flaschensahne 30.01.2011, 20:11 Uhr 3 3

Vielleicht-Momente

Am Anfang habe ich es mir schwerer vorgestellt, doch dann war es leicht, ohne Dich auszukommen.

Am Anfang habe ich es mir schwerer vorgestellt, doch dann war es leicht, ohne Dich auszukommen. Ich dachte, dass Du mir fehlen würdest, dass es mir fehlen würde, Dir meine Sorgen, meine Nöte und meine Gedanken zu schreiben. Ich befürchtete, dass ich im Bett liegen und weinen würde, weil mich zu viele Gedanken zu Dir zurückbringen. Mit ihnen, so glaubte ich, würde der Schmerz zurückkommen.

Doch er kam nicht. Es war leicht, nicht an Dich zu denken, es war leicht, von Dir Abschied zu nehmen. Das Leben fühlte sich gut an, irgendwie war ich freier, ohne Dich, irgendwie auch mutiger. Alles war eine Bewegung und ich musste nichts dafür tun, weil die eine Handlung ganz normal in die nächste überging, als könnte es nicht anders sein. Die Welt gehörte mir. Nicht ich hatte etwas verloren, Du hattest etwas verloren. Mein Leben war farbig geworden und ich war der Überzeugung, dass es immer so bleiben würde.

Aber es sind die dunklen Momente, die zeigen, wie gut das Leben wirklich ist. Es sind meine Vielleicht-Momente. Zumindest waren sie das früher. In diesen Momenten, wenn das Leben nur noch schwarz-weiß ist, brauche ich das Vielleicht, das Vielleicht, das Du mir gegeben hattest. "Vielleicht", so denke ich dann, "ist alles nicht so schlimm. Vielleicht schreibst Du mir heute. Vielleicht nimmst Du mich in den Arm. Vielleicht liebst Du mich ja doch. Vielleicht sind wir wirklich füreinander bestimmt. Vielleicht..." Jetzt, wo Du weg bist, ist das Vielleicht mit Dir verschwunden. Jetzt, wo Du weg bist, ist das Leben nicht mehr farbig, sondern schwarz-weiß. Jetzt ist wieder alles anstrengend.

Doch es war auch das Vielleicht, das mich verrückt gemacht hat. Das Vielleicht hat mich irgendwann sogar körperlich geschmerzt. Es hat mich entzwei gerissen, es hat meine Tage bestimmt, es hat sie schwarz oder weiß gemalt, ohne, dass ich etwas daran ändern konnte. Am einen Tag schien die Sonne, auch, wenn es draußen regnete, am anderen Tag war es bewölkt, obwohl keine Wolke am Himmel war. Das hat das Vielleicht getan.

Jetzt, wo Du weg bist, habe ich etwas verloren. Ich habe nicht Dich verloren, denn ich habe Dich nie besessen. Auch mein Herz habe ich nicht verloren, das hast Du nie genommen. Meinen Verstand habe ich ebenso noch, wie mich selbst, denn ich weiß noch, wer ich bin. Doch meine Vielleicht-Momente, sie habe ich verloren. Und vielleicht ist dies das Schlimmste. Vielleicht.
Ich habe mein Vielleicht verloren, ich weiß nur nicht, ob das schwarz oder weiß ist. Ich habe mein Vielleicht verloren, ich weiß nur nicht, ob ich lachen oder weinen soll...

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3 Antworten

Kommentare

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  • 1

    selten einen so guten Text gelesen..
     Mag ich,Mag ich, Mag ich!!!!!!!!!!!!!

    06.02.2013, 19:15 von einzelsocke
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  • 0

    :) ja, das gute "Vielleicht"..

    28.09.2012, 12:15 von dontcall
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    Ich kenne eher die andere Seite der Geschichte. Durch deinen Text komm ich mir vor wie ein Arschloch.
    Aber so eine Situation ist wohl für keine Seite leicht...

    28.09.2012, 11:47 von SearchingForLife
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