Und dann gibt es diese Momente...
die alles verändern
Frank hat schlecht geschlafen, es ist zu warm, sein Kopf ist zu voll und der Stress der letzten Wochen hat ihn aufgewühlt und mitgenommen. Und dennoch steht er am Bahnsteig und wartet auf seinen Zug zur Arbeit. Frank ist Mitte 20 und erfolgreich. Frank liebt. Frank lebt. Frank führt die seiner Meinung nach beste Beziehung der Welt. Nicht auf romantische Art. Er liebt diese eine Frau, aber ist nicht verliebt. So wohnt dreihundert Kilometer weit entfernt, dennoch ist er fast jedes Wochenende dort. Er liebt es mit ihr zusammen zu sein, er liebt wie sie spricht, er liebt ihre Distanz.
Dennoch sind sie nicht zusammen. Er liebt sie, sie liebt ihn, doch so einfach ist das nicht. Die beiden lieben sich auf eine platonische Art. Sie lieben das gemeinsame Essen, das Reden, die Nähe. Nie haben sie sich geküsst, nie miteinander geschlafen, aber sie sind zufrieden so wie es ist. Sie wollen es so, haben sich aktiv dafür entschieden. Trotzdem plagen sie ihre Gedanken, Frank schläft höchstens 4 Stunden pro Nacht, aber nie durch, unter der Woche ist er der toughe Geschäftsmann, Abends fühlt er sich allein. Ausweg ist nur, wenn sie miteinander telefonieren, dann fühlt er sich vollkommen, dann geht es ihm gut und auch auf die Distanz fühlt er sich ihr ganz nah. Das ist wichtiger als bloßer Sex, als menschliche Begierde, als die körperliche Sehnsucht. Er hat sich ihr geöffnet, sie sich ihm, ihre Seelen sind miteinander verknüpft und doch so unterschiedlich. Frank meint, so könnte das Leben bleiben, gut ein bischen mehr Schlaf, etwas weniger Stress, ein bischen mehr Privatleben, aber das mit ihr, das soll genau so bleiben. Ja in diesen Gedanken hat er sich verliebt. Sofern sowas überhaupt geht.
Nun steht er da am Bahnsteig, übernächtigt, verspannt, orientierungs- und lustlos. Gestern Abend noch war alles anders. Da hat er wieder mit Ihr telefoniert. Es war wieder da, diese seltsame Vertrautheit. Sie haben gemeinsam einen Film geschaut, am Telefon. Ganz still und nur in den Werbeunterbrechungen wurde geredet. Danach haben sie gemeinsam die Zähne geputzt. Er liebt diese Augenblicke. Dieses Zusammenleben auf Distanz. Diesen Seelensex.
Sein Zug will irgendwie nicht einfahren, er ist sowieso schon so spät dran und er ist leer. Da kommt eine Frau die Rolltreppe hoch. Er erkennt sie nicht gleich, sie kommt ihm aber bekannt vor. Als sie näher kommt lächelt sie, sie hat ihn erkannt. Ab jetzt kann es nur noch peinlich werden. Sie begrüßt ihn, mit einer Umarmung. Er durchforstet sein Gedächtnis. Erinnert sich an den Namen Tanja, sie muss Tanja sein, doch wer ist Tanja? Er gräbt weiter in seinem Gedächtnis, seine Friseurin, oder besser gesagt, seine ehemalige Friseurin. Er geht noch immer in den Salon, aber sie war nicht mehr da. Schon lange nicht mehr. Aber immerhin erinnert er sich jetzt. Sie plappert fröhlich drauflos. Ganz Smalltalk-like, so wie sie in ihrem Job darauf gedrillt wird. Sie merkt gar nicht wie abwesend er ist. Er weiß nichtmal was sie da redet, aber er lächelt. Er denkt, dass sie ganz schön hübsch ist. Das ist ihm früher nie so aufgefallen. Sie wirkt nett. Er achtet nun mal auf sie, hört ihr zu, sie ist vom Smalltalk weg. Berichtet, ganz ungefragt und wie einem alten Freund, von den Geschehnissen, seitdem sie von dem Salon weg ist. Sie traut ihm. Frank beeindruckt das. Sie sagt, ihr gefalle, dass er zuhört. Der Zug hat dreißig minuten Verspätung. Fünf davon sind bereits um. Sie redet weiter, er hört ihr zu. Frank ist erstaunt, hat er doch bisher mit einigen Vorurteilen gelebt. Eins davon war, das eine Friseurin nichts für ihn sein kann. Doch er wundert sich, Tanja hat wirklich was im Kopf. Ein Vorurteil mal wieder übern Haufen. Sie gehen in der Bahnhofspassage einen Kaffee trinken. Tanja wird immer klarer für ihn. Nicht so wie sonst alle Menschen nur eine Kontur. Eine Hülle, mit der er nicht viel anfangen kann. Sie wird zu einer kompletten Person und diese Person gefällt ihm. Nachdem sie genug erzählt hat, fragt sie nicht viel nach seinem Leben. Bietet ihm aber ihre Telefonnummer an. Er ist verwundert. Doch sie scheint ihn irgendwie zu mögen.
