Untitled (part one)
"Ich liebe dich. Ist ein Versprechen. Ist ein sich erhebendes Kinn."
Unter der Nacht lag die Stadt ganz still. Still wie ein schlafendes Mädchen, mit angezogenen Beinen und ausgegossenem Haar.
Zwischen den spitzen Dächern einer engen Gasse saß ich an meinem Fenster und lauschte dem Atem der Zeit, die in der Abgeschlossenheit meines Kopfes langsamer verging als hinter dem Glas der Scheibe.
Ich starrte in die Dunkelheit, bis sie mir in den Augen brannte, bis mir Tränen so langsam über die Wangen liefen, dass sie kalt waren, wenn sie auf den Boden fielen. Es gibt Nächte, in deren Dichte man ertrinken wie ersticken kann. Jene fühlte sich an wie eine fremde, viel zu glatte Haut, die sich straff über meine gelegt hatte. Die dröhnende Stille in meinen Ohren malte die Welt im Draußen heillos, sie verschlang jede noch so kleine Bewegung von den Bordsteinen, bevor eine streunende Katze den Kopf nach ihr hätte recken können.
Es war noch nicht wirklich spät, gewiss irgendwo, aber nicht in der Stadt, die zu meinen Füßen lag. In Orten wie ihr wird es niemals spät, es vergehen bloß die Stunden. Die dunklen wie die hellen, sie kommen und gehen wie Wanderer.
Ich saß da und dachte an das alte Kinderlied, in dem der Mond auf den Stirnen der Schlafenden spazieren geht, um im rechten Moment in ihre Träume zu fallen. Ich hielt mir das Kinn in einer Gabel aus zwei Fingern, die linke Schulter kalt und weiß an das Glas gelehnt, die rechte vom schweren Stoff des Vorhangs niedergedrückt, als sich plötzlich in den Reihen der düsteren Fensterpodeste vor mir etwas schlich. Ich sah es nur aus dem Augenwinkel heraus, ein winziges Huschen, und doch war ich mir ganz sicher, dass sie es war, die keinen Schalter betätigt hatte, die hinter der Schwärze der Fensterrahmen niederkauerte wie ich. Vielleicht berührten ihre Finger das Glas, vielleicht gingen nur ihre Augen in der Nacht spazieren. Nichts sah mich durch ihr Fenster an, es blickte daraus nur ein unsichtbares Licht auf das Pflaster der Straße, brach sich darin und in mir.
Es war lange her, dass ich einen Hunger erlebt hatte. Ich aß zu den Mahlzeiten, obwohl es niemanden gab, der sie mit mir teilte. Ich las Bücher wie ein Essender, zerrieb jedes Wort wie ein Stück Karamellbutter unter meiner Zunge und wenn mir ein besonders schönes unterkam, räusperte ich mich, bevor ich es laut in die Stummheit der Zimmer sprach.
Mein Leben war wie das eines jeden Anderen, womöglich zur guten Hälfte gelebt; ein Brotlaib aus Mehl, Salz, Zucker und Luft, es war daran nichts mehr zu kneten. Ich lebte nicht wie ein Einsiedler, ich fühlte mich nur so. Das Meer hatte ich lange Zeit nicht gesehen, nicht einmal mehr in meinen Träumen gehört. Eine kleine Muschel, die ausgesehen hatte wie ein Leopardenseeigel aus Porzellan, war längst aus meinem Besitz verschwunden und doch fragte ich mich mit jeder vergangenen Zeitspanne öfter, wie lang ich mich wohl noch an ihren Klang würde erinnern können. An das Flüstern, das erst in meinem Kopf zu einer Stimme wurde, die mich nie gerufen hatte, sondern versprach, mich eines Tages zu finden.
Ich hatte zu sehen, zu hören und zu sprechen gelernt. Je mehr ich sah und hörte, desto weniger erkannte ich eine Notwendigkeit in der Sprache, die die Städte, in denen ich mich niederließ, hatte wachsen lassen. Nun war Babel allgegenwärtig.
Ich wartete die Tage ab, verbrachte die meisten davon in wacher Schläfrigkeit. Wenn ich aß, dann weniger mit Appetit als mit der Hoffnung, das Fleisch nicht umsonst und ohne Lohn auf den Knochen zu behalten. Wenn ich las, dann tat ich das mit der Vorsicht eines Arzneikundigen, in dem Wissen, eine auch nur geringfügig zu hohe Dosis würde mich für die kommenden Wochen vergiften mit Ungeduld und einer Sehnsucht, die niederzukämpfen dann beinahe unmöglich wurde.
Jedes Kind kennt die Legende vom Wolfmenschen und fürchtet sich in der Nacht vor dem Mann, den der volle Mond zu einem geifernden Unwesen macht, zum Tier, das keine Gnade kennt, wenn die Lüsternheit erst einmal Besitz von ihm ergriffen hat. Ich fürchtete nicht den Wolf, ich fürchtete um all jene, die in seine Fänge geraten könnten in der Stunde meiner Verführbarkeit. Ich heulte den Mond nicht an, noch mied ich sein Licht in Nächten, die mich ans Fenster trieben.
Es war, als hätten wir einen heimlichen Pakt geschlossen, er und ich. Den Pakt, einander nicht zu beflüstern und zu beschwören und voreinander klein zu bleiben, niemals auch nur mit einem viertel Auge über die Schulter zu gieren oder einander etwas hinzulegen – und sei es die Erinnerung an dieses unser Versprechen.
Ich las vom warmen Staubwind eines Sommers, der sich in die feinen Kerben verwitterter Holztüren setzte wie eine geheime Schrift. Vom grünen Licht eines vor Überfülle summenden Nachmittags im frühen Mai las ich, bis ich sehen konnte, wie es gekalkte Häuserwände hinaufkletterte, mit einer Saumseligkeit, die so betörend war, dass sie jeden Zuschauer nicht nur in ihren Bann, sondern mitten ins Verderben ihres Geschehens zog.
In solchen Momenten musste ich das Buch so laut und fest zuschlagen, dass ich jedes Mal bangte, die Seiten nebst allen Sätzen zu mehligem Pulver zerstoben zu haben.
Ich fürchtete mich vor den Träumen, denen, die kamen und denen, die ausblieben, ängstigte mich fast zu Tode davor, die Nacht mit dem Tag zu verwechseln und umgekehrt.
Wenn ich nachts schrieb, schrieb ich nie von mir. Ich schrieb über Saul Bellow, der an einer Tränke saß und kleine Papierschiffchen zu Wasser ließ. Ein Esel wartete neben ihm, auf was auch immer. Ich erweckte meine Mutter zum Leben, in Zeiten, die weit vor meiner Geburt lagen. Ließ sie tanzen gehen und mit Männern poussieren, die ich gerne zum Vater gehabt hätte.
Das waren meine Ausflüge in eine Welt, in der ich bei mir sein konnte und jedem erlaubte, das Wort an mich zu richten, auf einem Stein oder einem Hügel stehend, ganz nackt unter den leichten Kleidern. Ich schrieb den toten Stimmen und den Lebenden vernähte ich den Mund. Der Stadt erdachte ich höhere Türme und neue Namen, einen für jeden Tag, den sie alt war. Die Armada aus welken Blättern, die in der Dämmerung noch über das Pflaster geweht und vom Wind durch die Gassen getrieben worden waren, jagte ich wie einen wilden chinesischen Drachen durch alle Fenster und Schornsteine.
Bis es in meinem Kopf so herrlich still wurde, dass ich mich ausgestanden glaubte. Dann legte ich Stift und Papier zur Seite, erhob mich von meinem Stuhl und trat ans Fenster, gefasst auf das Wunder einer Berührung mit dem, was wirklich da war. Mir lag nichts an der Wirklichkeit und ihr lag nichts an mir. Sie hatte mich verstimmt, sich an meinen rauen Saiten wund gespielt und ihre Finger an die Hälse derer gelegt, die ich liebte.
Das Wunder selbst war gestaltlos. Die Frau am Fenster war es nicht.
Hinter dem einfachen Sprossenkreuz lag ihre Nase auf dem Sims, ihr Gesäß war gegen den leeren Raum ausgestreckt und auf ihrem langen Rücken lag kein Stoff. Wäre der Mond größer gewesen, er hätte die straff über jeden Wirbel gespannte Haut glänzen lassen wie Augen. Ich rückte mich ein wenig zur Seite, um besser sehen zu können. In meinem Brustkorb staute sich mein Atem. Mein Herz schlug wilder und kürzer, hob sich ihr entgegen. Schlagend wollte es sich unter ihre Brüste heben, über deren Scheitel fallen wie ihr Haar es getan hätte, wäre es offen gewesen. Ich warf es ihr hin, wie ich einem Vogel einen Wurm hinwerfen würde. Sie schloss die Augen und leckte sich über die Lippen. Ihre weißen Handflächen blühten gegen das Fenster, die Flügel ihrer Nase bebten und ließen kleine Bäche aus Schatten fallen. Ihr Becken ließ sie jetzt schaukeln und kreisen, sie lockte damit jeden Teufel aus den dunklen Verstecken hinter ihr. Ich griff zum Stift und kritzelte in eiliger Unschrift Notizen, damit ich festhalten konnte, was ich sah.
Hinter ihr brach die Luft auf. Wie aus zart schwelendem Brodem wuchsen Finger daraus, die zu keiner Hand gehörten. Sie märten sich aus zu Schwaden, die unter ihre Gesäßbacken tauchten; Kaskaden reiner Wollust, die sie anschlugen wie eine stumme Musik. Ihren Schoß blätterten sie auf und spalteten das Fleisch zwischen ihren Schenkeln, sie schoben sich wie warme Zungen zwischen die Pulsschläge, die ihren Unterleib nicht nur entblößt, sondern bloßgestellt hatten. Sie war so nackt, dass sie zitterte, dass sich die feinen Härchen, die ihre Haut bedeckten, aufreckten. Nicht aber zu ihrem Schutze taten sie das, sie erhoben sich zu schierer Verlockung, nämlich zu einer Abwehr, die bloßes Anerbieten war.
Im Zimmer beschlugen Spiegel und Gläser von außen wie von innen, das Fenster wurde von den Ecken her blind und in der Mitte lag ihr Mund, aus dem ihr Atem dem Dunst in hauchzarten Schleiern entgegenfloss. Das Fenster trübte sich vor meinen Blicken, bis es sich schließlich ganz davor zutat. Die Abdrücke ihrer Handflächen verblühten. Draußen brach tiefstes Schwarz aus der Dunkelheit hervor und legte sich eilig über das heimliche Treiben.
Die Mine meines Stiftes brach, so fest hatte ich sie gegen das Papier gedrückt. Meine Finger lagen in einem Krampf um das Schreibgerät, ich musste die Hand mit der anderen aufbrechen, um die Steife daraus zu lösen. Geräuschvoll fiel der Stift zu Boden.
Das brach den Bann, in den Teile meines Körpers noch immer gezogen waren. Fiebrig fühlte ich mich und getroffen wie von einem Schlag. Ich verfluchte den Wein und den Trug, der in ihm lag. Er gab nur vor, meine Sinne zu trüben; in Wirklichkeit beflügelte er sie, stachelte sie dazu an, den Rausch immer weiter aufzutun, bis er mir begehbar schien wie eine Lichtung im Wald. Über der stand der Mond voller Heimtücke, groß und rund wuchs er dort am Himmel, aufreizend in seiner Erhabenheit, stark und listig genug, sich nicht hinter einem Lauern zu verstecken. Er war sich seiner Verführungskünste wohlbewusst und verspottete Geschöpfe meinesgleichen, die ihm Widerstand zu leisten versuchten, indem sie Zuflucht und Schutz in ihren armseligen Eremitagen suchten und dabei vergaßen, gerade dort mit dem Feind allein und am verletzbarsten zu sein.
