knabencore. 08.02.2009, 23:33 Uhr 2 3

Unsicherheitsdienst

"Ich bin der Meinung, das Glas ist randvoll - aber es fällt bestimmt gleich vom Tisch!" (Woody Allen)

Ein trister Tag nimmt sein Ende und begräbt jede Hoffnung auf Gesellschaft unter sich. Ich beschließe, mir wenigstens noch ein wenig Ablenkung von Liebeskummer und alltäglicher Routine zu gönnen, und mache mich auf den Weg in Richtung Supermarkt meines Vertrauens. Da der Weg nur kurz und es draußen schon dunkel ist und ich eh momentan andere Probleme habe als mein Wirken auf andere Personen, rasiere ich mich - obwohl nötig - nicht, ziehe mir keine frischen Anziehsachen an und wähle Brille statt Kontaktlinsen. Als ob ich in diesem Emotionen-Gefängnis von Stadt auch nur irgendwen Interessantes treffen werde. Pah!
Im Supermarkt ist nicht sonderlich viel los. Ein paar spießige Kunden fortgeschrittenen Grau-Haar-Alters machen sich über die neuen Angebote in Sachen Taschentücher und Kerzen her - sehr nützlich! Als ich sie kritisch beäugend und von ihnen kritisch beäugt mich grade noch so in meiner Kaufsucht zügeln kann und gradewegs durch das Preisssturzparadies zum Weinregal spaziere, denke ich so still bei mir, wie ironisch es eigentlich wäre, ausgerechnet jetzt eine nette Bekanntschaft zu machen. Immerhin würde mich in diesem Aufzug keine attraktivere Dame meines Alters auch nur in einen Radius von 2 Metern an sie herankommen lassen. Ich bekomme einen leichten Anflug von Panik, dass ein solcher Fall eintreten könnte und ich einem derartigen Vorfall mit meiner grenzenlosen Unsicherheit nie im Leben gewachsen wäre, beruhige mich aber im nächsten Moment mit dem Gedanken, dass eine solche Situation grade jetzt äußerst unwahrscheinlich wäre. Immerhin hab ich ja jetzt schon ausgiebig darüber nachgedacht. Also nehme ich lässig gelangweilt und gelangweilt lässig einen Kirsch- und einen Erbeerwein aus dem Regal und schlendere in die Süßigkeitenabteilung.
Auf dem Weg dorthin lasse ich meine Gedanken schweifen, denke an all die Mädchen, an denen ich mir schon so verzweifelt die Zähne ausgebissen habe und von denen ich so oft sehr bizarre Träume hatte, was zur Folge hatte, dass meine Nächte immer schlafloser wurden - zumindest wenn ich im nüchternen Zustand zu Bett ging. Es sind sowohl jene Augenweiden, die man kennenlernt oder auch nicht kennenlernt, wenn man nachts in die nächstgrößere Stadt fährt, um etwas zu trinken, die Hemmschwelle herunterzuschrauben und ein wenig zu tanzen, als auch jene Geschöpfe, denen man aufgrund alltäglicher Routine immer wieder über den Weg läuft und mit ihnen zu tun hat. Letzteres ist dabei noch vernichtender, da man sie mit der Zeit kennenlernt, sie für einen zu einer greifbaren Person mit Charakter und Individualität werden - was es schwerer macht, sie aus dem Kopf zu bekommen - und vor allem, da man aufpassen muss, nicht auf die Freundschaftsschiene zu geraten. Sowas passiert mir leider immer viel zu schnell. Vielleicht passiert es mir auch gar nicht so oft. Ich bin nicht grade ein Experte im Einschätzen von und Handeln in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen. Naja, wie auch immer.
In der Süßigkeitenabteilung schnapp ich mir eine Packung von diesen kleinen roten Kirsch-Lutschern, die wir alle doch als Kinder schon so geliebt haben und die ständig an irgendwelchen Kissen, Polstern, Sesseln, Sofas, Betten oder Haustieren klebten, weil Kinder damit eben wie Kinder umgehen. Außerdem noch eine Packung Kirsch-Kaugummis. Schließlich geht's ja morgen wieder zur Schule.
