Loewenherzin 03.02.2012, 21:36 Uhr 1 4

Umziehen

Warum ich von heute auf morgen mein Leben wegwarf.

Ich fand schon immer, dass Umziehen mit weniger als nichts am einfachsten ist. Ich habe vier Umzüge in fünf Jahren hinter mich gebracht und jedes Mal habe ich nichts mitgenommen, kein Sofa, keine Decke, kein Schmusekissenund keinen Strumpf. Ich habe ein halbes Jahr lang Kleidungsstücke aus einem Müllsack geklaubt, weil ich einen Kleiderschrank so unnötig fand. Besitz fand ich lästig. Lästig und schwer.

Als ich vor fünf Jahren von einem auf den anderen Tag mein altes Leben weggeworfen habe wie ein Kleidungsstück, das noch intakt, aber nicht mehr schick ist, da haben mich ziemlich viele Leute für ziemlich verrückt erklärt. Am Donnerstag bin ich umgezogen, am Freitag wurde ich gefragt: "Kommste auf die Party?"
Ich so: "Nee, ich wohne jetzt in einer anderen Stadt."

Ich fand das cool. Und mutig. Die verwegene Abenteurerin, die mit weniger als nichts in die Welt hinaus geht und von vorne anfängt, nichts aus ihrem alten Leben mitnimmt. Nicht einmal den zerfledderten Schuhkarton, in dem sie Liebesbriefe aus Teeniezeiten gesammelt hat. Und einige Zeit habe ich mich mit dieser Anekdote ausgeschmückt, mir den Stempel des lustigen Freaks aufgedrückt.

Aber die Wahrheit ist, dass ich glaubte, zerbrechen zu müssen, wenn ich noch einen Tag länger in unserer Heimat bleibe. Ich wusste nicht, wie ich das hätte schaffen können. So viele Orte, die mich an dich erinnerten und die Menschen, die nach dir fragten. Nach dem Warum. Ich hätte darauf nicht mehr als ein Schulterzucken gewusst, ein sehr müdes Schulterzucken. Ich fand es eine Million mal einfacher, einen Rücksack mit einer Zahnbürste, ein Paar Unterhosen, zwei Paar Strümpfen und einer Wechseljeans voll zu packen und in die nächst beste Stadt zu fahren, um niemals einen Blick zurück zu werfen, als mich diesem Schmerz zu stellen, den du verursacht hast, als du von heute auf morgen in dein Schweigen zurück gefallen bist.

Und tatsächlich ist genau das auch sehr viel einfacher gewesen, mit dem Schmerz lebe ich nämlich noch heute. Da hilft es auch nichts, dass du mich vor zwei Jahren morgens um 3 angerufen hast, um mir zu sagen, dass ich die einzige Frau sein werde, die du je geliebt hast. Und je lieben wirst. Dass du schon so viele Frauen angesehen, aber niemals mich in ihrem Gesicht, in ihren Augen, gesehen hast. Es hilft auch kein bisschen, dass du mich ein anderes mal anriefst, um mich durch das Telefon hinweg anzubrüllen.
"Bist du glücklich?", hast du gebrüllt.
"Ja? Bist du glücklich?"
Ich kann mich erinnern, wie meine Fingernägel sich in das Holz eines Zauns gebohrt haben, wie die Knöchel weiß hervor traten und wie ich mir auf die Lippe gebissen habe. Ich erinnere mich, wie ich die Träne mit dem Handrücken aus dem Augen wischte und das Schluchzen wieder runterschluckte und stattdessen eine Zigarette rauchte, obwohl ich nie rauche, das Rauchen verabscheue.

Und wie ich später unter einem mit Sternen übersäten Himmel nach Hause ging, die Arme ausbreitete, die Augen schloss und schrie: "Ich bin frei! Ich bin frei! Ich werde immer frei sein!"
Ich kann mich an den Wind erinnern, der meine Stimme über die Felder trug, wie ich hoffte, hin zu dir, dass sie wie ein Echo durch deinen Kopf und dein Herz hallt.

Ja, der Schmerz, der ist heute ein bisschen wie so eine Operationsnarbe, bei denen Patienten über Feinfühligkeit klagen, über Schmerzen bei schlechtem Wetter. Ich habe mir tatsächlich ein neues Leben aufgebaut, ich bin fast ein anderer Mensch geworden. Der Sonnenaufgang, den wir in deinem Auto auf einem verdreckten Parkplatz beobachtet haben und bei dem du mir ein halbes Croissant in den Mund gestopft hast, der ist so weit weg, dass ich in meiner Erinnerung wie in einem Geschichtsbuch zum vorherigen Jahrhundert blättere. Es ist wie nie geschehen, nie gewesen. Aber mein Herz. Junge, mein Herz. Und meine Träume. Vor allem die.
Manchmal sitzen wir in diesen Träumen in deinem Auto und ich verspreche dir mit erstickter Stimme: "Ich komme zurück, eines Tages komme ich zurück zu dir. Das kann ein paar Jahre dauern, vielleicht sogar Jahrzehnte. Aber eines Tages bin ich wieder da."

Wenn mir ein Mädchen diese Geschichte erzählen würde, ich würde milde lächelnd abwinken: "Teeniescheiße".
Und so denke ich auch darüber. Jugendliebe. Die erste große Liebe. Ich meine, es ist acht Jahre her, das mit uns. Das ist wie ein halbes Leben und ich weiß, wovon ich rede. Ich habe mir ein neues innheralb von vier Jahren ein neues aufgebaut.

Und in diesem bin ich auch sehr glücklich. Es ist nur so, dass ich manchmal über deine Fotos stolpere und mir dann der Atem stockt, dass ich die Postkarte berühre, auf der du mir in deiner Handschrift schriebst und ich mir vorstelle, wie du am Strand sitzt, einer Frau auf den nackten Arsch glotzt und mir die liebsten Grüße wünscht.

Ich glaube nicht, dass wir zusammen sein sollten, auch nicht, dass es ein Fehler war, vor dem Schmerz zu flüchten. Alles war gut und richtig so. Aber wozu dann? Wozu die Gedanken, die Träume, Erinnerungen? Wozu hoffe ich manchmal am Abend, vor dem Einschlafen, dass ich dich noch einmal wiedersehen darf? Ich möchte ja gar nicht viel, dich nicht küssen, nicht einmal umarmen. Nur einmal ansehen, das kohleschwarze Glühen in deinen Augen, das verschmitzte Grinsen. Weißt du, ich war damals schon glücklich, wenn wir beide im selben Raum voller Menschen gewesen sind und uns angesehen haben. Mehr brauchte es nicht, um mein Herz auszufüllen.

Ich wollte dir das nur einmal sagen. Also dass ich damals nicht gegangen bin, weil ich unbedingt diese eine Sache machen wollte, sondern weil ich den Schmerz nicht ausgehalten habe.

Mittlerweile stehe ich mit beiden Beinen fest im neuen Leben, ich bin glücklich, ich atme, lebe, arbeite und all das Zeug, das man so macht, und weißt du was? Es ist jetzt fünf Jahre her, dass ich dich zuletzt gesehen habe, zwei, dass wir miteinander telefonierten und ein halbes, dass wir miteinander sprachen. Ein Gespräch, das ich mit "Schlaf schön, du komischer Mensch" beendet habe.

Die Wahrheit ist, ich glaube, wir werden uns niemals trennen. Niemals, auch wenn wir niemals zusammen sein werden.







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1 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich kann mich mit deinem Text so gut identifizieren..
    Danke schön..<3

    04.02.2012, 00:00 von UnterMeinerHaut
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