Der Teufel kommt nicht aus der Dunkelheit, er schlägt sich aus dem Herzen, wenn die Nächte hell sind.
Ich hatte von Männern gehört und gelesen und kannte auch welche, die eines Tages einfach verschwunden waren. Zu ihren Hinterlassenschaften gehörten nicht nur ihr gesamter Besitz und die Frauen und Kinder, die sich darum stritten. Diese Männer gehen wie Küken aus Eiern, beseelt und sinnestrunken, beflügelt von dem Gefühl, den Kampf um die Freiheit siegreich bestritten zu haben, sie brechen auf in dem Bewusstsein, einer Beengtheit entflohen zu sein, von der sie annehmen, sie müsse ihrem Drang zur ungestümen Eroberung des Lebens entgegengestanden haben. Sie wähnen sich ihrer tollkühnen Abenteuerlust ergeben, bis sie begreifen, wem sie sich ergeben, ja, unterworfen haben: ihrem Selbst, dessen armer Knecht sie von dann an sind. Wer sich aufschwingt, nichts und niemandem als der Idee von der eigenen Entität gehorchen zu wollen, macht sich zum Sklaven einer Macht, die er nicht beherrschen kann. Verloren sind sie, diese Männer, die wie einsame Wölfe durch die Wälder streifen und jeden Beuteschlag ohne Lust begehen. Sie jagen gegen das Begehren an, das übermächtig in ihnen brennt: das zu erlegen, was ihnen einzig unwiderstehlich blieb, ihr Herz, das widerborstige, das in kalten Flammen gebrannte. Die von Überfülle ausgezehrte Seele, die vor lauter Einsamkeit das Korsett des Wahnsinns trägt und schließlich den Verstand, den an der Vernunft des niedersten Instinktes scharfgeschliffenen, ein Juwel, so unantastbar wie die Schöpfung Gottes.
Ein solcher Mann war ich. Mein Leben diente nur noch einem Zweck, dem, diesen Umstand so gut es eben ging zu leugnen, mich um mich vergessen zu machen und Tag für Tag so zu tun, als ginge mich die Welt nichts an. Ich lebte im Zustand ständiger Verpuppung, ich verführte mich mit Schlaf, Wein und allerhand sinnloser Beschäftigung zur Trägheit. Vor mir selbst konnte ich nicht fliehen, vor der Angst musste ich es. Nichts ist gefährlicher, nichts ist unberechenbarer als ein schlafender Wolf zur blauen Stunde. Die Sinne, die ins Träumen geschickt, sie erwachen, wenn der Geist sie nicht mit wachem Auge umschließt. Sie lauern auf die Gunst der Dämmerung, den Moment, wenn der erste Sonnenstrahl des Morgens auf die Erde trifft oder der letzte des Abends die Welt in die Nacht stößt. Denn dann ist die Erde einen gedachten Atemzug lang ein Unort, ein Zwiespalt – feiner als ein Haarriss und tiefer als der Marianengraben.
Ich trat vom Fenster weg und schenkte mir neu ein.
All meine Bewegungen, selbst die kleinsten, unwillkürlichsten, waren ritualisiert. Jede einzelne davon tat weh, obwohl ich den Schmerz nicht mehr spürte. Ich spürte ihn als etwas, das fehlte, so wie ich die Dunkelheit manchmal als Abwesenheit von Licht empfand oder den Herbst als am weitesten entfernten Frühling.
Wenn ich einfach nur dasaß und dem Licht hinterherschaute, ganz gleich, woher es gerade kam oder wohin es ging, drohten mein Geist und mein Körper in Wehmut zu erstarren. Nur Bedauern, eines der tiefsten Sorte, würde diese Beklemmung lösen können, würde die Tore weit heben, gegen die vermoosten Schleusen drängen und in Takt finden, die Melodie der Schwemme an mich herantragen, bevor sie mir hörbar wurde.
Mein Großvater, den ich nur aus Erinnerungen kannte und dem ich deshalb ein Gesicht zuwies, das jedem Fremden höchstwahrscheinlich mehr ähnelte als ihm selbst, hatte den Begriff des Giftes der Liebe geprägt. Meiner Mutter hatte er eingebläut, vor jedem Gewitter zu fliehen, am besten noch, bevor eines aufziehen konnte. Sie trug als Mädchen zu enge Schuh, Schnürstiefel, deren hartes Leder sich straff um ihre Knöchel spannte, von Riemen und eben Schnüren so fest an ihre Haut gezogen, dass ihre Beine niemals ohne Abdrücke waren. Nacktsöckchen nannte er die Male. Er brachte ihr bei, nach dem Stand der Sonne zu leben. Wissen ist Macht, trichterte er ihr ein. Unwissenheit ist Torheit und jede Torheit, ob nun begangen oder nur erwartet, rächt sich mit einem frühen Tod.
Als meine Mutter starb, als sich ihr Sterben dem Ende neigte, ging ihr Atem dünn wie eine kaputte Rassel. Gewitterwürmchen waren in der Luft, nahmen auf ihren Augen Platz wie auf einem starren See. Ihre Pupillen schlugen im Takt größtmöglicher Angst von Winkel zu Winkel, sie blies Licht durch die Nase und ein Kräuseln legte sich auf ihre junge Stirn. Ich stand neben ihr, unfähig, ihre Hand zu halten, unfähig, ihr Sterben ohne Neugier zu beobachten. Sie war meine Mutter und doch war sie es nicht, sie war ein Mensch, der im Kampf gegen Fremdes selbst so fremd wirkte, wie die Nachmittagssonne, die sich im Dreckgespinst der Fenster verfing, das verschnörkelte Holz der Bettlehne wieder klar traf und jede noch so kleine Staubflocke im Raum in goldener Farbe schweben ließ. Das Schweigen aller anwesenden war wie ein Orchester; ich sah, was ich nicht hören konnte, sah, wie Geigenblätter so zart an der Luft auf den Saiten aufrieben, dass die Töne sich lautlos zur letzten Sammlung formierten. Es nützt keine Klage vor dem Abend, der Tag geht solang ein und aus, bis die Dunkelheit stumm von den Wänden fällt, egal, wie spät es gerade ist.
Das Gift des Lebens trieb aus dem Körper meiner Mutter, es färbte sie bleich, färbte ihre Nachmittagshaut auf bläuliche Art und Weise gelb, so wie Male von Enge es tun und Gewitter das Licht sättigen, bevor der erste Donner die Luft ins Schwingen treibt.
Wenn ich an den Todestag meiner Mutter denke, kommen diese Bilder ohne Gewalt. Sie brennen nicht hinter meiner Stirn, sie sind wie Wolken in meinem Brustkorb, nicht anstößig, sondern mild in ihrem huschenden Verweilen.
Ich muss oft lächeln über die Erinnerungen, die ich haben darf, die ich mir zugestehen kann, ohne Schlimmeres zu befürchten. Sie sind nicht mehr als ein dumpfer Anschlag, nicht viel mehr als ein Aufschäumen zu Kreisen, aus denen wieder welche werden, wie Wasserschläge vor einem flachgeworfenen Stein treiben sie aus.
Ich beende das Hüpfen, bevor es den See zum Vibrieren bringen kann und zu Gift wird, bevor die Fragen wiederkommen, die ich mir damals stellte und ohne Antwort beließ. Mutter tat ihren letzten Atemzug wie jeden anderen, der einzige Unterschied war, dass danach kein weiterer folgte. Sie lag da wie zuvor, nicht stiller, nur leiser. Ist ein Toter noch ein Mensch? Ist nicht alles Tote gleich?
