NoDoubt489 04.10.2010, 22:23 Uhr 12 21

Verängstigt.

Ihr Herz war gebrochen. Seins war erfroren.

"Hast du manchmal Angst vor der Zukunft?"
Sie sah ihn abwartend an. Er brauchte etwas Zeit zum überlegen, bevor er antwortete. "Nein. Hast du Angst?"

Sie nickte.

Aber diese Angst bestand erst seit drei Monaten. Vor einem Jahr hatte sie die Angst schon mal gehabt, aber sie war zu ihrem Glück wieder verschwunden. Doch jetzt... jetzt war sie wieder da. Wesentlich tiefer. Wesentlich beständiger.

Sie saßen sich gegenüber, konnten sich nie lange in die Augen sehen. Zu vieles wurde zwischen ihnen gesagt, zu vieles war zwischen ihnen passiert.

Ihr Herz war gebrochen. Seins war erfroren.

Sie hielt ihre Hände fest um die Teetasse geschlossen, die vor ihr stand. Sie wusste, dass ihre Hände verräterisch zittern würden, wenn sie sich nicht so an diesen bedeutungslosen Gegenstand klammern würde.

Er atmete immer wieder schwer ein, als ob es eine endlose Qual war, mit ihr in einem Zimmer zu sein. Warum hatte sie diese Frage gestellt? Weil sie etwas los werden wollte, diese Methode hatte er in ihren gemeinsamen drei Jahren kennen gelernt. Sie wollte nie von alleine anfangen über etwas zu reden, was sie bedrückte.

Er entdeckte die roten Flecken an ihrem Hals, die jedes Mal auftauchten, wenn sie sich nicht wohl fühlte, wenn sie kurz davor war in Tränen auszubrechen. Es stand schlecht um sie. Sogar sehr. Er kannte sie und es beschäftigte ihn, dass sie so litt, immerhin war er nicht ganz schuldlos daran.

"Warum hast du Angst? Ich dachte, du bist so gut in deinem Beruf? Da läuft doch alles bestens." Er sah sie prüfend an. Er wusste, dass es nicht darum ging, aber würde sie das Thema endlich ansprechen, das Thema, dass sie bis jetzt immer vermieden hatten?

Sie schlug die Augen nieder, wandte ihren Kopf zur Seite. Sie schluckte schwer. Sie atmete tief ein. Sie verzog für einen kurzen Moment das Gesicht. Warum hielt sie die Tränen noch zurück? Er hatte sie schon weinen sehen, er würde wieder damit umgehen können.

"Ich habe keine Angst, wegen meinem Job. Ich habe Angst wegen dir."

Und dann lief alles vor ihrem inneren Auge ab. Jede Vorstellung, die sie jemals über sich zusammen mit ihm hatte. Und mit jedem einzelnen Gedanken liefen ihr neue Tränen über die Wangen. Sie sah sich mit ihm im Urlaub, am Strand, spazieren gehen, während die Sonne im Meer versinkt. Sie liegen zusammen im Schnee, vor der Hütte in Schweden und lachen. Sie sah sich im weißen Kleid, in ihrem Traumkleid, er im eleganten dunkel braunen Smoking. Sie mit einem wunderschönen runden Bauch, seine Hand sanft drauf liegend, um zu spüren wie das kleine Wunder in ihr sich bewegt. Zusammen lebend in dem Haus, das sie so liebte, in dem sie groß geworden war, in dem sie ein Leben geführt hatte, in dem sie glücklich war, in dem sie keine Angst hatte, ein Leben, das weit entfernt von ihr schien. Als wäre es vor Jahren an ihr vorbei gezogen, dabei hatte dieses Leben bis vor ein paar Wochen noch existiert.

Aber ihm erzählte sie all das nicht. Sie legte den Kopf auf den Tisch und schluchzte leise. Sie hatte auf so viel gehofft, an so viel geglaubt, von einem Leben geträumt, dass es jetzt nicht mehr gab. Ja, sie hatte Angst. Angst vor der Zukunft. Angst davor, nicht mehr so lieben zu können, dass sie diese Gedanken auch für einen anderen Mann haben kann.

Sie spürte, wie er nach ihrer Hand griff. "Ich liebe dich", flüsterte sie.
"Ich weiß."

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12 Antworten

Kommentare

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    So so so nachvollziehbar. Angst davor, die Gefühle für einen anderen auch empfinden zu können.
    Sehr traurig, mitreißend, gut geschrieben.

    11.10.2010, 10:49 von julia-
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    toller Text. Das was da beschrieben wird habe ich leider auch schon mal erlebt.

    07.10.2010, 20:25 von an_go
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    Sehr schöner Text. Auch mir sehr bekannt...

    07.10.2010, 19:40 von Lady-Lin
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    Stimmungsvoll u. gefühlvoll geschrieben.
    Nur stören mich diese "gebrochenen" oder "erfrorenen" Herzen. Ist mir zu plakativ.

    07.10.2010, 11:46 von Jackie_Grey
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    Ich würde es gerne nicht verstehen und komisch finden. Dennoch ist es mir sehr bekannt.
    Toll geschrieben!

    06.10.2010, 23:20 von circaviolett
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  • 0

    Dein Text hat mich sofort an das Gedicht "Sachliche Romanze" von Erich Kästner erinnert.
    Ein sehr schön geschriebener und überzeugender Text finde ich!

    06.10.2010, 21:17 von eela
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    Das ist halt einfach das böse daran; man hat lauter Vorstellungen von sich und seinem Partner, wie alles vielleicht in ein paar Jahren ausschauen wird. Und selbst wenn man versucht es zu vermeiden; diese Vorstellungen lassen sich nicht einfach abschalten, wenn man so verliebt ist.

    Man sollte nie vergessen, dass man nicht alleine mit sowas ist, jeder macht das früher oder später durch - klar, du lebst nur dein Leben und hast nur deine eigenen Gedanken, aber dir könnte jeder ein Lied davon singen.

    06.10.2010, 20:29 von lea-nne
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    der bauer-verlag wäre entzückt.

    06.10.2010, 19:22 von choucroute
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    Ich wuenschte ich koennte behaupten, ich wuesste nicht worum es geht.... Aber diesen Schmerz kennt ja, um es schlichtweg einfach mal zu behaupten, jeder. Nice. I like.

    06.10.2010, 18:12 von KapitanLeutnant
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    süß.
    4real!

    05.10.2010, 10:17 von Surecamp
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