telle_que_tu_es 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 2

Verliebt in eine chemische Reaktion

Warum das mit dem glücklich sein, ein starkes Stück ist...

Kennen Sie dieses Gefühl, wenn man am liebsten die ganze Welt umarmen möchte? Wenn man frühmorgens wildfremde Menschen an der Straßenbahnhaltestelle grüßen möchte und dies schließlich auch tut? Eins möchte ich aber gleich klar stellen: Ich bin keiner dieser unerträglichen Gutmenschen, kein hoffnungsloser Optimist und auch kein 365-Tage-Sonnenscheinchen. Nein, ich bin nur verliebt.
Schon wieder, stöhnt meine Umwelt. Schon wieder, aber diesmal so richtig, jubeln mein Herz und ich im Gleichklang. Den Verstand haben wir sicherheitshalber nicht nach seiner Meinung gefragt.

Es ist als würden wir uns schon ewig kennen …
Gut, ich gebe es zu, nüchtern betrachtet, kennen wir uns genau fünf Tage. Fünf Tage sind lange genug, meldet sich mein Herz zu Wort. Genug, um zu wissen, dass er Jura studiert, aber Maler werden möchte, französische Filme mag, gern im Regen spazieren geht, seinen Kaffee schwarz trinkt, als Kind in den Sommerferien mit dem Wohnwagen durch Schweden gekarrt wurde, Erdbeereis liebt. Ich weiß, wie seine Mundwinkel zucken, wenn er glücklich ist und wie seine Katze heißt. Für fünf Tage schon mal nicht schlecht. Immerhin sind fünf Tage 120 Stunden, 7200 Minuten oder gar 432 000 Sekunden, also beinahe eine kleine Ewigkeit. Solch messerscharfes Kalkül dürfte dann wohl auch meinen Verstand zufrieden stellen.
Der Tag, an dem mich der Presslufthammer traf
Verschlafen, wie schon so oft. Schnell unter die Dusche. Noch schneller anziehen. Schnellstens auf die Uni. Ein ganz normaler, zugegeben ein wenig stressiger Tag. Vielleicht ein vorschnelles Urteil. Doch wer konnte denn ahnen, dass ich ihm begegne. Da war er, saß mit meinem besten Freund im Café. Einfach so und schaute mich mit großen Augen an. Was jetzt kommt, würde ich zu meiner Ehrenrettung gerne verschweigen. Die Großmeisterin des Cornwall-Kitsches Rosamunde Pilcher ist nämlich eine Eisprinzessin dagegen: Es haute mich einfach um. Ohne Vorwarnung. Einfach so. Wie sagt man so schön: Liebe auf den ersten Blick. Von mir als Mythos, als Jungmädchentraum abgetan, belächelt. Mädchen haben, was ihre Zukunft betrifft, zumeist klare Vorstellungen: Prinzessin, Tierärztin oder einfach nur schön und berühmt wollen sie werden. All das mit dem richtigen Mann an ihrer Seite, versteht sich ja von selbst. Bis frau schließlich ernüchtert feststellt: Nach dem Prinzen auf dem weißen Pferd muss sie in Zeiten der Metrosexualität lange suchen und auch das Verhältnis zu Tieren beginnt angesichts BSE und Vogelgrippe allmählich zu erkalten. Kleine Mädchen werden erwachsen und vergessen oder verlernen gar zu träumen. Ich hatte mich damit abgefunden. Die Suche nach dem Richtigen wurde erstmal auf unbestimmte Zeit vertagt. Bis zu jenem Tag im April. Um das Klischee zu komplettieren, natürlich ein wunderschöner Frühlingstag. Ja, ich bin eine Sklavin sämtlicher Klischees und Frühlingsgefühle. Aber es ist auch zu schön. Was ist denn heute mit dir los?, reißt mich Paul aus meinen Träumen. Ich fühle mich ertappt. Ohne meine Antwort abzuwarten, setzt er fort: Das ist übrigens mein Freund Tom. Wir kennen uns noch aus der Schule und sind uns heute zufällig über den Weg gelaufen.. Ich für meinen Teil danke Gott insgeheim für diesen glücklichen Zufall und nickte. Nicken – starren – grinsen. Zu mehr, bin ich in diesem Moment auch gar nicht in der Lage. Während ich mechanisch vor mich hinnicke und von einem Ohr zum anderen grinse, merke ich viel zu spät, dass mir dieses Bild von einem Mann, die Hand entgegenstreckt. Meinen Namen will er auch noch wissen. Ich bin natürlich hoffnungslos überfordert, stammle dann doch irgendwie „Anna“. Sehen wir’s positiv, zumindest ist mir in dieser Grenzsituation noch mein Name eingefallen. Das war dann aber auch schon alles. Um die peinliche Situation aufzulösen, setze ich mich, bestelle den obligatorischen Café Latte und versuche mich zu sammeln. „Bloß nichts anmerken lassen“ lautet die Devise, sonst denkt er am Ende noch weiß Gott was von mir. Den ersten Eindruck habe ich wortkarg, zum Ausgleich debil dauergrinsend, ja gründlich versaut. Hier sitze ich nun, neben meinem Traummann, der von seinem Status noch keine Ahnung hat und zwinge mich, interessiert den Gesprächen der beiden zu lauschen. Keine leichte Aufgabe, wenn man immer in Hollywood-Phantasien abdriftet. Ein Haus, weißer Gartenzaun, ein Hund und zur Krönung Tom… Erde an Anna – Hey Kleine, was ist heut wirklich los mit dir? So kenn’ ich dich ja gar nicht. Tja, das war Paul, der Störfaktor in meiner Phantasie. Aber er hat Recht, so kenn’ ich mich selber nicht. Wieso finde ich plötzlich Häuser im Grünen toll? Dabei verabscheue ich doch alles, was auch nur im entferntesten nach Natur riecht und Hunde mag ich eigentlich auch nicht. Mein Verstand und mein Sprachenzentrum haben sich anscheinend gleichzeitig ausgeklinkt. Es lebe der Hypothalamus, verantwortlich für dieses diffuse Glücksgefühl und für eine Herzfrequenz im kritischen Bereich, die sich in die rosarote Gefahrenzone steigert, als Tom am Ende des Nachmittags nach meiner Nummer fragt.