Ich hatte den Menschen sterben sehen, der mich geboren hatte und wusste auf diese Fragen doch keine Antwort. Dann würde es vermutlich auch keine geben. Wenn ich meine Stimme in einen leeren Raum hineinsprach, dann drängte sie alles daraus hinfort, was Frage war. Ich wusste dann, das fraglose Glück wurde da sein. Zum Beispiel Mutters feuerrotes Haar, das sich in Flammen über mein Gesicht ergoss, als ich zu klein war, um Farben überhaupt benennen zu können. Das Kinn meines Vaters, das diesen unnachahmlichen Schwung gehabt hatte. Es hatte sein Gesicht zu einem Kunstwerk veredelt, das man beschauen und anfassen wollte, um eine Ahnung zu bekommen, wie es war, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Ich sehe immer nur dieses Kinn, diese aufmüpfigen Kieferknochen, wenn ich an ihn denke. Nie kann ich länger als eine Sekunde in dieses Bild tauchen, denn danach taucht sofort das mondrunde Gesicht des Großvaters auf, der von der Liebe als Gift spricht und dann hebe ich mein eigenes Kinn, bette es auf meine Handknöchel und verliere mich im Vergessen.
Vergiss nicht, zu vergessen! So mahnte die Nacht, in der der Herbst die Blätter wie Messerkreisel durch die Gassen schickte. Ich hörte, wie sie Meter unter mir raschelnd in die Luft trieben, um die Dunkelheit zu verwirbeln, um sich vielleicht wie ich vergessen zu machen, dass ihr Treiben nichts diente.
Ich aber vernahm es, während mein nackter Fuß nach dem zu Boden gefallenen Bleistift griff und ihn mir in die Hand gab. Meine Augen gingen über die Notizen, die blatt- wie bleifein auf der Fensterbank ruhten, Welkblumen gleich. Ein Paradies lag darin. Ein leerer Raum, der nicht weniger danach schrie, etwas zu sein, als ich selbst es tat, wenn der Schlaf mich mitgenommen hatte in eine Welt, die ohne Erinnerungen und doch nur mit ihnen auskam.
Ich lächelte gegen mein Fenster, ich lächelte gegen mich selbst an. Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse, die so komisch war wie der Tod meiner Mutter. Müde. Ich war auf so wachverwunschene, verdammte Weise müde. Müde zu leben, müde zuzusterben.
Ich trank. Meine Lippen fanden Gefallen an der Glätte des Weinglases. Wie ein Dirigent schwenkte ich es auf der Tafel meiner Finger, diesem Tisch, dieser unsäglichen Bahre. Mein Fleisch, es war so gottlos geworden, so unnütz in seinem selbstreinen Dienen.
Ich griff nach den Notizen und zerknüllte sie schwer, ich zerquetschte das Papier zu einem Gewicht, das mir zwischen meinen Fingern doch nur sagte, wie leicht es war. Wie sehr es spöttelte in dieser Leichtigkeit, wohlverwoben in seinen gezackten Spitzen: Ich war ein Mann – jenseits von Gut und Böse. Ich hatte mich zu jemandem gemacht, der nicht mehr als etwas war. Ein Gefäß. Ich dachte an meine blutgenährten Sehnen. Ihr gesundes Schimmern. Ich dachte an Atem, der Fahrt aufnahm. Ich trank mein Glas in einem Zuge aus.
Draußen kroch die Nacht und ich kroch zu Bette. Mein bettelnder Leib fand sich zwischen die kühlen Laken. Ein Aufbäumen. Dann: Schlaf. Weiß und festgewoben wie Leinen.
