(Ver)stimmung
Der Himmel, ein Matsch aus Weiß und Grau. Die Luft kalt. Alles wie gestern. Und vorgestern. Ich frage mich woher die Tränen kommen so ganz ohne Grund.
Ich höre meine Stimme wie sie zitternd sagt: „Ich brauch was
gegen Müdigkeit und ähm Antriebslosigkeit“.
Meine müden Augen schauen in die Mitleidigen der Apothekerin. Sie dreht und wendet sich. Bietet mir Tees, Dragees und Öle an. Immer wieder rutscht ihr mal die Diagnose Depression heraus, doch sie traut sich nie richtig es auszusprechen, redet von Winterverstimmung. Ich nehm den Tee. Dann lasse ich mich von meinen schweren Beinen nach Hause tragen. Die Shufflefunktion meines Ipods steht wohl auf Liebeslieder. Dann fällt mir ein:
Du bist nicht mehr da.
Selbes Szenario wie jeden Morgen. Stunden vergehen im Flug. Ein halber Liter Kaffee, drei Zigaretten 10 Lieder. Stimmung bleibt gleich. Ich gieß mir den Tee auf und trinke ihn voller Hoffnung.
Als ich mit den Kopfhörern auf den Ohren das Haus verlasse ist meine anfängliche Euphorie schon vergessen. Mit Tränen in den Augen versuche ich die verschwommenen Umrisse der gestressten Menschen zu erkennen. Der Himmel ein Matsch aus Weiß und Grau. Die Luft kalt. Alles wie gestern. Und vorgestern. Ich frage mich woher die Tränen kommen so ganz ohne Grund. Dann fällt mir ein:
Du bist nicht mehr da.
„…Und dann habe ich noch eine Bitte an Sie, ich hätte gerne so eine Glücksspritze!“, bezirtze ich meinen Hausarzt. Er lacht und erklärt mir, dass er mir zwar jeden Wunsch erfüllen möchte, dass das in diesem Land aber eventuell illegal wäre. Kurz hört er sich mein Leiden an und steckt es, so wie alle, in die Kategorie Winterverstimmung.
Dann gibt er mir eine Reihe roter Tabletten. „Das wird Ihnen helfen. Die machen glücklich. Die gebe ich normalerweise den kleinen Mädchen, die unter Liebeskummer leiden!“,witzelt er. Ich entgegne mit bezauberndem, gekünzeltem Lachen. Ich glaube Schauspielern kann ich ganz gut. Wie konnte die Menschheit solch ein Wundermittel verpassen?
Ein kleiner Funken Hoffnung steigt erneut in mir auf. Es wird alles wieder gut. Dann fällt mir ein:
Du bist nicht mehr da.
Eine gestresste SMS erinnert mich daran, dass ich mit meinen Freundinnen verabredet bin. Ich bemerke, wie sich die Dunkelheit kalt über der Stadt breit macht. Ein Zeichen dafür, dass ich schon zu lange mein Bett nicht mehr gesehen habe. So 3 bis 4 Stunden. Ich sage ab und fahre heim. Meine Freundinnen echauffieren sich. Ich habe keine Kraft zu streiten. Und auch keine um ihnen zu erklären, dass ich keine Lust habe mir ihr Boyfriendgejammer anzuhören und noch weniger darüber zu reden was es bei mir neues gibt. Nämlich nichts. Dann fällt mir ein:
Du bist nicht mehr da.
Endlich wieder in meinem Bett zünde ich mir eine Zigarette an. So wie meine Mama es hassen würde. Meine Lieblingsjammerplatte rauscht vom Staub auf der Nadel, aber ich habe keine Kraft aufzustehen. Ich versuche nachzudenken, aber in der Leere in meinem Kopf hüpft nur das Echo der Musik hin und her.
Ich finde es ist Zeit zu Schlafen und mache das Licht aus. Als ich die Augen schließe, sehe ich dich. Dann fällt mir ein:
Du bist nicht mehr da.
Und eigentlich warst du das auch nie.
Tags: Depression



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Kommentare
phantastisch
20.12.2011, 00:30 von Zuckerwattenfeees ist kein schönes thema und das lässt du einen auch beim lesen spüren.
es steckt viel schmerz in deinem text und trotzdem so viele so schöne formulierungen
Wunderwunderwunderbar.
19.12.2011, 21:32 von SirLukekrasser recherchefehler. hausärzte dürfen nicht ohne weiteres stimmungsaufheller ohne anamnese (sie schauspielert doch ganz gut?) verordnen???
18.12.2011, 20:40 von MiZa.man darf auch nicht bei rot über die ampel gehen. aber ich verrate dir etwas: beides passiert.
23.12.2011, 12:54 von AmbrellaIch gebe dir Zeit, du schreibst ein Buch und ich lese es jederzeit. Morgens, mittags, abends.
18.12.2011, 17:37 von frl.sophia"Du bist nicht mehr da."
Ne, bin weg.
17.12.2011, 20:04 von JustaffIch habe mich die ganze Zeit über gefragt, wie man nur so vergesslich sein kann, dass einem dann immer erst wieder einfällt, dass irgendwer nicht da ist. Aber das liegt wohl an der gestressten SMS und dem Boyfriendgejammer.
17.12.2011, 02:02 von nyx_nyxIch fühle mich, als wäre ich soeben um 10 weitere Jahre gealtert.
wahahah!
Kennst du das nicht, soeben fühltest du dich noch jung und dynamisch... dann kommt da jemand der sich so jung aufführt, dass du dich gleich mal wieder um Jahre gealtert fühlst?
19.12.2011, 00:27 von nyx_nyxdeswegen mach ich mich jünger...(scherz!!!)
19.12.2011, 19:32 von MiZa.;)
19.12.2011, 19:46 von nyx_nyxUnd ich dachte immer es heißt echauffieren.
vielleicht ne neue mode...?
19.12.2011, 19:50 von MiZa.ja, selbstmitleid ist schon ne geile Sache
16.12.2011, 20:50 von SurecampDa sagste was!
16.12.2011, 21:14 von FrauKopfDas ist nicht auszuhalten.
15.12.2011, 23:17 von NeverGrowUp
dumme Zitierfunktion -.-
15.12.2011, 23:17 von NeverGrowUp????
18.12.2011, 20:46 von NeverGrowUp