Einige Tage später treffen sich die beiden. Frank und Tanja. So haben die Beiden es am Telefon verabredet. Während diesem Telefonat haben sie nicht so viel gesprochen. Aber sie fand seine SMS witzig. “Habe ich das heute morgen nur geträumt, oder hast du mir wirklich deine Telefonnummer gegeben? Lieben Gruß Frank”. Sie hat nicht zurück geschrieben, sie hat angerufen. Sie meinte eine SMS wäre ihr zu unpersönlich, aber seine fand sie witzig und süß.
Bei dem Treffen erzählt sie nicht viel. Sie stellt aber die richtigen Fragen, so das Frank erzählt. Sie hört zu. Sie sind in einem kleinen Cafe, mit solch urigen Sofas und Sesseln, wie man sie sonst nur von Oma kennt. Sie fühlt sich sichtlich wohl, er weiß nicht so recht wie er sitzen soll. Er sitzt sehr aufrecht, leicht nach vorn gebeugt. Sie hat sich in einen Sessel gelümmelt und die Beine mit auf der Sitzfläche. “So sitzt sie wohl auch zuhause” denkt sich Frank. Sie verbringen den ganzen Abend miteinander, als sie genug von dem Cafe haben gehen sie spazieren, quer durch die Stadt, durch Parks, durch die Innenstadt, am Unigelände vorbei. Nun erzählt sie wieder. Warum sie Friseurin geworden ist, auch wenn es nicht ihr Traum war und obwohl sie ein gutes Abitur geschrieben hat. Sie erzählt ihm so einiges. Als sie durch den Wald laufen kommt es, dass sich ihre Hände berühren. Instinktiv greifen beide nach der Anderen.
Gegen dreiundzwanzig Uhr trennen sich die Beiden. Er geht heim. Gerade dort angekommen, erhält er eine SMS: “Ich weiß, ich hab gesagt ich mag SMSen nicht, aber das ist eine Ausnahme. Wollte dir nur sagen, dass ich es schön fand mit dir…”. Er ist verwundert. Schreibt aber nicht zurück. Er zieht sich aus, geht duschen und ins Bett. Er schläft sofort ein. Erst am nächsten Morgen wird ihm klar, dass er nicht mehr mit Ihr telefoniert hat. Sie hat ihm nicht mal gefehlt. Er bekommt ein schlechtes Gewissen. Nimmt sich vor Sie noch am selben Abend anzurufen. Macht sich fertig und geht arbeiten. Während der Mittagspause klingelt sein Handy. Tanja ist dran. Sie fragt wann man sich wieder sieht. Er schlägt in ein paar Tagen vor. Sie stimmt zu.
Am selben Abend ruft er Sie an. Sie quatschen lange und ausführlich miteinander. Alles scheint so wie immer. Ganz unbewusst umschifft er das Thema Tanja. Nimmt es nicht so ernst. Obschon es noch ernster wird. Nach vielen Stunden legen sie auf und er sich hin. Er grübelt noch, denn es war nicht so wie sonst. Es scheint, als wenn sie etwas von ihrer Person verloren hätte. Zum ersten Mal konnte er sich nicht vorstellen, wie ihr Gesicht gerade ausschaut. Welche Gestiken sie gerade macht oder in welcher Haltung sie auf der Couch liegt. Es wundert ihn. Es verunsichert ihn. Sie haben etwas an Intimität verloren. Es beängigst ihn.
