Uns?
Ich atme tief ein, atme dich ein, deinen Duft. Du riechst nach Vanille und einem gemütlichen Wintertag.
Wenn ich an uns denke, suche ich immer wieder nach einem Anfang. Ich denke oft an uns. Gleichzeitig frage ich mich ob es ein uns gibt. Wahrscheinlich gibt es genauso wenig ein uns, wie einen Anfang. Und erst recht kein Ende.
Ich kenne dich schon lange. Ich habe dich immer gesehen. Du hast mich immer gesehen. Wir haben uns gesehen. Wir haben nichts gesagt, uns nur gesehen. Und wir kannten uns. Es war das neue Semester, ich kam in den Raum, suchte nach bekannten Gesichtern, nach irgendeinem Blick, an dem ich mich festhalten konnte. Da war nur eine Tasche. Deine Tasche. Ich hab noch nie ein Wort mit dir gewechselt aber ich erkannte deine Tasche. Sie hielt meinen Blick fest, der Platz daneben war frei.
Ich habe Kirschen dabei. Du bedienst dich. Wir sehen uns, wir sitzen, wir reden. So als hätte es genau so schon immer sein sollen. Du reist gerne, schwärmst von Musik, von der ich noch nie gehört habe. Du schaust mir direkt in die Augen. Ich verlier mich darin. Noch nie hat mich jemand so angesehen. Ich kann dir nicht zuhören, dein Blick verunsichert mich.
So geht es jede Woche. Mittlerweile reden wir von Musik, die wir beide lieben. Von Ländern, die wir bereisen wollen. Ich genieße diese 90 Minuten, einmal die Woche. Ich verliere mich in deinen Augen, tauche in eine andere Welt. In eine Welt, in der alles einfach ist. Es gibt dich, mich, die Kirschen, deinen Blick. Die restlichen Minuten der Woche zählen nicht, es ist als würde es sie gar nicht geben. Als würde es all das Denken und Reden, die Verunsicherung nicht geben. Als würde es diesen anderen Mann nicht geben.
Der andere Mann hat sich irgendwann mal in mein Herz geschlichen, sich da festgebissen. Er zieht und zerrt daran, lässt nicht los. Er ist mein bester Freund, der beste Mensch, den ich kenne. Er ist in meinem Herzen, aber Liebe ist da nicht. Ich will, dass er loslässt, aber er packt nur noch kräftiger zu.
Aber davon weißt du nichts. Das hat nichts mit unseren 90 Minuten zu tun. Irgendwann fragst du mal, wie ich meinen Sommer verbringe. Mit meinem Freund, sage ich. Das ist ja schön, sagst du und verabschiedest dich schnell. Ich bekomme Angst, dass es das Ende unserer 90 Minuten ist und Panik, dass ich solche Angst davor habe.
Ich brauche eine Pause und reise alleine in eines der Länder, von dem wir immer geschwärmt haben. Du freust dich für mich. Über tausende Kilometer schaffen wir uns ein paar Minuten für Sehen, Reden und Kirschen. Es ist nicht schwierig und auch nicht traurig.
Wir beginnen, aus 90 Minuten ein immer zu machen. Du bist immer in meinem Kopf. Du bist in meinen SMS, in meinen Anrufen, in meiner Wohnung, in meinem Zimmer. Wir reden, erzählen uns von unseren Abenteuern, Träumen und Sehnsüchten. Nichts scheint zu weit gegriffen, nichts zu gewagt, wenn ich es dir erzähle. Unsere Träume verschmelzen. Du kommst mir nie zu nahe, berührst mich nicht, du schaust mich nur an und ich verliere mich in deinem Blick. Manchmal bemerkst du es und fragst ganz nebenbei, was ist? Nichts, sage ich, und kann nur lächeln.
Du weißt, dass er noch da ist, dass er mich noch festhält, der andere Mann. Manchmal fragst du ganz nebenbei nach ihm. Ich erzähle dir, dass ich nicht glücklich bin. Du wünschst mir Glück, sagst du. Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll. Wenn du gehst, bleibst du lange in meiner Tür stehen, umarmst mich. Wir sagen uns, dass es schön war und bleiben ein bisschen zu lange so stehen. Ich atme tief ein, atme dich ein, deinen Duft. Du riechst nach Vanille und einem gemütlichen Wintertag. Nie werde ich diesen Geruch vergessen.
Als ich aufgebe und zusammenbreche unter der Last der Nicht-Liebe, bist du da. Du hörst geduldig zu. Ich sitze in meinem Zimmer auf dem Boden, mein Kopf ist schwer, mein Herz verkrampft. Die Situation fühlt sich falsch an, ich stehe neben mir und kann mich dort sitzen sehen, wie ich die falschen Worte zu dem falschen Mann sage. Ich bin zu schwach, um auszubrechen aus dieser Beziehung. Ich sage es dir und du wünschst mir Glück. Ich weiß, wie ich das verstehen soll. Ich weiß, dass es das Ende unserer 90 Minuten ist, ein Ende unseres Immer. Du verschwindest aus meinen Sms, meinen Anrufen, aus meiner Wohnung und meinem Zimmer. Aber nicht aus meinem Kopf. Kein Ende in Sicht.
Ein Jahr ist das jetzt her. Der andere Mann hat losgelassen, irgendwann hat er aufgegeben. Zu spät für das uns, das es nicht gibt. Wir haben immer noch 90 Minuten, einmal die Woche. Da halten sich unsere Blicke noch immer an einander fest. Aber wir reden nicht mehr über Musik, Reisen, unsere Träume und Sehnsüchte. Wir reden über verpasste Chancen und schlechtes Timing. Wir reden über die andere Frau, die sich in dein Herz geschlichen hat. Wir reden über die Zukunft. Deine und Meine. Nicht unsere.
Tags: Verpasste Chancen

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Kommentare
ich glaube meine Geschichte gleicht deinem Anfang, mal schauen wie sich das bei mir entwickelt.aber dir wünsche ich kraft, ganz viel kraft :)
03.12.2011, 10:44 von anna-mirlwirklich bewegend..
24.11.2011, 16:51 von oliekridtDanke für ein paar Minuten mit dir mitzufühlen...Auf das eigene Herz vertrauen und es durchzuziehen was es dir sagt ist schwer! Aber ein Versuch ist es immer Wert! Halt die Ohren steif!
24.11.2011, 11:04 von pat-rickwie unglaublich berührend. Wirklich toll geschrieben (:
23.11.2011, 22:57 von favoriteIsabellaIch wünsche Dir alles Liebe <3
Wie fies. :(
23.11.2011, 20:07 von Mr_MagpieEine Story, die wohl auch von mir sein könnte. Nur nicht so schön ausgedrückt.
fies?
23.11.2011, 20:26 von SarahJoesySo auf die Situation bezogen. ;)
23.11.2011, 20:37 von Mr_MagpieSehr schön geschrieben :)
23.11.2011, 18:20 von oneheartbeatich war in der gleichen Situation. Nach vier Jahren hat ER
Iiiih...Vanille!
23.11.2011, 13:46 von FrauKopfwow. mir fehlen die worte. schön geschrieben und so nachvollziehbar.
23.11.2011, 13:42 von kiwicatLängere Texte bringen mich eigentlich oft dazu, sie nicht zu lesen...zu langatmig...
23.11.2011, 10:33 von kinghabibiAber diese Zeilen sind keine Zeile zu lang, wirken gar nicht langatmig;) Wirken einfach gut! Und sind es;)