JuniKuss 30.11.-0001, 00:00 Uhr 43 2

Ungenügend

...eigentlich ist es auch keine echte Distanz. Es ist eher ein gutes Schauspiel. (ein Text aus vergangenen Tagen)

"Sie scheinen das Wissen und die Weisheit einer 80-Jährigen zu haben. Das, was Sie da sagen dürften Sie mit 25 noch gar nicht wissen!"

Ich sitze da und frage mich, ob vielleicht genau das mein eigentliches Problem ist.

Ich bin in der Lage Geschichten aus meinem Leben so zu erzählen, dass sich alle denken, "Ist doch alles gar nicht so schlimm." Das liegt aber nicht an der Wortwahl, sondern an der Tatsache, dass ich nicht in der Lage bin auch nur ein Fünkchen Emotion in meine Stimme, meine Mimik oder Gestik zu legen. Ich sitze artig da, die Beine übereinander geschlagen, die Hände auf dem oberen Knie zusammengefaltet, Rücken gerade, entzückendes Lächeln...

"Hätte ich das, was Sie mir soeben erzählt haben nicht gehört sondern gelesen, dann wäre ich von Beginn an gerührter gewesen. Doch nach einiger Überlegung bin ich jetzt noch gerührter als ich je hätte sein können."

Ich weiß sofort, was er meint. Wie weit kann sich ein Mensch von sich selbst distanzieren, dass er etwas, was ihn so verletzt hat so emotionslos wiedergeben kann?

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wann ich mich so distaziert habe und eigentlich ist es auch keine echte Distanz. Es ist eher ein gutes Schauspiel.

"Sie sagten, dass sie schon länger nahezu regelmäßig auf der Bühne stehen!?"

Ja genau. Perfektes Aussehen, perfektes Lächeln. Den inneren Schmerz will keiner sehen und den körperlichen nehme ich schon gar nicht mehr wahr. Ich sei doch so ein hübsches Mädchen. Auf der Bühne nicht zu lächeln wäre reine Verschwendung. Und wieso sollte ich auch nicht lächeln? Ich hatte und habe ein Dach über dem Kopf, Essen im Kühlschrank. Schule lief, Ausbildung lief, Job läuft. Kein Grund Trübsal zu blasen. Dass ich mehr als großzügig in die Scheiße gegriffen habe war ja meine eigene Schuld und so etwas passiert ja nicht nur mir. Das passiert tausenden anderen Menschen genau so.

"Wieso sind Sie nicht wütend?"

Hmm... Gute Frage. Wieso eigentlich nicht? Achso ja... Weil ich mir den Mist selbst eingehandelt habe und weil ich auf eine ziemlich eigenartige Weise verstehen kann, was da wieso abgegangen ist.

"Sie können es verstehen? Vielleicht klingt das anmaßend und arrogant, aber ich bin Psychologe und kann nicht verstehen, wie ein Mensch bei vollem Bewusstsein anderen so etwas antun kann. Ich wäre mehr als wütend! Ich meine... Sie haben ihm doch gesagt, wie es ihnen geht. Wie kann man dann noch so skrupellos sein und diese... Wie soll ich es sagen? Notlage? Gefühlslage? ...ausnutzen."

Ja, aber vielleicht hat er es nicht anders gelernt... Schwere Kindheit und so.

"Ach und Sie werden jetzt auch Miss Arschloch, weil in Ihrem Leben einiges nicht rund lief?"

...so hab ich das noch gar nicht gesehen. Mir steigen Tränen in die Augen. Aber... Aber... Langsam dämmert es mir. Wie kann man nur wollen, dass es anderen genau so scheiße geht, wie es einem selbst geht? Wie kann man nur wollen, dass es gerade den Menschen so geht, von denen man behauptet, dass man sie mag und dass man sie niemals mehr verlieren möchte? Plötzlich reißt da etwas in mir. Es knirscht und knackt und langsam... Sehr langsam beginnt sich mein Verständnis aufzulösen.

Es ist so wahr: Wie kann man wollen, dass es jemandem schlecht geht, den man mag? Ich habe es auch nie gewollt und habe lieber in Kauf genommen, dass es mich zerbricht. Und plötzlich sitzt man in einer psychiatrischen Klinik, während Mister Arschloch sein Leben in vollen Zügen genießt und es schade findet, dass ich nicht mehr sein Spielzeug sein kann.

Es wäre gelogen, wenn ich sage, dass ich über den ganzen Mist hinweg bin. Vielleicht werde ich auch nie wirklich darüber hinwegkommen. Es klingt ziemlich theatralisch zu sagen, dass ich auf so viele Arten zerbrochen wurde, aber letzten Endes ist es genau das: Ich wurde auf so viele Arten zerbrochen, dass ich mich frage, was es braucht um all das wieder zu flicken.

Mein Körper scheint schön genug zu sein, dass man(n) ihn gerne benutzt. Meine Großmütigkeit läd dazu ein, mich seelisch zu missbrauchen - als Mülleimer perfekt geeignet. Die Kombination aus Liebe, mangelndem Selbstbewusstsein und der ständigen Angst verlassen zu werden war für ihn willkommen und für mich lebensgefährlich. Die unerwartete Gewissheit, dass es Menschen gibt, denen ich schmerzlich fehlen würde hat mich davor bewahrt, dem ganzen ein Ende zu setzen, welches in dieser Gesellschaft nur allzu gerne als "feige" bezeichnet wird.

"Was sie erzählen ist so traurig. Wieso haben Sie denn kein Vertrauen in sich selbst? Sie sind eine hübsche, intelligente, junge Frau mit vielen Talenten. Sie lernen schnell, sind einfühlsam, kümmern sich um alle, nur nicht um sich selbst. Warum genügen Sie sich nicht?"

Weil ich so vielen anderen auch nicht genügt habe...


Tags: Hass, Verständnis, Arschloch, Psychiatrie, Warum?
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43 Antworten

Kommentare

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    Wow.

    12.07.2015, 22:27 von t.h.r.
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