Ich liebe dich. Ist ein Versprechen. Ist ein sich erhebendes Kinn. Ist eine Hand, die zum Wasser geht. Ist der Schrei, wenn jemand geboren wird. Ist der Finger, der ins Gewitter zeigt. Ist der Mund der Liebsten, wenn er aufgeht im Schlaf. Ist die Zeit, die dich umschwirrt und umschwärmt wie tausend Mücken. Ist der Gedanke an jene, die dich jemals geschützt haben. Ist der Gipfel, den du besprungen hast wie ein Quell. Ist der Dorn, der dich bewegt. Ist der erste Herzschlag deines Kindes. Ist die Sonne, die auf deinem Knie zu Schatten zerfällt. Ist der Ozean, wenn er sich blau von allen Seiten zu dir auftürmt. Ist der Schmerz, der sich so glücklich in dir auftürmt, wenn du an all das denkst, was du je gehalten hast.
Du wusstest von der Liebe, noch bevor sie dir jemand erklären konnte. Du wusstest, dass du geliebt wirst, bevor man dir das Zweifeln beibrachte.
Du hast alles gesehen, was dir jemals wichtig sein würde, bevor du das Wort „abrücken“ kanntest. Du hast deine Welt geschöpft aus allem, was da war. Was da war, war du. Du hast dein festes Auge aufgetan. Du hast deine Füße gestreckt. Deine Zunge gespitzt. Die Süße ist darauf zerplatzt. Und dann kam lange Zeit nichts.





Kommentare
lang.
14.07.2012, 18:54 von zehnmomenteund gut:)
"
Weniger wäre mehr gewesen in meinen Augen." sagt Wanderer.
@ steam
*ch gruesse jack an dieser Stelle und bewundere sie fuer ihre Schreibeleganz und ihre Ausdauer. Was immer sie dazu antreibt*
Eine Bewunderung, die sie verdient, aber nicht jeder ihrer Texte.
Sie ist eine großartige Schreiberin, weit weit über dem, was hier sonst so im Schnitt zu lesen ist, nicht nur hier übrigens.
Wenn ich mir z.B. ansehe, womit eine Sibylle Berg beim Spiegel Kolumnen füllt und dafür wahrscheinlich gutes Geld bekommt.
Aber dieser Text scheint mir gerade nicht elegant, sondern dodoschwer, ein wenig fettsteißig, unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrechend, sich so zum Aussterben verurteilend.
Sie kann doch elegante Vogelskelette bauen, mit denen die Phantasie des Lesers fliegen kann, das beweist sie oft genug.
Der Text beschwert meine Phantasie, lässt sie nicht abheben, sondern mühsam watscheln.
Kann natürlich an meiner allegmeinen Miesepetrigkeit liegen, die gerade jetzt neuen Höhepunkten zustrebt.
27.04.2012, 16:40 von Winterwanderer@ muss dazu sagen, winterwanderer, dass ich diesen Text noch gar nicht gelesen habe, weil ich mir erst einmal die Laenge ansah und dann............ lieber zum Tennis spielen gegangen bin:-))
Sehr dichter Text, fast zu dicht gewebt, erscheint mir stellenweise überfrachtet, darum anstrengend zu lesen, zumindest für mich, hätte kürzer sein können, die Aussagedichte, der Bilderreichtum eines Gedichtes auf der Länge einer Kurzgeschichte.
25.04.2012, 15:50 von WinterwandererWeniger wäre mehr gewesen in meinen Augen.
Stellenweise Sprachvirtuosentum als l'art pour l'art, das in mir keinen Akkord anschlug, nichts zum Klingen brachte, einfach nur dunkel, keinen Sinn für mich ergebend, kein Gefühl erzeugend, ein Dunkel, in dem ich nichts sehen konnte, auch nichts erspüren, erahnen, erfühlen.
Trotzdem ein Herzchen, wenn auch nur ein halbes, wegen vieler schöner Sätze.
ich weiss bis jetzt noch nicht, warum du hier schreibst ??
Toller Text und es steckt viel Wahrheit drin.
21.04.2012, 14:03 von justanotherpicture