kippchen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 27 32

Vaters Kleber

2. Juni

2. Juni
vater hat mich heute wieder angefasst
nachts
er hat in mein mondkissen geschrien und auf meinen rücken sind jetzt sieben kratzer
zwei stunden lang…
salzkörner und blut

Mo und ich liegen da und warten…
Wir liegen in seiner Hängematte und rauchen, Mo malt glühende Muster auf seine Hand.
Die Zigaretten haben schon etliche glühende Muster auf seine dürre Hand gemalt…
“Kannst du mir auch so ein Muster auf die Hand malen, Mo?”
Ich will meine Lippen öffnen und Mo anlächeln, doch sie kleben aneinander und sind zu kraftlos um sich zu wehren.
“Ich weiß nicht… ich glaube nicht, Mira. Die Muster sind zu gefährlich für deine Hände… lass uns lieber warten.”
Er nimmt wieder einen Zug und pustet den Qualm in die Luft, will sein Herz in die Luft pusten.
Tränen durchbohren Mos Hals und ich habe Angst, dass ich ihn kaputt mache mit meinen Tränen.
Ich habe schon so oft seinen Hals nass geweint...
Irgendwann wird er vielleicht so löchrig sein, dass der Hals nutzlos wird und stirbt.
“Hast du Halsschmerzen, Mo?”
Ich frage ihn oft, ob er Halsschmerzen hat.
Meistens lächelt er dann und verneint, so wie heute.
Wenn er lächelt, dann lächelt er immer sehr schwach und es erreicht nie seine Augen.
Mo sagte sogar einmal zu mir:
“Ich versuche nur für dich zu lächeln, Mira… eigentlich hab ich gar kein Lächeln mehr… mein Lächeln ist schon lange irgendwo hinter mein Herz gerutscht und dort verloren gegangen...”
Wir standen am Bahnhof und es war schon dunkel und wir haben gewartet.
Mo und ich warten sehr oft zusammen. Manchmal weiß ich gar nicht, worauf eigentlich.
“Pustest du deswegen dein Herz in die Luft? Weil du dein Lächeln dahinter suchen willst?” Meine Stimme kratzt und ist ganz atemlos.
Mo sagt nur: “Ja.”
Mehr nicht.
“Warum versuchst du ausgerechnet für mich zu lächeln, Mo?”
Ich hab mich auf die Zehenspitzen gestellt und seine Wange geküsst und es hat sich gut angefühlt, wie ich ihn geküsst habe. Mo hat eine saubere, warme Wange.
Er sagte: “Weil du es auch für mich tust… und weil ich dich gern hab, Mira… genau deswegen.”
Wir standen am Bahnhof und warteten und die Kälte versuchte uns in kleine Stücke zu zerreißen, als wir so dastanden und uns gern hatten.
Ich lächelte ihn dankbar an, während meine Lippen klebten und zogen…

5. Juni
vater war heute wieder betrunken
er hat wieder in mein mondkissen geschrien
am liebsten mag er meinen bauch und meine haare…

Gestern hat Mutter drei Zigarettenschachteln unter meiner Matratze gefunden.
Ihre Stirn wurde zornig und sie sagte:
“Irgendwann wirst du noch krank werden, wenn du immer rauchst, Mira!”
Sie hat die Zigarettenschachteln weggeschmissen und gemeint:
“Du wirst noch Lungenkrebs bekommen, wenn du nicht aufhörst…!”
Ich stelle mir oft vor, wie ich Lungenkrebs bekomme… Ich glaube, dann wird meine Lunge einbetoniert, vielleicht ja auch mein Herz?
Ich mag die Vorstellung, einbetoniert zu werden…
Dann kann mich keiner mehr zerquetschen oder zerstechen.
Meine Mutter aber schrie mich an und sie hat getobt und gesagt, ich wäre ein furchtbares Mädchen.
“Sei doch mal ein wenig mehr wie deine Schwester!”, meinte sie und die Worte pieksten mich, holten mich zurück in die zähe Luft…
Meine Schwester ist immer ordentlich und beherrscht und trägt auch nur bunte Kleidung. Meine Schwester ist überhaupt viel braver als ich, sie ist nie betrunken und sie bekommt auch nie Ärger in der Schule…
“Ich mag aber meine Zigaretten… ”, sagte ich leise und starrte auf mein Bett.
Auf der Matratze ist unten ein roter Fleck.
Mutter meinte, ich soll endlich mal aufhören, im Bett Kirschsaft zu trinken und alles dreckig zu machen… Sie hat ja nur die Arbeit.

Mo drückt die Zigarette aus und schaut mich an. Ich kann seinen Atem riechen und er brennt ein wenig auf meinem Gesicht, aber es ist ein angenehmes Brennen… Wir schaukeln ein wenig in der Hängematte und lassen den Tag immer weiter sterben.
“Bleibst du bei mir, Mira?”
Seine Stimme ist dunkel und irgendwo in der Dunkelheit schreit sein Lächeln.
“Natürlich, bleibe ich das… wenn du mich bei dir haben möchtest, will ich immer bei dir bleiben”, ich spreche leise und doch so laut, ich will, dass er mich hört.
Meine Fingerkuppen fahren über seine Lippen und halten irgendwann inne, sie fragen…
Die Lippen antworten mir nicht. Meine Stirn lehnt sich an seinen Hals und kühlt ihn.
Ich weiß nämlich sehr genau, dass er Halsschmerzen hat, auch wenn er nichts sagt…

9. Juni
vater hatte heute geburtstag
kam gerade wieder in mein zimmer und wollte, dass ich ihn anfasse
vaters körper hat sich angefühlt wie brenneseln…
ich will an den salzkörnern ersticken
mo, hörst du mich? ich will an den salzkörnern ersticken!