In der Liebe und im Krieg sind alle Mittel erlaubt.
Wie hieß sie noch mal diese Band, von der er so geschwärmt hat? In solchen Momenten wünsche ich mir inständig, mein Kurzzeitgedächtnis hätte mehr mit einem Elefanten gemein als mit dem alten Nudelsieb meiner Oma. Dank neumodernen googlens (ich bin der allwissenden Suchmaschine zu ewigem Dank verpflichtet und so schrecke ich auch nicht vor dem Gebrauch schrecklicher Neologismen zurück. Der Leser/die Leserin mögen dies entschuldigen) weiß ich innerhalb von Sekunden, dass die ominöse Musikgruppe „Arctic Monkeys“ heißt und in genau einer Woche in unserer schönen Stadt auftritt. Das ist es, meine Chance. Es muss Schicksal sein. Dennoch alles will gut geplant sein. Ich darf mir keine Fehler erlauben. Ein Ding der Unmöglichkeit für mich, die geborene Chaotin für die Planung und Struktur im Leben immer schon feuerrote Tücher waren. Trotzdem, wer im Schachklub zu den ausgeklügelsten TaktikerInnen gehört hat, wird es doch auch schaffen, das perfekte Date zu organisieren. Wer hätte gedacht, dass diese Strategiequälerei mal zu etwas gut sein wird? Zuerst pirscht man sich an seine Gegner heran, umzingelt ihn und schlägt dann blitzschnell zu. Hmmh, heranpirschen, wie soll ich das nun wieder anstellen? Was soll’s: Ich frag’ ihn jetzt einfach, ob er mit zum Konzert kommen mag. Blitzschnell landen sämtliche „Wie kriege ich diesen Mann und behalte dabei meinen Stolz“-Strategien im gedanklichen Papierkorb und ich gehe zum direkten Angriff über. Nervöser als jeder pubertierende Teenager tippe ich tausend Fassungen der perfekten Sms. An jedem Wort wird minutenlang gefeilt. Als die Nachricht fertig ist, bin ich zufrieden: Perfekt in der Grauzone zwischen unmoralischem Angebot und platonischer Freundschaft platziert. Jetzt muss sie nur noch ins Schwarze treffen. Und sie trifft, zwar zwei unerträgliche Wartestunden später, aber darüber sehen wir jetzt mal generös hinweg. Vergessen wir die 120 Minuten, die zu der sprichwörtlichen kleinen Ewigkeit wurden, sich wie Kaugummi zogen (und ich hasse Kaugummi). Vergessen wir sämtliche Horrorszenarien, die ich mir zwischen Ungeduld und Verzweiflung ausgemalt habe. Jetzt wusste ich, dass er weder vom Erdboden verschluckt, in eine Massenkarambolage auf der Autobahn verwickelt oder ich mit einer falschen Handynummer abgespeist worden war. Ja, er will mit auf dieses Konzert, wollte mich selber schon einladen (Tja, Frauen sind nun mal schneller) und freut sich auf mich. Da stand es, nicht unbedingt schwarz auf weiß, aber zumindest auf meinem Handydisplay: Er freut sich, nicht nur auf das Konzert, sondern auf mich. Jetzt waren sie unwiderruflich da: Die berühmten Schmetterlinge im Bauch. Dieses unbeschreibliche Kribbeln. Der Rest ist Geschichte. Fakt ist, ich bin verliebt oder besser gesagt, wir sind es. Ja, mein Himmel hängt voller Geigen. Ich schwebe auf Wolke Sieben, weigere mich beharrlich, die rosarote Brille abzunehmen, fiebere jedem Treffen nervös entgegen und genieße jede Minute mit ihm. Ich bin einfach nur glücklich.

Alles nur Chemie?
Liebe als Reaktion von Molekülen? Muss es denn immer eine naturwissenschaftliche Erklärung geben? Ich weigere mich zu akzeptieren, dass auch die tollste Verliebtheit eine Halbwertszeit haben soll. Was tun, wenn meine Dopamin-Ressourcen aufgebraucht sind? Bin ich dann schlagartig nicht mehr verliebt? Mit der Energie eines trotzigen Kindes weigere ich mich, auf den Asphaltboden der wissenschaftlichen Tatsachen zurückzukehren. Aber was weiß ich denn schon, ich bin ja nur verliebt.

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