Vielleicht sogar Liebe
Es ist neu. Es ist anders. Es könnte alles sein. Vielleicht sogar Liebe.
Wie das Leben aus mir rausfließt, hin zu dir. Dialyse der Herzen. Wir tauschen uns aus in Strömen, mit so hoher Spannung, dass sie uns töten könnte, wenn wir im falschen Moment unachtsam werden. Wenn ich dich sehe, schlägt mein Herz so schnell, dass ich nicht sicher bin, ob ich vorher überhaupt eins hatte. Eine Reise zum Mittelpunkt der Erde, zum Mittelpunkt des Seins, zu meinem Mittelpunkt. Die vage Möglichkeit von Schmerz, von Tränen, von Wut und von Hass. In sich drehende Gedanken um nichts und doch um alles, wenn man bedenkt, was auf dem Spiel steht. Mein Herz, pumpend in deiner Hand, kräftig und leuchtend und rein. Der Kopf, in den nichts mehr reinpasst, außer Gedanken an dich und von dir und über dich und mit dir. Ein Hauch von Perfektion, eine schillernde Fassade des Unbegreiflichen, naheliegend und doch so fern. Ein seltsames Gefühl, als wäre alles, was passiert unwirklich, ein Traum, ein schöner zwar, aber doch nur ein Traum, aus dem man erwacht und sich fragend umschaut und sich wundert, was geschehen ist und wie man so werden konnte und warum. Lächeln in den richtigen Momenten und genießen und glücklich sein und Angst haben, vor dem, was vielleicht kommen könnte, gewappnet sein für den Moment, in dem es eintrifft, damit man den Schlag abfedern kann, der ja doch unweigerlich kommen wird. Ein Kuss auf die Stirn wie ein Stich ins Herz, ein sanfter Stich und dennoch ein Stich, der eine sickernde Wunde hinterlässt, die du auffangen musst. Lange Nächte mit vielen Wörtern, die alles bedeuten könnten, vielleicht sogar Liebe. Vielleicht sogar Liebe.
Und doch sehe ich mich, in dumpfen Tagträumen, schon am Boden, so tief verwickelt in diese Sache, dass, wird das eine Ende abgeschnitten, nichts mehr von mir bleibt außer Bruchstücke, die ich mühsam zusammen sammeln muss. Und dann merken, dass alle Teile noch zusammenpassen, das letzte aber leider fehlt, weil du es in all dem Chaos mitgenommen hast. Wir schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, fragend, zweifelnd, ob das, was ist, wirklich bleiben kann oder ob es sich verändert und wenn ja, ob zum Guten oder zum Schlechten. Und wie wir damit umgehen, du genauso wie ich. Ob wir uns auffangen können oder ob wir uns abwenden, weil wir den Schmerz des anderen nicht ertragen können, wo wir doch so ineinander greifen. Ob wirklich alles ein Ende haben muss oder ob nicht die Ewigkeit doch existiert und ob sie für uns existiert und ob wir sie finden können. Welche Möglichkeiten uns offenstehen und ob wir in der Lage sind, sie zu ergreifen oder ob wir sie nur verwundert von allen Seiten anschauen und dann verwerfen, weil wir es nicht wagen, weil niemand es wagt und wir ja nicht die ersten sein können. Obwohl wir es könnten, sicher könnten wir es, wir müssten nur mutig sein und nicht nach links und rechts schauen und einander beweisen, dass es wahr ist und dass es wir sind und es um uns geht. Zweifeln, natürlich zweifeln, kein Grund, sich Sorgen zu machen, weil Zweifel dazu gehören, auch bei den richtigen Dingen. Und Zweifel und Ängste auch aussprechen und einander ansehen und miteinander reden und füreinander dasein und sich nichts einreden, was es kaputt macht. Was uns kaputt macht.
Große Pläne für alles, dies machen wir und das nehmen wir uns vor und dort wollen wir mal hin und uns jenes ansehen. Uns dann aber nur selber ansehen, einander, weil es genügt, für den Moment und wer weiß schon, wie lange so ein Moment dauert und daher genießen und horchen, in dich und in mich selbst hinein, weil alles möglich ist, vielleicht sogar Liebe. Vielleicht sogar Liebe.
Einen Tag leben, wie es immer sein müsste, morgens dein Gesicht sehen und tagsüber und abends auch, vorm Einschlafen und es halten und küssen und dich halten und küssen und so sein, wie ich bin, weil ich nichts verstecken muss. Weil du mich lässt, wie ich bin und mich magst, wie ich bin und ich dich mag, weil du nichts änderst und mich trotzdem glücklich ansiehst und weil wir an des anderen Seele kratzen, sanft kratzen, weil da irgendwas gleich ist. Irgendwas, das alles sein könnte oder auch nichts, eine Vorstellung davon, wie es richtig ist und gut und wie man es sich wünscht in langen, einsamen Nächten, in denen man keinen Schlaf findet, weil die Sehnsucht so groß ist, dass sie einem den Atem abschnürt und man verzweifelt nach Luft schnappt, aber der Schlaf, der will nicht kommen. Und wie man sich selber anschaut im Spiegel, derselbe Mensch und doch anders, äußerlich, weil innerlich alles anders ist, vielleicht nicht besser, aber anders und aufregender, ein neuer Mensch in einem Selbst, den man erst kennenlernen, an den man sich herantasten muss, ohne Furcht, nur mit Neugier. Teil von etwas, das man nicht ganz begreift, obwohl man doch begreifen müsste, was so wahr scheint und solche Angst macht, dass der Fluchtinstinkt aufhorcht und sich zu Wort meldet und man nicht weiß, wie man ihn abschalten soll, weil es ja doch sein könnte, das es möglich ist und dass es funktioniert, jetzt und in Zukunft. Und dass keine Tränen vergossen werden, höchstens die des Glücks und dass man sich immer so ansehen wird wie jetzt, wissend irgendwie, weil wir beide die Vergänglichkeit kennen und doch anderes erhoffen. Die Chancen ausloten, die einem geboten werden und sie ergreifen, wenn es sinnvoll scheint und sich nicht umdrehen, weil man Angst bekommt. Dann kann es alles sein, vielleicht sogar Liebe. Vielleicht sogar Liebe.






Kommentare
rosamunde pilcher
26.12.2010, 17:32 von Existenzooh ja... *seufz
02.04.2010, 18:57 von Lellophmmm...zuviel? so verliebt sein ist immer überladen und zuviel und alles auf einmal. wer´s nicht so erlebt, tut mir leid oder war eben noch nicht sooo....
10.06.2009, 13:18 von fuehlmalich finde, du triffst es gut. triffst mich gut.
ich frage mich: wie kommt man da wieder raus?
@fuehlmal Aus der Gedankenspirale? Ganz einfach: weitermachen. Die Angst geht irgendwann.
10.06.2009, 15:10 von Kwenda.MzuriVielleicht sogar Liebe......sehr schöner Text.....der viel von meinen gedanken hat....
05.06.2009, 12:51 von crazydevilIn jedem Fall kommt der innere Strudel sehr gut zum Vorschein - so lange verworrene Kettensätze hab ich ja selten gesehen ;))Ich hoffe, dass das in deinem inneren bald ein wenig sortierter und sorgenfreier aussieht!
29.05.2009, 07:56 von DunnaghIch finds gar nicht sooo kitschig. Ich mags.
18.05.2009, 14:44 von pateng