Mo küsst meine Haare.
Er hält mich leicht in seinen Armen und beschützt mein Herz.
“Ich glaube, wir müssen weg, Mo!”
“Weg?”
“Ich weiß nicht… einfach weg, verstehst du? Wir können nicht mehr warten… ”
“Ich hab dich lieb, Mira.”
Mein Herz schluchzt und wimmert und verkrampft sich.
“Ich hab dich auch lieb, Mo… Sehr sogar.”

Mutter hat mir gestern gesagt, dass sich bei mir etwas ändern muss.
Sie hat zwei Wodka-Flaschen in meinem Schrank gefunden, so sagt sie.
Und ich wäre erst sechzehn, was bildete ich mir überhaupt ein.
Wir haben zu Mittag gegessen und meine Haut wurde ganz kalt und meine Schwester hat mich spöttisch angeschaut, die linke Augenbraue angwidert hochgezogen.
Mein Vater hat empört aufgehört zu kauen…
“Du säufst, Mira?” Die Stimme war laut und borstig und kitzelte mein Trommelfell… Ein widerwärtiges, verlangendes Kitzeln.
Ich starrte auf meinen Teller und flüsterte:
“Ja, ich saufe…das beruhigt und macht Spaß…”
Das erzählte ich meinem Teller und Mutters Gabel klirrte.
“Was sagst du da, Mira?”
Ich roch das Parfüm meiner Mutter, es roch nach Blumen und Frühling, obwohl doch schon Sommer war…
“Ich saufe, verdammt! Das sage ich…”, flüsterte ich und schrie und flüsterte wieder.
Es war still, ganz still, solange bis das Kitzeln sagte:
“Wir reden darüber später noch mal, Mira.”
Meine Schwester nickte, meine Mutter nickte und ich wurde weggenickt wie eine Fliege, die der fleischfressenden Pflanze zum Fraß vorgeworfen wurde…
Am liebsten hätte ich allen ins Gesicht gekotzt.

Später habe ich Mutter ein Stückchen meines Herzens gegeben.
Ich hab geweint und mein Gesicht war verschmiert, als ich ihr den Zettel wortlos in die Hand gedrückt habe… Ich war nicht dabei, als sie ihn gelesen hat.
Auf dem Zettel stand:

ich will nicht mit vater reden… ich will nie wieder, dass er mit mir redet! aber ich warte auf dich, mutter… ich warte schon die ganze zeit auf dich… ich hab angst, dass der kleber nie mehr weggeht

Der Zettel lag zwei Stunden später wieder vor meiner Zimmertür.
Mutter hat mein Herz einfach wieder zusammengefaltet, es ignoriert und einfach so vor meine Tür geworfen.

*

Mo und ich rennen.
Die kühle Abendluft schneidet in unsere Lungen und wir rennen und rennen und rennen und das Lächeln hüpft freudig hinter Mos Herz auf und ab.
Wir rennen auf den Gleisen und fühlen uns frei, wie wir so dahin rennen…
Ich weiß nicht, worauf wir immer gewartet haben, Mo und ich.
Vielleicht auf irgendein Zeichen, vielleicht, dass uns einfach jemand entdeckt, vielleicht auf irgendetwas, was wir selbst nie erfahren haben…
Der Wind peitscht mir ins Gesicht und Mo hält meine Hand fest und die Gleise geben uns Ruhe.
Ich weiß, dass Mo Zuhause immer viel arbeiten muss, er muss arbeiten und gut sein, immer nur gut sein…
Mo sagt, er hält das Gut-Sein nicht mehr aus…
Ich höre Mo neben mir lächeln, höre Mos hüpfendes Lächlen, es ist ganz nah.
“Das Lächeln gehört dir, Mira! Da ist es, mein ganzes Lächeln!”, Mo schreit und lacht und wir rennen und rennen und rennen und mein Herz schmilzt dahin.

“Ich liebe dich, Mo”, schreit ein Mädchen auf den Gleisen und rennt mit einem dunklen, schlaksigen Jungen von der Zukunft davon, in der Ferne zwei kleine, näher kommende Lichter.
Ihre Lippen reißen auseinander, ihre verklebten, dünnen Lippen und sie grinsen und lachen und der Kleber vom Vater hängt nur noch verloren in den Mundwinkeln.

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27 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Wahnsinnstext!
    Erinnert mich an Texte, die ich mal gehört hab.
    Du trägst die nicht zufällig auf Slams vor?

    04.01.2014, 22:36 von VonGruenwald
    • 0

      dankeschön!
      nein, auf slams nicht, eine ähnliche fassung von diesem text habe ich aber mal bei einer veranstaltung in bonn vorgetragen... 

      05.01.2014, 00:57 von kippchen
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  • 1

    Wow... Ich bin sprachlos! Das ist so real! 


    07.04.2012, 15:31 von InsideInOutsideOut
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  • 1

    Sehr schöne Sprache, wirklich ein Text der einen fesselt. Hat grad etwas gebrannt in meiner Magengegend... Schlimm, wozu Menschen fähig sind. Kleber bringt man aber mit hochprozentigem Alkohol sehr gut weg, auch den grässlichsten.

    04.04.2012, 16:28 von missweiss
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  • 1

    wow!

    04.04.2012, 01:05 von tiefeinatmen
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  • 1

    Na hier lernt man ja Leute kennen.

    Hab zuerst den im groben Thema aehnlichen Text von der Mrs. wasweißich gelesen, dann den hier. Ziemlicher Kontrast.

    03.04.2012, 00:13 von CornflakesTime
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