hannarr 13.08.2012, 21:16 Uhr 12 18

Und langsam verschwindest du...

Ich liebe dich. Du hast Magersucht.

Du hast angefangen zu frieren. Die erste Veränderung, an deren Erscheinen ich mich erinnern kann, war die permanente Gänsehaut,die deine Arme bedeckte, die deine Haare zu Berge stehen ließ, als wärst du bei Gewitter im See schwimmen gegangen.

Ich erinnere mich an deine Handflächen, die du aneinander gerieben hast, während du mich anlächeltest.

Ich erinnere mich an deine Arme, deinen Körper umklammernd. Dein Zittern selbst wenn ich dich gehalten habe. Nichts konnte dich aufwärmen, es war, als würde die Welt dir mit kaltem Atem ins Gesicht hauchen.

Ich sitze neben dem Bett und die Maschinen summen ringsherum. Ich halte deine kalte Hand zwischen meinen Finger, sie fühlt sich schlaff und schwer an, als wäre sie in denselben tiefen Schlaf gefallen wie du. Die blinkenden Monitore tauchen den Raum in bunt gedämpftes Licht.

Ich sitze da und betrachte dein Gesicht. Du schläfst, aber du siehst dabei nicht friedlich aus. Ich würde alles dafür geben, dir jetzt einen Moment in die Augen zu schauen, aber sie sind zugedeckt von deinen blassen Lidern, die alle paar Minuten wie in Panik zucken. Deine Haut wirkt unnatürlich weiß, als hättest du versucht dein Gesicht zu bemalen oder deinen Kopf in eine Schüssel Mehl getaucht.

Du siehst aus, als würdest du kämpfen, mit jedem Zug.

Ich frage mich, wann du deinen friedlichen Schlaf verloren hast und warum es mir nicht früher aufgefallen ist.Wenn ich dich jetzt so betrachte, wie eine Porzellanpuppe in diesem beschissenen Krankenhausbett, kann ich mich nicht mehr an dein Lachen erinnern. Und zu der Sorge, die mich so hilflos und taub zurückgelassen hat, mischt sich Wut.

Es ist alles deine Schuld. Warum kannst du nicht einfach essen? Warum musstest du es so weit kommen lassen?

Du warst ein halbes Jahr weg, doch das hat nicht gereicht, meine Erinnerung an dich verblassen zu lassen. Dein Lachen hatte sich in meine Ohren gefressen, dein Gesicht in meinen Kopf, ich musste nur die Augen schließen und hatte sofort deinen Geruch in meiner Nase, konnte deine Haut unter meinen Fingerspitzen spüren, deine kleinen Brüste, deinen göttlichen Po.                                                                        Ich wusste wie du dich anfühlst.

Als du nach sechs Monaten wieder vor mir standest, ist mir zuerst gar nichts aufgefallen. Das Einzige, was zählte, warst du, die in meinem Leben wieder auftauchte, als hättest du die ganze Zeit an der Hintertür gewartet. Ich war elektrisiert. Und so sehr verliebt.

Und dann fahren wir mit Freunden an den See und ich sehe dich zum ersten Mal ohne die weiten T-Shirts unter denen du deinen Körper sonst versteckt hast. Ich sehe deine dünnen Arme, über die ich mich früher lustig gemacht habe, weil du behauptet hast, sie sehen aus wie die eines Bodybuilders und du noch nicht einmal ganz im Unrecht warst.       Ich sehe deine spitzen Schultern und deine hervorstehenden Hüftknochen.                                                                                     Zum ersten Mal fällt mir auf, wie dünn deine Beine geworden sind und wie sehr man deine Bauchmuskeln sieht.                                            Die rosarote Brille wird mir mit einem Schlag vom Gesicht gerissen.

Wenn Leute dich auf deine Krankheit, und inzwischen sehe ich selbst ein, dass du krank bist, ansprechen, reagierst du so schrecklich souverän. Kein Abstreiten, keine Scham, du lächelst sogar sanft, während du sagst, dass du krank warst und zur Therapie gegangen bist und bald alles wieder gut ist.                                                               Damit wischst du das Thema vom Tisch, wie man Staub von Regalen wischt.                                                                                                 Ich aber weiß, dass deine Krankheit dich immer noch fest in ihrer dunklen Faust hält.

Nach ein paar Wochen schlafe ich das erste Mal wieder mit dir. Das Einzige, was geblieben ist, ist dein Geruch und ich ertappe mich dabei, deine Echtheit anzuzweifeln.                                                              Meine Hände suchen vergebens nach deinen Brüsten, deinem Po.          Ich habe Angst dich zu zerbrechen, als sie nichts dergleichen finden können.