Ich mache mich auf den Weg zur Kasse und kann meine Gedanken immer noch nicht stoppen. Es nervt mich einfach: Dieser ständige Eiertanz um die Gefühle eines anderen Menschen, die riesige psychische, wie physische Anstrengung, einer anderen Person bloß um jeden Preis zu gefallen, dieses nervige Hin- und Herschwanken von Gefühlen und Gedanken, das ewige Überarbeiten irgendwelcher Strategien und Taktiken, lediglich um eine Stunde oder auch nur ein paar Minuten mit diesem Menschen zu verbringen. Warum brauchen wir all das? Warum machen wir es uns bloß so kompliziert? Ginge es überhaupt einfacher? Einfacher wäre es, wenn man zu einer solchen Person hingehen und sagen könnte: "Hallo. Wie heißt du? Willst du vielleicht den Rest deines Lebens mit mir verbringen?"
Und kaum ist diese Zeile durch meine Gehirnwindungen gelaufen, sehe ich schon die erwartungsvollen Augen, die da an der Kasse auf mich warten. Natürlich noch mit einem ganzen Körper dran. Und was für Augen. Es wird ja immer bemängelt, dass Männer in Bezug auf Komplimente gegenüber Frauen so unkreativ und unaufmerksam seien, dass ihnen immer nur die Augen einfallen würden. Ich finde, dass es völliger Quatsch ist, sich darüber aufzuregen. Augen sind doch enorm wichtig. Sie sind ein unter Umständen sehr attraktives Körperteil, dass man zur Abwechslung als Mann mal tatsächlich länger angucken darf. Es ist sogar erwünscht, dass man während einer Unterhaltung darauf guckt, weil es wohl einen guten Eindruck machen soll. Und das Beste ist, dass sie gleich im Doppelpack kommen. Also bitte: Frauen! Unterschätzt niemals eure Augen!
Aber auch über die Augen hinaus ist sie durchaus wirklich sehr hübsch. Sofern man das bei dieser hässlichen, aber leider vorgeschriebenen Arbeitskleidung sein kann. Sie geht sofort in die Offensive, macht Kommentare über meinen - durchaus sehr ungewöhnlichen, fruchtigen - Einkauf, lacht, macht dumme, kleine Witzchen, lächelt mich an und guckt mir dabei so oft sie nur kann in die Augen. Mein armes vom ständigen Kopfzerbrechen maltretiertes Gehirn kommt da leider nicht mit und reagiert mit totalem Systemabsturz: Ich zittere, mir wird warm, ich bin einfach total überfordert. Und anstatt schnell zu schalten und auf sie einzugehen, bin ich nur noch grade so fähig, verunsicherte Lacher herauszuhusten und von Zeit zu Zeit einen maximal dreisilbigen Begriff über die zerkauten Lippen zu bringen. Ich versuche all das zu kompensieren, indem ich mich überfreundlich verabschiede, was natürlich total in die Hose geht; zum Einen, weil ich in meiner nun noch viel offensichtlicheren Unsicherheit auf sie jetzt endgültig wie der einsamste Mensch der Welt wirken muss, zum Anderen, weil eine Verabschiedung bedeutet, dass ich jetzt gehen werde und somit auch keinen Smalltalk mehr mit ihr führen werde, was aufgrund nicht vorhandener Kundschaft durchaus angebracht gewesen wäre. Aber stattdessen ergreife ich die Flucht. Setzen! Sechs!
Seitdem bin ich jeden Mittwochabend ungefähr um die gleiche Uhrzeit im Supermarkt und mache meine Einkäufe. Wiedergesehen habe ich sie leider bisher nicht. Irgendwann hab ich den Kassenbon von dem Einkauf wiedergefunden und ich dachte schon fast an die Existenz eines Gottes, als ich gesehen habe, dass immerhin ihr Nachname draufsteht. Die Enttäuschung brachte mir dann das Telefonbuch, in dem sie nicht zu finden war. Und so werde ich sie wohl nicht mehr fragen können: "Hallo. Wie heißt du? Möchtest du den Rest deines Lebens mit mir verbringen?"

Schade.

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2 Antworten

Kommentare

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    schön geschrieben.

    ich hab die taschentücher liegen lassen vor lauter verwirrung...

    09.04.2010, 00:25 von mukkelchen
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    Liebenswert. Nachvollziehbar. Sehr schön. Hat eine Empfehlung verdient.

    09.02.2009, 14:41 von diebarbara
    • 0

      @diebarbara Dankeschön. :)

      09.02.2009, 15:32 von knabencore.
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