tomgibtsschon 30.11.-0001, 00:00 Uhr 27 40

Verliebt

Du, und nur du. Von jetzt bis in einem halben Jahr für immer und ewig. Träumen, tagelang. Mein Herz schlägt und ich lebe.

Ich erinnere mich gut daran, wie ich das erste Mal verliebt war.

Annika war hübsch. Sie hatte rotblondes Haar, Sommersprossen, ein tolles Lächeln. Sie war ein nettes Mädchen. Nett, nicht scheiße. Und das gefiel mir. Sehr. Es war Frühsommer, ich war 15 und grade in die Theater-AG eingetreten, wo ich sie kennengerlernt hatte. Die AG war der erste Ort an meiner Schule, an dem ich mich wohl fühlte. Keine dummbeutligen Sportskanonen mit Markenklamotten und fiese Weiber, die ständig lästerten wie anderswo. Und nachdem es mir ein halbes Jahr genügt hatte, nachmittags in meinem Zimmer auf dem Bett zu liegen und von ihr zu träumen, hatte ich sie kurz vor den Sommerferien endlich nach einem Date gefragt. Ich glaube, wir sagten damals noch einfach Verabredung. Mein „Schwarm“ war sie aber nicht. Sowas hatte trotz der Bravo niemand.

Ich erinnere mich an den Tag unserer Verabredung. Besonders an den Duft. Der Geruch meines Haargels, mit dem ich stundenlang in nervöser Akkuratesse jede einzelne Haarsträhne zwirbelte, bis sie meinen Ansprüchen genügte. Mein Duschgel und mein Deospray. AXE Alaska, das wir damals alle benutzten, weil es so männlich roch. Der Blütenduft im Park und in den Straßen auf dem Weg in die Stadt. Die Sonne schien. Es war perfekt.

Viel zu früh stand ich in meiner schwarzen Stoffhose mit den Seitentaschen und meinem beigen Kurzarmhemd (ja, ich weiß…) und in meinen etwas zu großen Turnschuhen vor der Eisdiele. Auf jeden Fall pünktlich sein! Handys hatten wir schon, aber nur für Notfälle. 50 Pfennig pro SMS! Mindestens. Warten. Wohin mit meinen Händen. Schließlich die Arme verschränkt vor der Brust. Und dann kam sie.

Ich glaube, ich hatte den Kiwibecher, weil ich den damals immer nahm. Ich glaube auch, dass ich sie eingeladen habe. Ich weiß nicht mehr, worüber wir sprachen. Aber ich weiß, dass wir viel redeten. Keine peinlichen Pausen. Was ein Glück!

Weiter als bis zur Eisdiele hatte ich nicht geplant. Es war auch nicht nötig. Hinterher gingen wir ein paar Schritte durch die Fußgängerzone und dann immer wieder ums selbe Karree. Die Zeit verging viel zu schnell. Am späten Nachmittag begleitete ich sie zur Bushaltestelle. Jetzt war es Zeit für mein Geschenk. „Hab was für dich.“ Aus der Seitentasche, die so praktisch war, holte ich den Schlüsselanhänger hervor. Diddlmaus. Hellblaue Flüssigkeit in einem Röhrchen und ihr Name darauf. Jaja. Aber sie strahlte, sagte: „Ist ja süß!“ und umarmte mich. Take that.

Das Highlight meines Tages. Ihre Wange an meiner. Der Duft ihrer Haut und ihrer Haare. Brausepulver im Bauch und Feuerwerk im Herzen. Sie stieg in den Bus und das Sonnenlicht wurde langsam golden. Ich war der coolste Typ auf der ganzen Welt.

Sommerferien. Ich vermisste sie. Sie schrieb mir eine Postkarte von Neuschwanenstein. Süß, wie sie das „A“ schrieb. Nach sechs Wochen endlich die Gelegenheit für ein zweites Date. Kino diesmal. Es wollte nicht mehr so recht klappen mit der Magie. Ein Kompliment von mir, worauf sie prustete. Wie kann man auch so peinlich sein. Verabschiedung. Ohne Umarmung diesmal.

Herbstanfang.

Was ein echter Mann war, der musste irgendwann tun, was er tun muss. Ich schrieb ihr in einem Brief, was ich für sie empfand. Nach ein paar Wochen schrieb sie zurück. Und sie tat es gut. „Ich mag dich wirklich sehr. Aber.“.  Doch es war okay. Ich war ihr nicht egal, und sie war respekt- und rücksichtsvoll. Ich fühlte mich nicht wie ein Idiot hinterher. Und ja, das hatte die 15-jährige Annika vielen voraus, die nach ihr kommen sollten. Den Brief habe ich immer noch.

Klar war das irgendwo lustig. Echte Briefe und Karten statt Email und WhatsApp. Peinliche Klamotten und Liebeslieder im Discman. Sorgen, die noch nicht größer waren als die nächste Woche. Noch so viel vor und so viel Scheiße noch nicht gefressen. Aber darum geht’s nicht. Keine Nostalgie. Kein „Wie war das alles schöner früher“.

Mehr das: ich bin verliebt. Und daran gibt es nichts zu rütteln. Du, und nur du. Von jetzt bis in einem halben Jahr für immer und ewig. Träumen, tagelang. Egal, wie es enden wird. Ist noch ganz weit weg. Mein Herz schlägt und ich lebe. Der Sommer riecht so gut. Wie nie wieder seit all den Zigaretten.

Werd erwachsen. Reiß dich zusammen. Guck, wo du bleibst. Und überleg dir das ganz genau mit den Gefühlen. Für alles andere gibt es Ironie.

Doch der kleine Junge fährt sich zum x-ten Mal durch seine Stachelhaare und weiß genau, was er jetzt will. „Gefühl ist alles. Name ist nur Schall und  Rauch.“ Gut geklaut bei Goethe.

Meine Therapeutin erzählt mir was vom inneren Kind. Wie es in uns ist und alles hat, was es zum Leben braucht. Und zum Lieben. Man muss nur mal die Fresse halten und wieder einmal zuhören.

Kluge Frau.

Der Kleine grinst.

So, Steuererklärung machen. Aber nicht schlimm.

Die Sonne scheint.      


Tags: ersteliebe, verliebt, sommer
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27 Antworten

Kommentare

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    schön !

    20.05.2016, 00:16 von birtytanzt.
    • 0

      Danke :)

      31.05.2016, 16:16 von tomgibtsschon
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  • 0

    Irgendwie witzig und schön zugleich! Trifft den Nagel auf den Kopf..sehr schön! :)

    05.05.2016, 19:40 von Mireeey
    • 0

      Freut mich :)

      31.05.2016, 16:16 von tomgibtsschon
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  • 1

    "Brausepulver im Bauch und Feuerwerk im Herzen. " wunderschön beschrieben ! absolutely in love ! :)

    05.05.2016, 14:51 von platzzumdancen
    • 0

      Danke schön :)

      31.05.2016, 16:16 von tomgibtsschon
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Es gibt viele tolle Annikas auf der Welt :)

      04.05.2016, 14:02 von tomgibtsschon
  • 0

    So schön geschrieben! Jede Zeile genossen :) und ein bisschen Liebe am trüben Tag gefühlt ;) merci für diesen Moment der Verzückung! 

    01.05.2016, 17:58 von hinitus.kleinus
    • 0

      Gern geschehen :) freut mich, dass es dir gefällt

      04.05.2016, 14:01 von tomgibtsschon
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  • 1

    KarlHansen

    26.04.2016, 12:17 von KarlHansen
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    Hach...

    26.04.2016, 01:09 von sailor
  • 0

    ich lese und will mehr lesen... wenn du genug Abstand hast, dann schreib über die zweite Liebe ;)


    26.04.2016, 00:00 von Maremile
    • 0

      Aber ob das genauso schön wird? ;)

      28.04.2016, 16:13 von tomgibtsschon
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    Schön.... ich seh die Eisdiele und das Karree genau vor meinen inneren Augen und hab ein nostalgisches Lächeln auf den Lippen.

    25.04.2016, 14:44 von Tanea
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  • 0

    Werd erwachsen. Reiß dich zusammen. Guck, wo du bleibst. Und überleg dir das ganz genau mit den Gefühlen. "


    Mit dem Bullshit im Kopf fängt es an - Schmetterlinge verwandeln sich in Gedanken-Zombies.^^

    25.04.2016, 08:31 von Hattori-Hanzo
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