allInclusive 06.09.2006, 00:19 Uhr 33 24

Und ich wollte noch Abschied nehmen

Wie es ist, wenn man glücklich sein muss.

Der Anruf kam an Nikolaus: "Hey, ich bins, der R. wollte dir nur sagen, dass sich dein Exfreund, den du Schlampe einfach fallen gelassen hast, sich gestern den goldenen Schuss gesetzt hat. Hat auch noch ein paar Briefe an dich hinterlassen. Schick sie dir bei gelegenheit zu. " Tuut. Leere. gähnende Leere in meinem Körper. Ich bin wie gelähmt. Und dann fange ich an zu schreien. Ich kann nicht anders. Ich Schlampe. Ich miese Schlampe die so egoistisch war zu entscheiden, dass sie lieber den drogenabhängigen Freund aufgibt als sich selber.
Wie kann man jemandem helfen, der sich selbst schon so lange aufgegeben hat?
Über ein Jahr habe ich ihn nicht gesehen. Und doch immer wieder gehofft. Dass er es schafft, es ihm gut geht. Dass er mir irgendwann verzeihen kann.
Mit vierzehn kann man sowas nicht, oder? Ich konnte es nicht.
Und jetzt das. Der goldene Schuss.
Ein paar Wochen später kommt ein Paket. Ganz oben liegt ein Bündel Haare. Ich soll sie verbrennen, an unserem Baum. Damit wenigstens etwas von ihm nicht unter der Erde vergammelt.
Sein Teddy. Er riecht nach ihm. Mein/Sein Lieblingspullover, den er mir nie schenken wollte.
Und sechs Briefe.
Seine Schrift ist kaum zu entziffern, seine Hände haben bestimmt gezittert. Er schreibt, dass er in einer Klinik war, zum Entzug. Und dass er die gleich verlässt um sich in irgendeiner Ecke die letzte Ehre zu erweisen. Was anderes habe er nicht verdient, nicht nachdem was er mir alles angetan hat. Die Ausraster, das Fremdgehen.
ich war das beste was ihm je passiert ist. Mich liebt er. Immer. Ich bin ihm das wichtigste. Und deshalb will er jetzt gehen. Will, dass ich weiter lebe, ohne ihn. So soll es mir besser gehen. Er guckt mir dann zu, wie ich heirate und die Kinder kriege, von denen er immer geträumt hat.
Diese letzte Handlung ist sein größter Liebesbeweis. Sagt er.
Er ist zu schwach, noch nicht mal ich kann ihm mehr helfen. Dass ich nur ja glücklich werde!
Er schreibt, dass es nicht meine Schuld ist, dass ich mir das ja nicht einreden darf.
Er tut das für mich, aber nicht wegen mir.
Aber ich frage mich, wie man mit diesem Geschenk leben kann, ohne sich schuldig zu fühlen?
" Ich schenke dir mein Leben" "Nein danke, ich nehme lieber einen Gutschein?"
Leider kann man dieses Geschenk nicht wieder zurück geben, nie mehr.
Und deshalb bin ich jetzt verpflichtet, glücklich zu sein.
Und wenn ich weine, dann weine ich Schuldgefühle.
Das Leben geht weiter.
Irgendwie.

24

Diesen Text mochten auch

33 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Drogen richten Schlimmes an, vorallem mit Menschen die man über alles liebt. Ich komm vom Dorf und wurde davon weitesgehend verschont. Eine gute Freundin in einer Großstadt hat sich dem Gift trotzdem hingegeben. Ich war furchtbar in Sorge um sie, vor allem nachdem sich ihr Vater das Leben nahm. Sie beteuerte immer, sie kann jeder Zeit aufhören. Ich hatte miterlebt, wie sie von einer E runterkam, es war erschreckend.
    Die gute Freundin ist meine einzige Cousine und heute raucht sie nicht einmal mehr.
    Ich stell es mir schrecklich vor, mit 14 soetwas durch machen zu müssen und ich kann verstehen, dass man immer Schuldgefühle haben wird, obwohl man für das Unglück des anderen nichts kann.

    26.02.2007, 15:24 von Marrypoppins
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Mich berührt dieser Text nicht nur weil ich damals auch von ihm weggegangen bin und gleiche Gefühle durchgemacht habe, sondern auch weil er ganz nah am Leben geschrieben ist. Danke.

    06.02.2007, 17:28 von syles
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Einfach traurig...ich wunsche dir das beste.
    I have almost the same story but he still live.....
    respect für dich....
    von
    mariga

    12.12.2006, 12:41 von Mariga
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    if you don't know where you are going - any road will get you there

    :-) rainmaker

    10.12.2006, 15:43 von loprainmaker
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Wow...heftig!

      *umarmung in den Raum stellt*

      24.10.2006, 21:16 von Haveltaucher
  • 0

    Du hast Recht Du kannst Das Geschenk nicht wieder zurückgeben, aber Du mußt es gar nicht erst annehmen! Du mußt Dir nicht, bloß er weil er etwas so unverrückbar entschieden hat etwas aufladen was Du gar nicht willst. Du kannst das selber frei entschieden und darfst auch NEIN sagen.
    Bitte mach Dir klar das er den Freitod für sich wählte, für sich ganz allein traf er auch diese Entscheidung.
    Udn Du kannst auf eine von Dir gewählte Art & Weise immer noch Abschied nehmen, es Dein Leben mach das was Du möchtest daraus!

    25.09.2006, 11:47 von sternschnuppchen
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich weiß gar nicht recht, was ich dazu sagen soll. Es ist wirklich krass. Es ist für mich schwer, solche Gedanken nachzuvollziehen. Ich hoffe, dass du es schaffst, auch mit seinem Paket weiterzuleben - und ich wünsche dir, dass du dir wirklich nicht die Schuld gibst. Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich. Eine 14-Jährige kann diese Last nicht tragen!

    11.09.2006, 00:10 von Miriam86
    • Kommentar schreiben
  • 0

    er hat dir nicht sein leben geschenkt, sondern seines verschenkt.
    den einzigen seiner worte, denen ich zustimmen kann, sind:
    "und dass du mir ja glücklich wirst."
    ich wünsche es dir sehr.

    10.09.2006, 21:53 von the_actress
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare