letoilefilante 17.08.2008, 23:30 Uhr 9 3

Unsere kleine Schachtel

Im TV läuft nichts tolles, ich mache den Laptop an.

Morgen muss ich wieder um 6 raus und will nur noch kurz Emails checken. Und da ist sie, die Email, die jetzt schon mein Leben umkrempelt. Ich habe eine Nachricht im Musikforum bekommen und überrede mich auch diese noch zu lesen bevor ich schlafen gehe, im Grunde bin ich ja sowieso nachtaktiv und kein Stück müde. Ich fand eine Nachricht, die mich bezauberte und zum Lächeln brachte und konnte mich nicht daran hindern zurück zu schreiben. 5 Minuten später las ich schon deine zweite Nachricht und musste noch breiter grinsen. In der vierten Nachricht stand nur „bin in 20 Minuten am Park. Bis gleich!“, ich überlegte keine Sekunde ob ich auch in 20 Minuten am Park stehen würde.

Draußen war es warm, jetzt schon… Ende April. Es roch sogar schon nach Sommerabend. Plötzlich hinter mir ein leicht unsicheres „Léa?“, einen Moment überlege ich welche Erwartungen ich an den Menschen hatte, dem diese Stimme gehört, doch da stehst du schon vor mir und umarmst mich. Du stehst so nah vor mir, dass ich mir kaum ein Bild machen kann, obwohl ich kurzsichtig bin und „nah dran“ sogar hilfreich ist. Jetzt schon liebe ich deinen Geruch, vom Rest habe ich ja noch nicht viel mitbekommen.

Wir spazieren in den Park und mir fallen deine Chucks auf, die gerade noch so zusammenhalten, meine sehen genauso aus, dann muss ich schmunzeln. Auch deine Hose ist zerrissen wie meine, meine Lieblingshose, die ich schon hundertmal flicken musste. Weiter oben seh ich ein grünes Polohemd und bin etwas irritiert von der Farbe, ich habe es nach diesem Abend nie wieder gesehen. Wir haben die gleiche Haarfarbe und können beide vor lauter Haaren vor den Augen kaum durch unsere schwarzen Brillen gucken, hinter denen sich vier blaue Augen verstecken.

Du redest nicht zu viel und nicht zu wenig… in meinem Leben war es schon lange nicht mehr so harmonisch wie jetzt mit dir. Obwohl du redest höre ich die Bäume leise rauschen und unsere Chucks auf dem Ascheweg kratzen. Deine Stimme gefällt mir, sie ist eins mit dem weichen Rauschen der Bäume. Plötzlich stehen wir beide vor einer Bank und setzen uns als wäre diese Bank schon unser ganzes Leben lang unser Ziel gewesen. Wir reden und reden… über Liebe, Musik, Tiere, Geschwister, Schokolade und komische Angewohnheiten. Mir fiel auf dass du winzige Hände hast, unsere erste Berührung abgesehen von der Begrüßung. Ja, ich habe sehr lange Finger, aber deine waren nun wirklich sehr klein.

Um 4 Uhr morgens unser erster Kuss, auf den viele weitere folgten. In meinem ganzen Leben wurde ich noch nie so schön geküsst und nun hatte ich den perfekten Kuss mitten in der Nacht mit jemandem den ich gerade ein paar Stunden kannte und doch glaubte schon in der Grundschule in ihn verliebt gewesen zu sein. Du hattest mich fest im Arm und sagtest „dich lass ich nie wieder los“.

Um 5 Uhr mussten wir dann aber doch zurück in die Realität, du zu deinem gemieteten VW-Bus und ich in meine Wohnung um mich fertig zu machen für meinen sonst so realen Alltag. An der Tür küsstest du mich und sagtest den Satz, den ich noch so oft hören würde „Ich melde mich morgen bei dir!“.
Der nächste Tag war der Horror und ich sollte noch viele Tage wie diesen erleben. Jeder Tag ohne ein Lebenszeichen von dir wurde zum schlimmsten Tag meines Lebens erklärt, immer wieder aufs neue. Am zweiten Tag eine SMS in der du dich für die schöne Nacht im Park bedanktest und unter der SMS stand „…der Mann mit den kleinen Händen“. Ab sofort war es der schönste Tag auf Erden, so auf und ab ging es nun weiter.

Wir kamen zusammen und sahen uns erst zweimal die Woche, dann einmal die Woche, dann alle zwei Wochen. Du bist Ingenieur, erfolgreich, kaum zu Haus, nicht erreichbar und doch mein Gegenstück. Du hast nie bei mir übernachtet, keine Zeit hieß es. Irgendwann fing es an, dass du nur noch in der Firma geschlafen hast, auf einem Feldbett, eine Stunde pro Nacht, gegessen hast du nie und gemeldet hast du dich auch immer weniger, aber wenn, dann waren es die schönsten Worte, die je mein Ohr erreichten. Du warst immer unterwegs… Luxemburg, Italien, Indien, Irak...

Als du aber doch mal bei mir warst fragtest du mich ob ich mit dir zu Rock am Ring fahre, was wir einen Monat später wahr machten. Es war die längste Zeit die wir je gemeinsam verbrachten. Wir lieben die gleichen Bands und bei jedem Konzert standst du hinter mir und hast mich festgehalten oder deine kleinen Hände in meine Hosentaschen gesteckt. Morgens warst du nicht wach zu kriegen, also ging ich raus zu meinen Freunden, als ich das Zelt wieder aufmachte kam nur ein „schnell mach wieder zu“ von dir. Du hattest zwei Checkkarten in der Hand und neben dir lag ein Geldschein. Auf der einen Karte eine weiße Line. Mir wurde schwarz vor Augen. „das ist für meine Schleimhäute, was denkst du von mir? Ich möchte nur nicht, dass jemand denkt ich würde mir hier Dreck in die Nase ziehen.“

Die Aktion war ab sofort das normale Programm mehrmals täglich. Ich habe dir geglaubt, wenn man liebt, dann glaubt man… auch wenn es noch so offensichtlich ist.

