Nana777 23.10.2017, 18:50 Uhr 3 2

Und dann bin ich gesprungen...

Nicht mehr Wir, nicht mehr Du und Ich, nur noch Ich

Du und Ich, das war etwas Besonderes. Der Anfang war nicht aufregend. Es war kein großes Abenteuer. Wir sind da ganz langsam rein geraten, Schritt für Schritt. Jeder ist seinen Weg gegangen und irgendwann haben wir uns getroffen. Wir sind nicht gemeinsam nach oben gelaufen, wir hatten nur zufällig das gleiche Tempo, aber dir gehörte der rechte Wegesrand und mir der linke. Allein und doch zusammen. Dann kamen die ersten Felsen. Du hast mir deine Hand gereicht, mir nach oben geholfen und es ging weiter. Stück für Stück. Wir haben uns langsam angenähert. Erst waren da kleine Sätze, dann wurden daraus Gespräche. Irgendwann sind wir beide in der Mitte gegangen, haben zusammen gelacht, haben aufeinander gewartet. Als dann die Kreuzung kam, an der ich abbiegen wollte, hast du meine Hand genommen und einfach nicht mehr losgelassen und es war klar. Du und Ich, wir waren jetzt ein Wir. Von nun an war es ein gemeinsamer Weg. Und es war gut so. Wir haben die kleinen Hürden gemeistert, wir haben uns Stück für Stück nach oben gearbeitet, aufeinander gewartet, immer mit dem Gedanken, gemeinsam den Gipfel zu erobern.

Auf einmal war da Licht. Wir waren oben. Auf den letzten Metern haben ein paar Dornen meinen Arm gestreift. Aber der kleine Schmerz und das bisschen Blut waren egal. Du hast dir Sorgen gemacht, dass es mir weh tun könnte, dass es deine Schuld war. Aber wir wollten doch beide hinauf, wir sind da gemeinsam rein geraten. Wir wollten beide nach oben und als wir dort standen und die Sonne die Klippe erleuchtete, war der Moment perfekt. Doch auf einmal waren da Wolken. Groß und schwarz und wir fragten uns beide, wie wir das nicht bemerken konnten. Hatten wir nicht weit genug nach vorne geschaut?

Ich wusste, wir mussten weiter. Oben auf den Klippen war kein guter Ort für mich, für uns. Du wusstest auch, dass ich nie den gleichen Weg zurückgehe, dass es nur nach vorne gehen kann. Also standen wir beide am Rand der Klippe und haben hinuntergesehen, sahen das Meer unten rauschen. Ich habe deine Hand genommen, auf einmal war ich die Mutigere. Während du nach hinten geblickt hast, dich umgeschaut hast, voller Zweifel, habe ich all meinen Mut gebündelt und Anlauf genommen. Wir hielten uns noch an den Händen, aber dein Griff wurde lockerer. Du meintest, du wüsstest nicht, ob du das kannst. Ich habe dir gesagt, dass du das nie weißt, bevor du es versucht hast. Ich habe dich angebettelt mit mir zu springen. Wir wussten doch beide nicht was kommt, aber zusammen haben wir es bis hierher geschafft, was sollte uns aufhalten?

Also habe ich deine Hand noch fester gehalten, die Augen geschlossen, alle Zweifel über Bord geworfen und bin gesprungen. Und noch im Sprung bist du mir entglitten. Du standst einfach da, hast mir nachgeschaut, hast zögernd nach hinten geblickt und nichts getan. Im Fallen habe ich dich noch gesehen, ich wünschte mir so sehr, dass du hinterher springst, dass du kommst, dass wir gemeinsam in unsere Zukunft fallen. Keiner wusste, wie die Landung sein würde, aber wenn wir es nicht versuchten, wie sollten wir es dann wissen?

Und dann war es soweit. Ich bin aufgekommen, das Wasser war eiskalt und hat mir die Luft genommen. Mir wurde klar, ich bin allein. Nicht mehr Wir, nicht mehr Du und Ich, nur noch Ich. Voller Panik bin ich gepaddelt, hab mich nach oben gekämpft, bin wieder untergegangen und dachte ich überlebe es nicht. Dachte, dass es falsch war zu springen. Aber dann habe ich mich erinnert, dass ich schwimmen kann. Vielleicht nicht perfekt, aber gut genug um weiter zu machen. Und ich bin geschwommen, Stück für Stück weg von den Klippen. Als ich mich umblickte konnte ich dich noch oben stehen sehen.

Manchmal wünsche ich mir, du würdest mich noch einholen. Aber mittlerweile bin ich am Strand angekommen und gehe weiter und wenn das Wasser getrocknet ist und die Klippen nur noch ein kleiner Punkt am Horizont sind, dann ist es zu spät. Dann ist das letzte was von dir bleibt ein kleiner Kratzer an meinem Arm, der mich an dich erinnert. An den einen, der zu feige war zu springen. Was ist wohl aus dir geworden? Stehst du immer noch auf der Klippe und wartest darauf, dass dir jemand die Entscheidung abnimmt? Bist du umgekehrt und hast dir einen sichereren Weg gesucht? Oder springst du doch noch und versuchst mich einzuholen?

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3 Antworten

Kommentare

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    Der ist schön...richtig schön..ich kenne diesen Strand, den laufe ich auch gerade entlang, nachdem ich genauso gesprungen bin. Nur er ist umgekehrt..er wird nicht mehr springen...er ist in seine Sicherheit zurückgekehrt...und ich, ich laufe jetzt alleine weiter

    26.10.2017, 11:14 von ichbinich03
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    Natürlich zu feige. Was denn sonst? Mut ist nicht jedermanns Sache.

    24.10.2017, 14:27 von PaulR
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    Zu feige...?

    24.10.2017, 07:35 von sailor
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