Er trifft sich noch einige Male mit Tanja. Er ist glücklich mit ihr. Erst nach einigen Wochen kommt es zu einem Kuss. Sie unternehmen nun mehr und sind dabei nicht mehr nur immer Unterwegs, sondern auch mal bei ihm oder bei ihr. Jedes Mal wenn er und Tanja zusammen sind telefoniert er nicht mehr mit Ihr. Doch jedes Mal wenn er mit Ihr telefoniert, verliert sie ein bischen Persönlichkeit, wird immer mehr zur Kontur. Das Sie eifersüchtig ist macht die Sache dabei nicht besser. Er ist dabei sich in Tanja zu verlieben. Sie fragt ihn, ob dann überhaupt noch Platz für Sie wäre und er sagt Ihr, dass keine andere Frau Sie ersetzen könnte. Davon ist er auch überzeugt.
Das mit ihm und Tanja geht nun schon ein paar Monate. Er war nun auch schon einige Zeit nicht mehr bei Ihr, die Telefonate werden immer seltener und immer kürzer. Ist da vielleicht doch nicht mehr genug Platz für Sie? Aber das mit Tanja ist doch gerade so schön. Schließlich schläft der Kontakt mit Ihr ganz ein. Er merkt es nichtmal. Dafür wird das mit Tanja immer toller. Er schläft wieder ordentlich, fühlt sich nicht mehr allein, auch nicht wenn sie mal nicht zusammen sind. Sie teilen inzwischen einige Hobbies, ja sogar seine Freunde kennen sie, also Tanja, schon. Es ist toll. Doch irgendetwas fehlt ihm. Er kann es noch nicht so genau identifizieren. Es vergehen einige weitere Monate, ohne das er dieses Fehlen identifizieren kann. Doch dann gibt es diese Momente die alles verändern.
Sie steht vor ihm.
Leibhaftig und in Farbe. Sie ist zu ihm gekommen. Zum ersten Mal in seinem Leben und sofort fällt Frank auf was ihm gefehlt hat. Sie. Sie will ihn Umarmen. Doch das lässt er erst gar nicht zu. Sondern küsst Sie. Nicht wie man eine Freundin küsst und auch nicht wie man eine Schwester küsst. Sondern richtig. Sie erwiedert den Kuss. Und obwohl er weiß, dass es falsch ist, dass er das nicht tun sollte. “Was ist mit Tanja? was ist mit der Frau mit der er zusammen ist? Was ist mit dem, was sie sich in den paar Monaten aufgebaut haben? Was ist mit dem verliebt sein? Das alles zählt nicht mehr. Das hier ist richtig. Das ist wie es sein soll. Das hier hat das Loch geschlossen. Das hat ihn komplett gemacht. All das erkennt er nun. Noch am selben Abend fährt er mit Ihr. Er kehrt nicht mehr zurück.




Kommentare
mh wieder ein text wo ich nich weiß ob ich ihn mag.
18.11.2009, 13:47 von Suselwuselaber auch hier wohl eher ja als nein. berührt. und lässt grübeln.
Wow, ein wirklich ausgeklügelter wechsel zwischen tanja und Ihr.
22.07.2009, 21:32 von Jane_RoxyDer allerletzte Satz ist doch hoffentlich nur auf die Gefühlsebene bezogen, sonst wäre er doch etwas arg unrealistisch?!
sehr schön geschrieben...und schon wieder fühle ich mich so alsob du passagen aus meinem leben erzählst :)
07.07.2009, 19:09 von HappybiestIch find, es ist eine schöne Geschichte. Ich war von Anfang an auf der Seite von "Ihr".
10.06.2009, 18:12 von meerischEine seltsame Geschichte, und etwas zu lang(?)
02.06.2009, 18:34 von Tanea