimmen. Jeder angesprochene Punkt passt wie die Faust aufs Auge, oder wie der Fisch am Haken. Meine Situation ist anders. Ich bin nicht am Haken. Ich bin am Warten.
Folgende Eckdaten: Seit drei Monaten versuchen wir es schon. Immer kommt etwas dazwischen. Zugegeben: Er ist nicht ganz unschuldig daran. Möglich, dass er dem ganzen gar keine Chance geben möchte. Heute hätten wir allerdings endlich unser ersehntes Treffen haben sollen, welches wohl alles entschieden hätte. Aber es kam wieder etwas dazwischen: Seine Mutter hat sich beim Tennisspielen das Handgelenk gebrochen, sein Bruder ist mit einem Bänderriss bewegungsunfähig. Und er ist der pflegende Held in dieser Geschichte. Gegen Unfälle kann man nichts machen, keine Frage, aber die Steine, die uns im Weg liegen, scheinen sich nur anzuhäufen. Ich werde mich zurückziehen. Jetzt ist er an der Reihe, sich ein wenig um mich zu bemühen. Ich bin nicht am Haken und ab jetzt auch nicht mehr am Warten.

Wie der Fisch zum Haken findet

Tag 1: Die Überraschung. Nur ein Tag später und er schreibt mir. Er entschuldigt sich für alles. Zack. Ich sehe schon alle meine Vorsätze davonfliegen. Ihm liegt doch etwas an mir.
Tag 2: Die Auskostung. Ich lasse mir Zeit zum Antworten, denn ich habe Angst. Wenn ich antworte ist er wieder am Zug. Und ich warte wieder. Je länger ich nicht antworte, desto länger muss ich nicht warten. „Ist das Sinn der Sache? Sollte eine Beziehung auf solchen Gedanken beruhen?“, frage ich mich. Daraufhin schreibe ich ihm.
Tag 3: Das Misstrauen. Keine Antwort. Cool bleiben. Das kann durchaus vorkommen.
Tag 4: Die totale Zerstörung. Keine Antwort. Ich häng in der Luft. Ich finde keine Ruhe. Ich starre permanent auf mein Handy, obwohl es direkt neben mir liegt und ich jede Veränderung mitbekäme. Immer wieder klicke ich auf eine Taste, in der Hoffnung, das ersehnte Briefchen oben in der Leiste zu sehen. Und wenn es dann doch mal auftaucht, die Enttäuschung: Jemand anderes schreibt mir.
Tag 5: Die Vorahnung. Keine Antwort. Ich beginne durchzudrehen. Hatte ich mir nicht überlegt, nicht mehr Warten zu wollen? Ich war ehrlich zufrieden mit dieser Aussicht. Es wäre ein sauberer Schnitt gewesen. Und nur durch diese eine kleine SMS an Tag 1, schaffe ich es nicht mehr loszulassen. Diese Unwissenheit zerfrisst mich. Diese Ungeduld. Das Herzrasen. Das Trommeln mit den Fingern auf dem Tisch, auf U-Bahn-Sitzen, in der Bibliothek. Diese Rastlosigkeit. Mit jeder Minute mehr, in der er sich nicht meldet, schwindet die Hoffnung, dass noch was kommt und wächst das Unverständnis, wieso eigentlich plötzlich nicht mehr!? Und dann wächst da noch etwas. Leonardo DiCaprios Inception trägt Früchte: In mir wächst ein Gedanke. Bin ich vielleicht auch am Haken gelandet?
Tag 6: Die Panik. Keine Antwort. Ich bin am Haken. Ich blättere hektisch in der aktuellen NEON und lese mir den Artikel noch einmal durch. Zusammengefasst ist man dann am Haken, wenn man von einem anderen warmgehalten wird. Die eigenen Gefühle werden nicht erwidert, doch die Aussichten darauf, dass sich in dieser Hinsicht etwas ändern könnte, scheinen gar nicht so schlecht. Denn: Dadurch, dass man hingehalten wird, bleibt die Hoffnung, dass in der Zukunft alles anders sein könnte. In anderen Worten: Am Haken sein bedeutet nichts anderes als warten. Warten auf etwas, das eventuell und in den meisten Fällen nie eintreffen wird. Nach dieser Erkenntnis schreibe ich ihm. Mit der bitte um Aufklärung, da ich nicht weiter in der Luft hängen kann.
Tag 7: Das Ende. Seine Antwort: Er sei sich nicht im Klaren darüber, was er möchte (Achtung! In dieser Äußerung liegt eindeutiges Haken-Potenzial, schließlich könnte sich in Zukunft doch noch etwas ändern, sobald er im Klaren darüber ist, was er möchte. Ich als Haken-Spezialisten, die ich nun bin, fall darauf aber nicht mehr herein). Seine Nachricht geht noch weiter: Je länger wir uns nicht gesehen haben, desto mehr glaube er, dass es einfach nicht reicht.

Wie der Fisch sich vom Haken löst

Ich wurde für nicht gut genug erachtet. Ich gehöre zu den Fischen, die meine Angel-Freunde zurück ins Wasser werfen. Einer von den kleinen Fische, die beim Angeln am Haken landen, aber letztendlich ins Wasser zurückkehren. Sie haben einen entscheidenden Vorteil: Sie dürfen ihr Leben fortsetzen. Die Widerhaken hinterlassen bei den Fischen Spuren und erinnern sie daran, dass sie am Haken hingen, aber auch diese Spuren werden vergehen und letztendlich sind sie dem Haken noch rechtzeitig entkommen. Die großen Fische haben verloren. Sie sind verloren. Ich bleibe ein kleiner Fisch im großen Teich. „Du musst ihn abhaken!“, sagen meine Freunde zu mir. Wie angenehm wäre es, wenn tatsächlich ich ihn abhaken müsste. Dabei ist es genau umgekehrt. Ich muss mich selbst abhaken. Ich muss mich von seinem Haken lösen. Ich nehm den Haken selbst in die Hand und ziehe die Widerhaken vorsichtig aus meinem Rachen. Schmerzfrei ist das Ganze nicht. Der große Teich dagegen ist nicht mehr weit.

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57 Antworten

Kommentare

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    Einer der besten Texte seit langem.

    Inszenierung kaum bis gar nicht ausbaufähig, darunter das großartige Bild des Fisches am Haken, das ebenfalls in einer Geschichte eingerahmt ist.
    Herrlich fesselnd, energisch geschrieben :)
    Und als Sahnehäupchen die Kontroverse mit dem "abhaken" - ganz große Klasse :)))

    Danke für die gute Unterhaltung.

    22.10.2013, 00:03 von MiguelStinson
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    Mir gehts momentan ganz genauso...vielleicht sollte ich mich auch vom Haken lösen. danke für den tipp und den tollen text!

    18.04.2012, 21:26 von sweetForgiveness
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    Oh ja, sehr gelungen!

    12.04.2012, 06:49 von wittchenschnee
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    Schmiedekunst..

    Wer mehrere Eisen im Feuer schmiedet, hat später mehr Schwerter zur Auswahl, welche er (oder auch sie) dann gerne in ausgewählte Herzen bohren.
    Filigrane Gesellen drehen die Klinge gerne noch einmal rum, bevor die Klinge wieder heraus gezogen wird.
    Jeder ist seines Glückes Schmied!
    Darum sage ich dir Schmied.
    Nicht jeder Schmied hat Glück!

    10.04.2012, 06:28 von LaufForrest
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  • 1

    Richtig schlimm wird's ja auch erst, wenn man den Haken schon mal mühsam raus gepopelt hatte und dann so doof ist, wieder rein zu beißen. Krisch Plack!

    09.04.2012, 21:02 von kirschgruen
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      Jeder ist seines Glückes Schmied, aber nicht jeder Schmied hat Glück. ;-)

      10.04.2012, 06:13 von LaufForrest
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    ich hasse spielchen

    09.04.2012, 20:48 von ravedave0815
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    Ich glaub jeder von uns hängt gewissermaßen am Haken. Ich rede da nicht nur von Liebesbeziehungen sondern auch von Freundschaften...jedenfalls geht es mir oft so.
    Das schlimme ist...auch ich habe selbst schon kleine (für mich unbedeutende Fische) am Haken gehabt und konnte ihn erst loslassen als es mir zu konkret, zu aufdringlich wurde....genau wie bei dir in deiner Geschichte.

    Schöner Text, traurige Situation. Selbst schon erlebt und absolut wahr.

    09.04.2012, 20:11 von Kleingeldprinzessin2
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  • 1

    Ja, Amen. Du hast es erfasst und dann auch noch sehr hübsch eingerahmt. Bravoure.

    08.04.2012, 23:02 von kirschgruen
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