Vergebliche Kämpfe
Sie will so nicht sein. Will keine sein, die auf jemanden wartet, die ergeben ist und allzeit bereit.
Die Sehnsucht und die Abhängigkeit hat sie in die unterste Schublade ihres Schreibtischs gesteckt so wie früher die Schulbrote, die sie nicht mochte. Dort sollen sie vergammeln, verschimmeln und eingehen. Sie sind die bösen Schwestern der Liebe, sie will sie nicht, sie schmecken ihr nicht. Nur er kriecht durch alle Spalten ihres unvollkommenen Lebens, er spürt sie auf, die Hohlräume ihrer Seele und die Ritzen zwischen den unsauber zusammen gezimmerten Brettern, mit denen sie ihr Herz verbarrikadiert hat – gegen Eindringlinge, gegen ihn, ihren Dämon.
An jedem dunklen Herbstmorgen, an dem sie aufsteht, um sich durch das Leben zu quälen, an jedem verdammten Morgen schrubbt sie ihre Haut bis sie blutet. Sie muss ihn abwaschen, weil er an ihr klebt, weil er ihr ins Gesicht geschrieben steht. Sie arbeitet an sich, versucht die Sicherheitslücken zu schließen, durch die er immer wieder in ihr System eindringt, wie ein Virus, der sich seinen Weg in einen Computer bahnt. Sie wird ihn nicht reinlassen. Doch wenn die Sonne untergeht, sind die Wohnungen gegenüber in ein Licht getaucht, das sie sehnsüchtig macht, das in die ungeschützten Orte ihrer selbst vordringt. Dann wird sie schwach, dann brechen die mühsam errichteten Dämme, dann lässt sie ihn zu, dann flutet er ihren Körper bis sie glaubt an ihm zu ertrinken. Sie zieht sich die Decke der Träume über den Kopf, hält sich die Augen zu und bildet sich ein, dass niemand sie sieht, so wie die kleinen Kinder beim Verstecken spielen.
Die Musik, der Alkohol, seine Bilder und Briefe sind ihre liebsten Feinde bei diesem immer wiederkehrenden Ritual. Meist ist es schon nach Mitternacht bis sie einschlafen kann. In der Grauzone zwischen Schlafen und Wachen ruft sie der Nacht noch zu, dass sie doch dieses Mal für immer bleiben soll. Dann hat er sich schon weit in ihr Inneres gefressen wie eine stark ätzende Säure, dann hat sie bereits Angst vor dem Morgen und der Prozedur, der es bedarf, um ihn wieder loszuwerden. Aber die Nacht hört nicht auf sie, sie ist seine Verbündete. Das Grauen des Morgens ist unerbittlich. Wenn sie zu sich kommt, ist er noch da, hat Besitz von ihr ergriffen, so sehr, dass sie für einen kurzen Moment glaubt, er sei wirklich. Also beginnt sie wieder mit der Reinigung und spült noch den letzten Rest von ihm mit starkem, schwarzem Kaffee aus ihren Adern, bevor sie sich in den Tag entlässt, bevor sie das Leben simuliert, so wie all die anderen Menschen da draußen.






Kommentare
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29.12.2008, 04:37 von ciao.bellaoh mann...wahnsinnig gut geschrieben und sehr passend...respekt
13.01.2007, 15:55 von Milchschniddegibt es ein heilmittel um davon loszukommen?
25.07.2006, 15:58 von LiammeDu hast ja recht...
17.07.2006, 21:08 von Lyzja, die nächte sind die schlimmsten, weil man in den träumen so schutzlos ist. und manchmal glaubt man, man hätte bessere chancen, die tage zu überleben, wenn man in den nächten besinnungslos wäre.
30.12.2005, 00:03 von FrauSusiKGut geschrieben. Respekt.
05.12.2005, 14:32 von RevolutiongirlDaumen hoch für diese leistung.Find ich toll!
11.11.2005, 00:17 von NightingaleLg!
Oh ja die Schattenseite der Liebe , wunderbar schattig. sehr sehr gut.
06.11.2005, 21:00 von elverdug