schreiberlehrling 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 2

Und da stehst Du und siehst mich nicht.

Ich sehe Dich an, versteckt. Ich brenne immer noch für Dich, heimlich. Aber Du stehst da und siehst mich nicht. Oder siehst du mich nur nicht an?

Und da stehst Du und wankst und siehst mich nicht. Oder siehst Du mich nur nicht an? Ich kann Dich ungestört ansehen, durch die Menschen hindurch, die um uns herumstehen und mich verstecken.


Du wankst und kuckst geradeaus nach vorne, Du setzt die Bierflasche an Deine Lippen und trinkst und alles an Dir wankt. Die Flasche, Deine Hand, Dein Blick, Du. Ich wanke nicht. Ich würde es gerne, wenn ich Dich sehe, weil es wieder weh tut. Normalerweise wanke ich dann auch, aber heute nicht. Heute kann ich mich nicht in den schützenden Nebel aus Alkohol und Zigaretten einwickeln, der mich nur ein dumpfes Ziepen spüren lässt. Nein. Heute nicht. Heute fühle ich alles. Wie ein Brennen unter der Haut, in meinem Innersten. Mein Herz brennt, mein Magen brennt, alles in mir brennt. Von außen bin ich kühl und unberührt. Ich unterhalte mich und lache mit meinen Freunden. Ich behalte Dich unbemerkt im Auge. Wer ist die, die bei Dir steht? Deren Hand Du gehalten hast, als Du zur Tür herein gekommen bist? Wer ist die, die bei Dir steht? Mit der Du Dich jetzt unterhälst und lachst. Beide sind nicht Deine Freundin. Deine Freundin, mit der ich Dich schon gesehen habe. Mit der Du glücklich ausgesehen hast. Deine Freundin, die Du diesen Sommer heiraten wolltest. Deine Freundin, mit der Du schon zwei Jahre zusammen warst, als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben. Deine scheiß beschissene Freundin, an deren Stelle ich sein sollte.


Vor drei Jahren haben wir das letzte Mal miteinander gesprochen. Du hast mich vorbeigehen sehen, wolltest, dass ich mich neben Dich setze. Du wolltest mit mir reden, Du hast das Gespräch angefangen. Ich war wie gelähmt, vor Glückseligkeit. Das erste Mal, dass wir miteinander gesprochen haben und gesagt haben, was wir wirklich fühlen. Was wir wirklich denken. Was wohl aus uns geworden wäre, fragst Du Dich oft, hast Du gesagt. Dass du seit zwei Jahren eine Freundin hast, hast Du gesagt und irgendwie verdrossen dabei gelacht. Ich weiß nicht, was aus uns geworden wäre, aber ich frage es mich auch oft, habe ich gesagt. Ich frage mich das noch immer und viel zu oft. Ich weiß, dass Du eine Freundin hast und dass Du sie schon zwei Jahre lang hast, habe ich gesagt. Seid ihr doch schon an mir vorbeigelaufen, Arm in Arm, und Du hast mich behandelt wie Luft. Du hast mich angesehen und angelächelt. Du hast Dich gefreut, neben mir sitzen zu können und mit mir reden zu können. Auch wenn wir uns nie richtig hatten, vermisse ich Dich noch immer. Ich vermisse es, mit Dir zu reden und mit Dir zu lachen. Ich vermisse es, das Morgengrauen mit Dir zu erleben, irgendwo im Wald oder auf einem Hügel. Nur wir zwei. Du und ich. Ich vermisse es wie Du riechst und wie Du Dich anfühlst. Ich vermisse es wie Du mich küsst und wie Du mich umarmst. Und ich vermisse es, wie ich in Deiner Umarmung alles vergessen, fallen, loslassen kann.


Bald sind 10 Jahre vergangen. Bald sind 10 Jahre vergangen, seit unserem Sommernachtstraum. Bald sind 10 Jahre vergangen, seit wir uns gefunden und wieder verloren haben. Bald sind 10 Jahre vergangen, dass es auf der Mauer geendet hat Aber wirklich vorbei, war es nie. Ist es immer noch nicht.



Ich sehe Dich an, versteckt. Ich brenne immer noch für Dich, heimlich. Aber Du stehst da und siehst mich nicht. Oder siehst du mich nur nicht an?


Tags: liebe
2

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare