Viel Milch, keinen Zucker
Ich benutze ihn, ich benutze sie alle. Um die Leere zu füllen, die du hinterlassen hast. Und nichts füllt mich aus.
Wieder ein neuer Morgen. Wieder ein fremdes Bett, in einer Wohnung, die fremd ist. Fremde Gerüche. Und neben mir, ein fremdes Gesicht, das mir noch kurz zuvor so nah war. Und ich sehe nur deines, in meinen Gedanken. Wieder der Moment, in dem ich wünschte, ich wäre nicht mehr da, wenn er wach wird. Und wieder zu spät.
Langsam dreht er sich zu mir und blickt mich aus verschlafenen Augen an. Grüne Augen, die mir am Abend zuvor so leuchtend erschienen. Augen, die mich lockten, während ich versuchte, nicht an deine zu denken. „Morgen!“, flüstert er. „Gut geschlafen?“. Ich nicke. Und als er mich küsst, versuche ich etwas zu spüren. Vergeblich. Und ich nenne ihn nicht beim Namen. Ihn nicht, und all die anderen nicht. Ich habe es mir abgewöhnt. Denn es ist mir egal, wer er ist. Wer sie alle sind. Denn keiner ist wie du.
„Ich würde gerne duschen!“ sage ich schließlich und er lächelt, als er aufsteht, um mir ein Handtuch zu geben. Und ich beobachte ihn genau. Und ich kann ihn nicht sehen, als der, der er ist. Ich denke immerzu in Du- Kategorien. Kleiner als du, schlanker als du, wilder als du. Nicht so kalt wie du. Aber nicht du.
Schläfrig gehe ich zum Fenster und umfasse den kühlen, silberfarbenen Griff, um es zu öffnen. Und um zu atmen, für einen Moment. Die frische Luft strömt in den Raum und ich schließe die Augen, um an dich zu denken. Zärtlich legt er seine Arme um mich, und küsst meine Schultern. Und ich weiß, was er sagen wird. Sie alle sagen es. Wenn auch in unterschiedlichen Worten. Und ich will es nur dich sagen hören, sehne mich nach deiner Stimme, nach deinen Lippen, nach deinen großen Händen auf meiner Haut. „Es war schön!“ haucht er leise und ich vermag nur zu nicken. Ich habe sie alle gehabt: Den Es-war-so-geil- Typen, den Du-machst-mich-süchtig- Typen, den Ich-habe-mich-heute-Nacht- in-dich-verliebt- Typen, den Ich-will-es noch mal-und-sofort- Typen, selbst den War-ich-gut- Typen. Dieser hier hat immerhin Stil.
„Du kannst im Bad alles benutzen.“ sagt er freundlich und sieht nicht, dass ich grinse. „Benutzen“, denke ich. Und ich fühle mich nicht einmal schlecht. Ich benutze ihn, ich benutze sie alle. Um die Leere zu füllen, die du hinterlassen hast. Und nichts füllt mich aus.
Im Bad drehe ich das heiße Wasser auf und versuche einen Moment zu entspannen. Und ich weiß, was jetzt folgen wird. „Kaffee?“ wird er fragen, und ich werde „Ja!“ sagen. „Viel Milch, keinen Zucker.“ Immer dasselbe Spiel. Ich habe sie alle gehabt: Den Müsli-und-Obst- Typen, den Nutella-und-Toast- Typen, den Aufbackbrötchen- Typen, auch den Morgens-schnell-nur-eine-Zigarette- Typen. Kaffee gibt es immer. Und niemals lasse ich sie näher an mich heran, als bis zu diesem gemeinsamen Becher. Niemals erfahren sie mehr, als „Viel Milch, keinen Zucker.“ Und dann bin ich weg. Um in Gedanken bei dir zu sein.
Langsam ziehe ich mich an, und mir missfällt der Gedanke, das Bad zu verlassen und ihm zu begegnen. Ich werfe einen Blick in den beschlagenen Spiegel und sehe dabei zu, wie sich der Nebel nach und nach lichtet und mein Gesicht immer deutlicher zu erkennen gibt. Und ich frage mich, wo sie geblieben ist, die Frau, die ich gewesen bin. Und ich denke an den Tag, an dem du gegangen bist. Weil ich dir sagte, dass es mir nicht genug sei. Und dass ich dir nicht mehr hinterher laufen werde.
Dass du es nicht wert bist, haben sie alle gesagt. Ich habe das immer anders gesehen. Jedes deiner Worte, wertvoller als die Küsse all dieser Männer. Jeder deiner Blicke so viel mehr wert, als all ihre Berührungen. Du kennst meine Sehnsüchte, meine geheimsten Fantasien. Weißt so viel mehr als „Viel Milch, keinen Zucker.“ Und jetzt ist es vorbei.
„Tob dich aus,“ haben sie gesagt, „um ihn zu vergessen!“ Ich habe genickt. „Sei nicht immer die Brave!“ Ich habe es versprochen. „Und wenn es sein muss, dann schlaf mit halb Nordrhein-Westfalen, bis du nicht mehr an ihn denkst!“ Ich habe es bejaht.
Und dann verlasse ich das Bad und gehe zu ihm. Die kleine Küche duftet nach frischem Kaffee. „Magst du?“ fragt er und ich nicke voller Wehmut. „Viel Milch, keinen Zucker.“ sage ich kurz angebunden und setze mich an den sorgfältig gedeckten Tisch. Er ist der Croissant-und-Konfitüre- Typ. Ein neuer auf der Liste ohne Namen. Er erzählt mir von sich, und von seinem Job. Mir ist all das egal. Weil er nicht du ist.
