MrMelancholia 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 8

Unter meiner Haut

Ich lass Dich nicht los, ich lass Dich nicht gehen, und ich weiß ich tu mir grad weh.

Und wieder enden wir da, wo unsere besten Zeiten immer enden: morgens um halb fünf, die letzten Taxis bringen die letzten Gäste nach Hause, die ersten Vögel zwitschern, auf den leeren Straßen eines ostdeutschen Kaffs.

Wieder mal weckst Du in mir den Wunsch, Deinen Vorhang aus charmanter Taffheit, Deine frechen und derben Sprüche, all das, was Dich ausmacht, sanft wegzuziehen, um Dir in die Augen zu schauen und zu sagen: Ich habs schon gesehen, zerbrechliches Mädchen, und es macht Dich so schön.
Doch ich traue mich nicht, und Du bist verdammt nochmal die erste, bei der mein ganzer Körper anfängt zu kribbeln, wenn ich mich ihr nähern will. Diejenige, die mir zeigt, wie das ist, zu denken, dass ich jede andere jetzt küssen würde, aber innerlich komme ich nicht drüber hinweg, über diese Wand aus schrecklichem Kribbeln und wahnsinniger Angst, es könnte dieser eine Schritt zu weit auf einen glitschigen Stein gewesen sein.
Macht man sich die Zukunft kaputt, wenn man sich nicht traut, das meiste aus der Gegenwart zu holen?
Wenn Du mir das Ausmaß dessen zeigst, was ich in den letzten Monaten mit Deinen Gefühlen gemacht habe, bin ich erschrocken, beschämt und unendlich glücklich. Weil ich Dich wirklich berühren konnte. Aber die Angst, die Scham, die kommt daher, dass Du völlig ungerührt mein Visier hochklappst und aus mir, den sie Frauenversteher und all sowas nennen, ein sentimentales, ängstliches Bündel machst.

Und jetzt stehen wir in dieser kleinen, behüteten Kleinstadt-Fußgängerzone, und Du hast Dich auf eine Bank gestellt, um so groß zu sein wie ich, und Du bringst es nicht über Dich mich anzusehen. Und ich bin gefangen in einer Mischung aus Dich-halten-wollen und dem Wunsch, Dich endlich zu küssen. Im Grunde wünsche ich mir einen Kuss, der uns beide hält. Aber ich trau mich nicht.

Ich hab eine Freundin und Du gehst in einer Woche nach Kanada. Für Du-weißt-nicht-wie-lang. Jetzt, wo ich einmal das Gefühl habe, fallen zu dürfen. Jetzt, wo wir vielleicht einfach etwas wagen sollten.

Ich hab einen ziemlich guten Job, und Du krempelst gerade Deine Zukunft auf Unabhängigkeit um.

Die Zeichen stehen nicht gut, aber verdammt, hätten wir uns doch getraut, es hätte die Hoffnung auf ein echtes Leben vor dem Tod gegeben. Danke für alles, S.

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