Kurz nach unserem Ausflug meldete sich deine Ex, sie sei schwanger, was rein rechnerisch ohne weiteres nachvollziehbar war. Dein Plan deine berufliche Situation zu entschärfen war ein Umzug nach Bayern um geregelte Arbeitszeiten zu haben und mich öfter sehen zu können. Dann bist du verschwunden. Du warst nicht erreichbar, ich habe nichts mehr von dir gehört für 3 Monate.

Ich habe nie aufgehört dich zu lieben, aber die Hoffnung habe ich aufgegeben und versuchte mich mit anderen Beziehungen zu trösten. Als du wieder auftauchtest, lies ich meinen neuen Freund stehen, obwohl ich ahnte dass du an Silvester wieder verschwinden würdest. Du gabst zu abhängig zu sein und in Bayern eine Therapie zu machen, du habest mein Leben nicht zerstören wollen, doch ohne Herz bin ich nicht lebensfähig. Bevor du wieder im Dunkeln verschwandst hast du mir dein Herz geöffnet, du habest noch nie so viel für jemanden empfunden. In diesem Punkt hast du nicht gelogen, wie ich heute weiß. Mittlerweile war auch dein Kind auf der Welt, dass vielleicht nie erfahren wird, was um sein Geburt herum alles passierte.

In den weiteren Monaten ärgerte ich mich über soviel Naivität meinerseits und versuchte es nun endlich in eine Kiste zu sperren. Immer wieder bekam ich SMS von dir, auf die ich nicht mehr antwortete und weinte doch zu oft um dich.
Vor einem Monat haben wir uns wieder gesehen.

Es wäre wie immer sagtest du und damit hattest du recht. Mein Herz schlug so wild als du mir die Tränen aus dem Gesicht wischtest und mir einen Kuss gabst. Die folgenden Tage waren so schön und doch so zerbrechlich. Jeden Tag wachte ich auf und mein Herz pochte so laut, dass es jeder hören konnte, bis du es wieder eingepackt hast in diese schöne Schachtel mit unserer Liebe, unserer Zeit, unserem Leben und den kaputten Jeans und mit der Schachtel davon gingst und mir von dir nur diese kleine Schraube ohne Schlitz blieb, die du mir mal geschenkt hast.

Du wirst wiederkommen und mit mir diese Schachtel wieder öffnen wollen, aber das nächste mal hoffe ich, dass mir jemand anders sein Herz geschenkt hat und ich ohne die Schachtel lebensfähig bin.

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    "Als du wieder auftauchtest, lies ich meinen neuen Freund stehen"

    Der Kerl tut mir ja fast am meisten leid. Irgendwie fast das Paradebeispiel.

    01.03.2009, 15:48 von Temnaya.Toska
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    ich kenne ähnliche beziehungsprobleme und ich weiß aus eigener erfahrung,dass liebe ziemlich blind macht. ich wünsche dir dass du für dich was aus der beziehung mitgenommen hast.
    schöner text!

    21.01.2009, 12:42 von Katkatkat
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    ich finde den text mutig. und auch irgendwie schön. und hoffnungslos. leider.

    09.10.2008, 10:27 von Aalaaleh
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    Fand einige ungereimtheiten im Text. Chucks, zerissene Hosen, Ingineur, Auslandsaufenthalte, 20min im Park, obwohl er nicht in deiner Stadt wohnt? Schachtel, Herz, Fluch der Karibik?

    Facts or fiction ist hier wohl die Frage.
    Die Autorin hat sich noch nicht geäüßert?!

    18.08.2008, 02:36 von Tanea
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      @Tanea facts... einige die hier gepostet haben, kennen mich persönlich und kannten das alles daher schon bevor diese story geschrieben wurde.

      fluch der karibik mag ich übrigens nich (;

      18.08.2008, 12:58 von letoilefilante
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      @letoilefilante ach ja und wer hat gesagt dass er nich in meiner stadt wohnt? wohnt in nem vorort, is erst später nach bayern gezogen... steht aber auch inder story (;

      18.08.2008, 12:59 von letoilefilante
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    okay ich kenne dich nicht das stimmt aber genau so wenig kennst du letoilefilante.
    wenn du die geschichte genau gelesen hättest wüsstest du auch dass er sie nicht verarschen wollte sondern nur nicht verlieren.

    18.08.2008, 00:34 von LolaRannte
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    Ich finde die Geschichte bewegend. Stilistisch gefällt mir vor allem das Bild der Kiste ... es ist wohl sowohl realer gegenstand als auch ein bild für die beziehung.

    18.08.2008, 00:17 von Don-negro
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    Die Geschichte ist echt traurig und romantisch zugleich. Wer da nicht mitfühlen kann war noch nicht ernsthaft verliebt und wurde auch nicht geliebt.
    Glaswelt lebt wohl eher unter einer Glaskuppel in der noch nie jemand verletzt wurde.
    Sowas muss verarbeitet werden und ist hier, meiner Meinung nach, echt gut gelungen!

    18.08.2008, 00:12 von LolaRannte
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      @[Benutzer gelöscht] Ich finde es ziemlich anmaßend über fremde leute und situationen zu urteilen. Genausowenig würde ich die Themenwahl anderer einfach kritisieren - du kennst den beweggrund für diesen text nicht.

      18.08.2008, 00:43 von Don-negro
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