Ob ich noch einen Film schauen oder spazieren gehen will, fragt er, und mir wird buchstäblich schlecht. Wie gern hätte ich das getan, noch vor so kurzer Zeit, nur mit dir. Wortlos schüttle ich den Kopf, und ich bestelle ein Taxi. Zum Abschied ein schneller Kuss, und ich weiß, wir werden uns nicht wiedersehen.
Ich lehne den Kopf zurück und schaue hinaus, sehe die Häuser, die an mir vorüberziehen. Und ich denke nach, über die Frau, die ich gewesen bin. Bis zu dem Tag, als du gegangen bist. Und ich wünsche sie mir zurück. Die Ehrliche, Treue. Die, die alles gegeben hätte. Für dich. Die immer das Gute in dir gesehen, immer an dich geglaubt hat. Die für dich gekämpft hat, bis zum Schluss. Und auch die, die daran zerbrochen ist, dass du auf all das keinen Wert gelegt hast.
Einen Moment lang taste ich nach meinem Handy. Und ich denke darüber nach, dir zu schreiben. Wie so oft. Und ich weiß, ich muss es lassen. Denn du tust mir nicht gut.
Und ich weiß, ich bin niemals so gewesen. Und niemals wollte ich so werden. Aber wenn es hilft, dann schlafe ich mit halb Nordrhein-Westfalen. Und eines Tages werde ich wach werden und in ein Gesicht sehen. Und ich werde die Lust spüren, mehr zu erfahren. Weil ich deines nicht mehr sehen muss. In meinen Gedanken. Und ich werde ihn wahrnehmen, als der, der er ist. Und ich werde ihn beim Namen nennen, weil deiner verblasst ist. Und ich werde spazieren gehen, vielleicht Hand in Hand. Und ich werde wieder fühlen, und frei sein. Und endlich zurückkehren zu mir.






Kommentare
verblüffende ähnlickeit mit diesem!
17.03.2012, 21:46 von RAZimich liebe, liebe, liebe diesen artikel. spricht mir aus der seele.
14.03.2012, 11:57 von nalah018Extrem gut nachvollziehbar, meine Gedanken in deinen Worten, auch Schreibstil gefällt mir.
04.02.2012, 23:21 von lieblichauch der*
04.02.2012, 23:21 von lieblichFolgenden Satz haben ich auch schon von meinen Freunden gehört...
„Und wenn es sein muss, dann schlaf mit halb Nordrhein-Westfalen, bis du nicht mehr an ihn denkst!“
Viel Glück beim "vergessen", ich habe es nach 1 Jahr und X Typen nicht geschafft---
03.02.2012, 16:22 von Frau-MuhKuhIch kann dich gut verstehen, denn diesen Weg gehe ich auch gerade. Doch viele Menschen können dieses Verhalten nicht nachvollziehen, oder fehlinterpretieren es.
03.02.2012, 15:55 von IllusionistSehr nüchtern geschrieben, aber für mich in sich absolut schlüssig. Ich kann die Situation gerade sehr gut nachvollziehen. Und dass das alles so nüchtern wirkt, sollte denke ich nicht mit Arroganz verwechselt werden. Zu vermissen laugt nunmal aus und man baut sich Schutzmauern dagegen durch Emotionen noch mehr an den Verflossenen erinnert zu werden. Klingt also vielleicht für manche ein bisschen kalt und berechnend, was die Protagonistin von sich gibt - ist es aber meiner Meinung nach nicht. Vielmehr drückt sich in der inneren Leere zusätzlich Schmerz aus.
23.01.2012, 17:27 von ShivelleSehr gut geschrieben!
Sprachlos...berührt! Die "Hauptaussage" kann ich im Moment so gut nachempfinden. Schrecklich gedanklich nicht von jemanden los zu kommen, andere immer mit ihm zu vergleichen, obwohl man weiß, dass er einem ganz und gar nicht gut tut. Was macht man sich eigentlich vor??! Weiß im Moment leider nicht die Antwort. Hoffe, dass mit der Zeit alles klarer wird.
Der Text hat mich auf seltsame Weise erinnert und mitgenommen, in eine Zeit, die ich zum Glück hinter mir habe. Warum zum Glück? Weil ich nicht eines Tages aufgewacht bin und gemerkt habe, dass mich ein anderer interessiert. Sondern weil ich gemerkt habe, das egal wie sehr man benutzt, auch immer benutzt wird. Und als ich das erkannt habe und es plötzlich wirklich um mich als Mensch ging, ohne Sex und alles... da bin ich wieder zu mir gekommen!
13.01.2012, 21:12 von FlorfinchenDanke für diesen Text, der mich tief innen getroffen hat und den ich nur zu gut nachvollziehen kann!
Das lustigste an dem Text finde ich, dass sich die Protagonistin so total für was besseres und voll cool und viel besser als die dummen, lahmen Kerle hält- und die wahrscheinlich genau dasselbe (nur andersrum;) ).
13.01.2012, 08:25 von halbkindmfLeid tun einem nur die paar Exemplare, die vielleicht wirklich nett und interessiert waren, und sogar noch Spazieren gehen wollen. Die Ärmsten.
Die Dame hat halt eine gewisse Tiefe, da muss man als Mann eine Mindestlänge mitbringen.
13.01.2012, 14:36 von Who-am-Iich bin bewegt.
13.01.2012, 05:39 von sublime_disaster