Ich versuche dir zu helfen. Mache dir morgens Frühstück mit Brötchen, Ei und Kakao, lade dich zum Essen ein, kaufe dir Schokolade und Eis. Doch du bist längst geübt, du kannst dich unter dem Essen wegducken, wie eine Katze unter dem Schrank, mal musst du morgens Nachhause um deinen Eltern zu helfen, mal grillst du angeblich schon bei den Nachbarn.                                                                                         Und was all deine Worte begleitet, ist dein Lächeln: Ein sanftes, wissendes Lächeln, das die Welt in ihren Fugen halten soll.

Ich fange an zu resignieren. Schwimme in einer dreckigen Pfütze aus Angst und Hilflosigkeit. Auch wenn deine Arme es nicht mehr sind, deine Krankheit ist stärker als ich.                                                                Manchmal will ich einfach weglaufen. Wenn ich morgens in dein zusammengefallenes Gesicht schaue, die Ringe unter deinen Augen zähle, du dich mal wieder bei 30 Grad in vier Pullovern versteckst oder zu müde bist zum Fahrradfahren.                                                             Jetzt, nach deinem Zusammenbruch, wo ich deine Hand in einem Krankenhaus halte, denke ich zum ersten Mal: "Der Druck ist zu groß." Ich wollte dich zurück, doch da ist eine Mauer um dich herum, deren Durchbrechen mir unmöglich ist.

Heute Nacht, bevor deine Eltern mich angerufen haben, um mir zu sagen, dass du jetzt hier liegst, hatte ich einen Traum. Ich saß in einem großen Haus, mein Haus, als plötzlich die Wände angefangen haben sich zu bewegen. Ich konnte Balken krachen hören und Ziegel fallen. Die Fassade bedeckte den Boden wie welkes Laub. Ich konnte mich selbst schreien hören, in diesem Traum, weil alles was ich hatte, dabei war zu zerbrechen. Und dann, als ich merkte, dass es zu spät war, wollte ich nur noch eine Sache retten. Da war eine Vase, auf der Fensterbank, ich habe sie nie zuvor gesehen, aber sie war mir auf einmal unglaublich wichtig. Ich rannte los, durch den langsam in sich zusammenfallenden Raum, stolperte über Trümmer, die von der Decke stürzten und die Luft mit Staub füllten.Kurz bevor ich die Vase erreichte, begann das Haus ein zweites Mal zu beben,ich konnte sehen, wie die Vase zu wackeln anfing und bevor ich meine Fingerspitzen nach ihr ausstrecken konnte, sah ich sie zu Boden fallen und in tausend kleine Scherben zerspringen.

Am Ende des Traumes habe ich mich selbst gerettet. Ich stand alleine auf der Straße, den Trümmerhaufen anstarrend, der einst mein Leben war und der die Vase unter sich begraben hatte. Der Staub bedeckte mein Gesicht, sodass keiner meine Tränen sehen konnte.

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12 Antworten

Kommentare

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  • 0

    "ich" fehlt da noch ..

    15.08.2012, 11:41 von Sultanine
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  • 2

    Dein Text macht mich stark betroffen darüber welches Ausmaß an Leid diese Krankheit mit sich bringt. haste gut beschrieben, finde.

    15.08.2012, 11:40 von Sultanine
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  • 1

    ich kann nichts mit diesen menschen anfangen.
    klingt hart, ist aber so.
    ich stelle mir immer vor, wie sie auf einer einsamen insel stranden, kein mensch da, dem sie ihren mageren körper präsentieren dürfen.
    ich glaube, dann wäre die fresserei ganz weit oben, auf dem tagesplan.

    14.08.2012, 21:56 von Surecamp
    • 8


      diesen menschen ?? Fresserei ??
      Das klingt ziemlich naiv, was du da von dir gibts, ich hoffe, es erkrankt niemand in deinem Umfeld daran... es ist ziemlich tödlich.


      14.08.2012, 22:28 von EliasRafael
    • 1

      Jo, klingt einfältig, isses aber leider auch.

      14.08.2012, 22:35 von Juliie
    • 0

      in den letzten 6 Jahren sind drei Menschen in meinem Umfeld daran erkrankt, ja.
      wie gesagt, ich kann nichts mehr mit ihnen anfangen.

      15.08.2012, 06:54 von Surecamp
    • 3

      Ja, so Menschen und ihre Schwächen nerven.

      15.08.2012, 07:13 von EliasRafael
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  • 1

    Du sagst, wie es ist. Das Gefühl, das du vermitteln möchtest, ist so real und greifbar. Jeder einzelne Absatz schlüssig, wenn auch unendlich traurig.

    14.08.2012, 20:39 von lalina
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  • 1

    Puh, gut ge- und beschrieben.

    14.08.2012, 15:31 von miss_mel
    • 0

      Dankeschön

      14.08.2012, 15:53 von hannarr
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  • 0

    Mir hat es kurz die Luft weggeschnürt beim Lesen...
    unglaublich gut.


    14.08.2012, 08:31 von schnickse
    • 0

      Danke:)

      14.08.2012, 10:45 von hannarr
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