Patrick_Bauer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 13

Verdammt, verliebt!

Warum trifft man den richtigen Menschen so oft zum falschen Zeitpunkt? Experten glauben: Dahinter steckt System.

Am letzten Tag versank die ganze Stadt im Schnee. Alles war weiß. Und so merkwürdig still. Es war wohl ein Sonntag. Sie sagte, sie könnte einen Schnaps vertragen, also suchten wir nach einer Tankstelle. Ich sagte nicht viel, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Vielleicht: »Wozu gibt es Billigflieger!« Oder: »Ich rufe dich bestimmt jeden Abend an!« Wir liefen einfach immer weiter und lauschten dem knirschenden Geräusch unserer Schritte.
Zu Hause zog sie ihre Socken aus, weil sie ganz nass waren, und mir fiel auf, dass ich ihre Füße bisher nie im Licht gesehen hatte. Ich hatte so vieles an ihr noch nicht länger betrachten können.
»Komm, ich helfe dir«, sagte sie und packte die letzten Sachen in eine Umzugskiste. Irgendwelche Unterlagen, Bücher, alte Zeitungen. »Ist doch egal jetzt«, schimpfte ich, obwohl es überhaupt nicht egal war, weil am nächsten Morgen mein gesamter Besitz in den großen Laster eines Transportunternehmens geräumt werden sollte. Und auf dem Tisch lag mein Zugticket. Hauptbahnhof, 12 Uhr 17. Gleis neun. Ich weiß die Gleisnummer noch heute, weil ich sie damals gehasst habe. Gleis neun, das war für mich der Ort der Ungerechtigkeit, der unlogischste Ort der Welt. An Gleis neun würde ich in einen Zug steigen, in den ich nicht steigen wollte und den ich doch gebucht hatte, in Richtung einer anderen Stadt, in die ich nicht fahren wollte und für die ich mich doch entschieden hatte. Auf einem Sitzplatz, den ich reserviert hatte, ohne zu wissen, dass ich es noch bereuen würde. Ich hatte mich auf meinen Umzug gefreut und auf all das Neue, das da kommen würde. Ich konnte nicht ahnen, dass ich das Neue zurücklassen würde. Dass sie eines Nachts in mein Leben treten würde, in dem leider gar kein Platz mehr frei war.

Als wir uns kennen lernten, hatte ich gerade festgestellt, dass Abschiede toll sein können. Ich hatte endlich eine Entscheidung getroffen, ich wusste, wo ich die nächsten Jahre verbringen würde, und ich wusste sogar, was ich dort tun würde. Ich ging mit Freunden einige Biere trinken, zunächst einmal die letzten, natürlich war das schade, aber ich war innerlich schon längst weg. Es war befreiend. Dann stand sie plötzlich neben mir vor der verschlossenen Klotür auf dieser WG-Party und fragte: »Wartest du schon lange?« Ich war betrunken, ich sagte:
»Auf jemanden wie dich? Schon sehr lange!« Sie fand das lustig. Drei Tage später merkte ich, dass ich mich verliebt hatte. Ziemlich schlimm verliebt. Ich habe ihr das nie gesagt, wahrscheinlich, weil ich es nicht noch komplizierter machen wollte. Aber wir wussten es beide. Sie hat ohnehin nicht viel über uns gesprochen, nachdem sie von meinem nahenden Abgang erfahren hatte, keiner von uns wollte sich wohl zu sehr offenbaren.
Aus Furcht, jemandem nahezukommen, der dabei war, sich zu entfernen. Sie fände es sehr schade, meinte sie immerhin und kaute dann wieder auf ihren Lippen herum. Und einmal, es platzte aus mir raus, fragte ich: »Und was, wenn ich einfach hierbleibe?« »Ach Quatsch«, sagte sie schnell. Ich glaube, sie hätte es nie gewagt, mich zu fragen, ob ich nicht doch alles absagen wollte. Sie hätte es gar nicht ertragen, dass ich ihretwegen bleibe. Aber sie hat es sich bestimmt gewünscht, vielleicht sogar so sehr, wie ich gerne geblieben wäre. Nur: Was, wenn wir doch nicht zueinander gepasst hätten? Sollte ich meinen Lebensplan wegen dieses Hochgefühls umwerfen, das vielleicht wenige Wochen später
weg gewesen wäre? Das war das Schlimmste: Wir beide wussten, dass sich die Frage »Gehen oder bleiben, Kopf oder Herz?« gar nicht stellt. Und gleichzeitig entband mich diese Feststellung von jeder Verantwortung. Nicht ich, das Schicksal ist es gewesen!
Seitdem ist einige Zeit vergangen. Ich würde lügen zu behaupten, ich wäre danach nicht glücklich geworden. Doch die Situation hat mich noch lange beschäftigt. Sie war geblieben, ich war gegangen, und damit auch die Chance, die wir gehabt hatten. Zunächst telefonierten wir oft, ich schrieb ihr SMS, wenn ich alleine war und an allem Möglichen zweifelte. Wir sahen uns auch noch einmal, aber das nutzte nicht viel. Sie sagte damals: »Weißt du, man kann keine Fernbeziehung führen, ohne vorher zusammengekommen zu sein.
Dafür hatten wir nicht genug Zeit – und jetzt ist es zu spät.« Das war das einzige Mal, dass ich sie weinen sah, das war auch das einzige Mal, dass einer von uns aussprach, wie es leider war. Vorbei. Die Entscheidung gegen uns war gefallen, als sich die Türen des ICE schlossen, auf diesem verdammten Gleis neun. Meine Freunde erteilten mir anschließend ein »Hätte«-Verbot. Sie waren es wohl leid, an Theken sitzend oder während irgendwelcher wichtigen Fußballübertragungen immer wieder die traurige Geschichte einer verhinderten Liebe vorgejammert zu bekommen. Hätte ich sie bloß ein halbes Jahr früher getroffen. Hätte ich sie lieber gar nicht getroffen. Hätte ich mit meinem
Stadtwechsel bloß noch ein bisschen gewartet. Max hatte irgendwann genug und er sagte mir ziemlich deutlich ins Gesicht: »Dann was? Dann würdet ihr jetzt im Moment eure gemeinsame Wohnung einrichten oder wie? Vielleicht, vielleicht auch nicht! Euer Timing hat leider nicht gepasst!« »Das ist es ja«, maulte ich weiter, »hätten wir uns ein Jahr vorher getroffen, dann wäre alles perfekt gewesen!« Max stöhnte auf. »Woher weißt du das? Wahrscheinlich hättest du dich ein Jahr vorher nicht in sie verliebt, oder sie hätte dich gar nicht angeschaut
auf dieser blöden Party. Oder dir wäre von Anfang an aufgefallen, dass sie beim Reden immer so nervös mit den Augen blinzelt!« Wir sprachen nie wieder darüber.

Letztens aber saß ich bei Max in der Küche, er kochte viel und erzählte wenig, er sah nicht sonderlich glücklich aus. Max arbeitet seit einiger Zeit übertrieben lange, es ist sein erster fester Job. Er wirkt nicht sonderlich ausgeglichen.
An diesem Abend erwähnte Max das erste Mal den Namen Tine, die »gerade jetzt« und »aus dem Nichts« aufgetaucht sei. Und »gerade jetzt« finde er sie ziemlich toll, »supertoll«. Ich zuckte mit den Schultern. »Ja, ist doch scheiße«, seufzte Max. »Ich habe weder Zeit noch Nerven, um mich zu verlieben!« »Hä?« »Na, ich weiß, dass ich schon lange keine so unglaubliche Frau getroffen habe. Das könnte echt was werden. Hätten Tine und ich uns bloß …« »Ein Hätte-Satz«,
meinte ich, »es hat dich erwischt.« Je länger wir darüber nachdachten, desto mehr Beispiele fielen uns ein von Freunden, die sich im falschen Moment verliebt haben: Anne, die uns seit Jahren erklärt, sie wäre noch immer mit ihrem Exfreund zusammen, wenn sie beide nicht tragischerweise zu jung gewesen wären. »Nie werde ich jemanden so lieben«, sagt Anne gerne – wenn sie nicht gerade mit einem der Typen frühstücken ist, die sie bevorzugt samstagnachts
aufgabelt. Oder Tobi, der vergangenes Jahr eine schmerzhafte Trennung hinter sich hatte. Er wollte danach seine Ruhe, für eine Weile wenigstens. Sich nicht gleich wieder verletzbar machen, rausfinden, was er wirklich will. Leider verliebte er sich Hals über Kopf in eine Studienkollegin. Von Tobi stammt die Aussage:
»Kribbeln im Bauch? Das ist nicht schön. Das ist das Symptom einer Krankheit!« Das Verlieben kam ihm so gelegen wie Husten am Abend vor einem Vortrag.

»Aus uns könnte etwas werden«, sagt Max, »wenn ich den Kopf dafür frei hätte!«

Bas Kast möchte der Liebe nichts von diesem rätselhaften und schmerzhaften Zauber nehmen. Trotzdem will er sie verstehen. Der Wissenschaftsautor
schildert in seinem Bestseller »Die Liebe – und wie sich Leidenschaft erklärt«,
was die Forschung über unsere Gefühle herausgefunden hat. »Wir sollten nie unterschätzen«, sagt Kast, »wie wichtig das Wann ist. Natürlich das Wer, natürlich das Wo, aber vor allem auch die Situation, in der wir uns befinden.« Zu einer ähnlichen Erkenntnis gelangte schon der römische Dichter Ovid, der im Jahr zwei vor Christi Geburt den wohl ersten Flirtratgeber verfasste: Die Schrift »ars amatoria« – »Die Liebeskunst«. Die entscheidende Stelle ist jene, an der Ovid feststellt, dass es vor allem auf dieUmstände ankomme, damit zwischen zwei Menschen der Funke überspringt. Die Leidenschaft erwache an Orten der Aufregung. Ovid empfiehlt, den neuen Flirt zu Gladiatorenspielen einzuladen.
Und sein Rat ist durchaus logisch: Zweitausend Jahre später belegte die moderne Wissenschaft Ovids Idee von den »Orten der Aufregung«. Die amerikanischen Psychologen Donald Dutton und Arthur Aron entwickelten in den 1970er Jahren das »Brücken-Experiment«: Männliche Probanden wurden entweder über eine wacklige Hänge- oder eine sichere Holzbrücke geschickt. Auf beiden Brücken bat eine schöne Frau um die Beantwortung eines Fragebogens und gab den Männern für Rückfragen ihre private Telefonnummer. Die Männer, die auf der Hängebrücke angeflirtet worden waren, riefen viermal häufiger an, woraus die Forscher schlossen, dass die Wirkung der schwankenden Brücke – zittrige Knie, flauer Magen – auf die Frau übertragen worden war. Die Männer hielten sie ebenfalls für erregend. »Es gibt viele Beispiele für solche Phänomene
«, sagt Bas Kast. Chirurg und Krankenschwester, die Minuten nach einer dramatischen Operation feststellen, dass sie füreinander bestimmt sind. Die Braut, die sich auf ihrer Hochzeit in einen Gast verliebt. Oder unspektakulärer: Männer, denen in Laboren Fotos von Frauen gezeigt wurden. Dann spritzte man
ihnen Adrenalin und ließ die Aufnahmen erneut bewerten. Je höher der Adrenalingehalt im Blut, desto attraktiver fanden die Männer die Gesichter.

Der römische Dichter Ovid wusste schon: Leidenschaft erwacht durch Aufregung

»Wenn ich kurz davor bin, die Stadt zu wechseln oder einen neuen Job zu beginnen, dann ist alles aufregend. Ich bin offener für neue Reize«, erklärt Kast. »Dann kann es passieren, dass ich die Aufregung mit der Person verwechsle.«
Und auch, wenn wir in solchen Momenten denken, dass uns das Verlieben gar nicht guttut, stillt es doch meistens Bedürfnisse. Weil wir uns nicht von der Stadt trennen können, die wir bald ver-lassen, weil wir in der ach so glücklichen Beziehung Spannung und Zärtlichkeit vermissen. Weil wir Geborgenheit und Sicherheit suchen, gerade wenn wir im Gewühl einer aufreibenden Arbeit leben oder nicht wissen, was uns am neuen Arbeitsplatz erwartet.
Eventuell verlieben wir uns also gar nicht »im falschen Moment«, sondern im einzig möglichen. Zu einem anderen Zeitpunkt würde uns die angehimmelte Person kalt lassen. Die biochemischen Erklärungen für dieses Phänomen mögen nicht gerade tröstlich klingen (siehe Interview mit Helen Fisher auf Seite 58) – aber es ist zumindest beruhigend, dass sie im Kern auch nichts anderes sagen als das, was Romantiker behaupten: Die Liebe hat ihre eigene Logik und lässt sich nicht von uns kontrollieren. »Wir verlieben uns in stabilen Lebensphasen in den Falschen. Und genauso können wir zur falschen Zeit den Richtigen treffen«, glaubt etwa die Anthropologin Fisher. Auch Bas Kast, der an der Chemie hinter der Emotion Liebe interessiert ist, gibt am Ende zu: » Es geht vor allem um Zufälle und Glück.« Aber wenn das Timing des Verliebens sich nicht kontrollieren lässt, bringt es letztlich auch nichts, sich selbst zu foltern, zu rätseln, warum der vermeintlich richtige Mensch zur falschen Zeit kam. Sind wir nicht fähig, aufgrund äußerer oder innerer Umstände, uns auf die Verliebtheit einzulassen, so ist es womöglich nicht die perfekte Liebe. Denn zu der gehört unvermeidlich der Faktor Zeit.
Wir sagen nicht: »Hätte er bloß blonde Haare gehabt, dann wäre etwas aus uns geworden!« Oder: »Würde er mich zum Lachen bringen, dann wäre alles richtig.« Aber wir jammern trotzdem: »Hätten wir uns nur zu einem anderen Zeitpunkt getroffen.« Sinnlos. Sicher klagen wir auch deshalb, weil es uns vor anderen Fragen schützt. Weil wir die Vorstellung nicht aufgeben müssen, dass wir uns natürlich gerne gebunden hätten, »unter anderen Vorzeichen. « So muss sich niemand fragen, ob in einem Leben der Ordner »Liebe« nicht vielleicht doch unter den Akten »Job« oder »Egoismus« vergraben liegt.
Nach meinem Umzug hatte ich das schlechte Gefühl, zu pragmatisch gewesen zu sein. Eines Tages aber wollte es der Zufall, dass sie und ich wieder in derselben Stadt lebten. Sie schrieb mir in einer Mail, dass sie einen Praktikumsplatz bekommen habe. Wir trafen uns gelegentlich, und ich wartete auf den Moment, an dem ich sie so aufregend finden würde wie einst. Ich wartete
lange und vergeblich. Komisch, dachte ich, jetzt haben wir doch die Zeit. Es ist alles angerichtet für uns beide, na los. Aber ich bekam kein Herzklopfen, ich mochte sie nur, ich wollte sie nicht. Es hätte ein zweites Mal perfekt sein können. Aber die Liebe verträgt kein »Hätte«, auch kein »Könnte« oder »Sollte«, die Liebe braucht das »Ist«.


Tags: Fernbeziehung, Liebeskummer
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