blueschen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 65 35

Umdrehen und Gehen

Ich bin zu betrunken um einen richtig coolen Abgang hinzukriegen.

Ich hatte mir die richtigen Worte für diese absolut kaputte Situation schon vor Tagen zu Recht gelegt. Ich wusste genau was ich sagen würde. Cool bleiben. Durchatmen. Dann die Erste sein, die all das ausspricht was auch er denkt.

Ich hatte mich vorbereitet. Meine Haare hatten seit langer Zeit mal wieder eine ordentliche Frisur bekommen. Störende Haare an meinem Körper hatte ich auf schmerzhafte Art entfernt, auch da, wo es besonders wehtat. Streichelzart fühlte sich meine Haut nun an. Ich wählte meine Kleidung mit Bedacht, meine Unterwäsche passte endlich mal zu einander. Einen Hauch Make-up ins Gesicht, um das Wichtige (die Augen) hervorzuheben und das Unwichtige (kleine Unreinheiten) zu verdecken. Es wäre nicht nötig gewesen, das wusste ich, aber ich tat es nicht für ihn, sondern für mich. Wenn ich schon mit einem Nein leben muss, dann will ich mich dabei wenigstens wohl in meiner Haut fühlen.

Es war nur eine Nacht und ein Tag. Wie viele Hoffnungen kann so was doch hervorrufen? Wir wollten beide nicht nach Hause. Warum auch. Wir hatten uns amüsiert. Die Nacht war noch jung. Ich gut gelaunt mit ein paar Bier intus. Er musste noch zu einem Geburtstag. Also ging ich mit. Es wäre ok, sagte er. Aber nur auf ein Bier, antwortete ich.

Der Weg hat eine Ewigkeit gedauert. Blöde Idee gewesen zu laufen, einmal durch die halbe Stadt. Wir hätten die Bahn nehmen sollen, aber wären wir uns dann so nahe gekommen? Irgendwann bin ich auf den Gepäckträger seines Fahrrades gesprungen und habe mich rückversetzt gefühlt in Jugendjahre, als es noch normal war, auf jemandes Gepäckträger mitgenommen zu werden.
Zwei Bier hatten wir Zeit, in einer Ecke zu stehen und zu albern, dann war die Feier zu Ende und alle wollten noch woanders hin. Ich auch, aber nicht mit ihnen mit und auch nicht nach Haus. Allein nach Haus an einem Abend, der so voller Hoffnung lag? Alles hätte ich besser gefunden.

Uns zu küssen hat Überwindung gekostet. Mich viel mehr als ihn. Drei Anläufe brauchte er und dann hatte er mich endlich so weit. Ich hob den Kopf und öffnete meine Lippen. Einfach nur küssen, mitten im Gedränge der Freitagabend-um-die-Häuser-Zieher. Ich komme mit zu dir, wenn du dort Wasser und eine Zahnbürste hast, sagte ich. Wenn du mitkommst, werde ich nicht mit dir schlafen, antwortete er. Ja, klar.

Alles leere Versprechungen, das wusste ich spätestens, als wir in seinem Zimmer standen und er die rote Pornobeleuchtung rund um sein Fick-mich-Wasserbett anstellte. Ich lachte. Sollte ich bis zum Äußersten gehen? Oder nach Haus verschwinden? Von hier aus wäre es gar nicht mehr so weit gewesen. Erstmal was trinken und eine Zahnbürste benutzen, um diesen Biergetränkten Aschenbecher aus meinem Mund zu bekommen. Dann etwas Bequemes anziehen und ins Bett, küssen, kuscheln, fummeln, kein Sex. Gut so, brav.

Am nächsten Morgen wachküssen, wachkuscheln und dann doch der hemmungslose Guten-Morgen-Sex, auf den ich schon in der Nacht gewartet hatte. Küssen, kuscheln, küssen und zum Frühstück bleiben. Was für eine Art One-Night-Stand war das hier eigentlich? Ich hätte gehen sollen, als er die Wohnung verließ um Brötchen und ein paar Leckereien zu holen. Hätte mich anziehen sollen und abhauen. Aber ich blieb. Etwa weil die Hoffnung auch blieb? Zwei Stunden Kuschel-Picknick im Wohnzimmer. Zwei Stunden küssen und lachen und albern und Streicheleinheiten. Es war schon nachmittags, mein Leben wartete auf mich. Ich hätte mich aufmachen sollen, aber ich kam nicht los. Er hielt mich ständig fest, geküsst, umarmt, umbeint. Und dann doch wieder ins Bett und mehr von dem Mann getrunken und den Dingen, die er mit mir machte, obwohl er etwas anderes versprochen hatte.

Ich ließ mir Zeit an diesem Abend, beobachtete ihn, sah mich um. Seine Party, seine Leute, mich kannte dort niemand. Was hatte ich erwartet? Dass er mich einlud, um mich zu sehen? Feiern war das Motto! Ich war blöd genug zu kommen, also konnte ich ruhig auch blöd genug sein etwas zu trinken und mich in fremde Gespräche einmischen. Nicht mein Terrain, nicht meine Leute, ich hatte also einen Freibrief für alle erdenklichen Peinlichkeiten. Vier Stunden und gefühlte zwölf Bier (die genaue Menge will mir partout nicht einfallen) traute ich mich, ihn zum Abschied vor die Tür zu bitten.

Also, das wird jetzt ein ernstes Gespräch was, fragte er. Und fing sofort an sich zu entschuldigen und diese ganze Nacht und diesen ganzen Tag und diese ganze Nähe als Nichtigkeit abzutun. Es war schön, klar. Du bist toll, echt. Ich kann verstehen, dass du dir da mehr erhofft hast. Ich mein, klar magst du mich, das sehe ich dir an…

Moment! Ich wollte mich verdammt noch mal nicht mit irgendwelchen Nettigkeiten wegen nix abspeisen lassen. Ich wollte dich selber abspeisen. Es war schön mit dir, ja, ich gebe es zu, aber mehr nicht. Vielleicht Freundschaft. Aber so eingebildet wie du bist, glaubst du eh nur, dass ich die Hoffnung habe, dass du doch merkst wie toll ich bin. Ganz ehrlich, sooo geil bist du auch wieder nicht, dass ich dir Ewigkeiten hinterher laufen werde und mich frage, wie ich dich nun noch mal in mein Bett bekomme.

All das wollte ich sagen. All das blieb mir im Halse stecken. Die vielen Überlegungen vorher, die vielen Gespräche mit meinem Spiegelbild, alles für die Katz. Ich bin eine uncoole graue Maus, die dachte Käse gefunden zu haben, dabei war es nur Schimmel.

Ich drehte mich um und ging. All meine enttäuschte Hoffnung ließ ich neben ihm stehen.

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65 Antworten

Kommentare

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    Ich weiß gar nicht, was an einem solchen Abgang auszusetzen wäre. Sowas ist doch kein Wettbewerb, wer abgebrühter ist. Im Gegenteil, irgendwelche meist doch allzu durchsichtigen "Bäh, ich wollt dich eh nicht"-Manöver fänd ich in so einer Situation sogar eher albern. Klänge verdächtig nach Fuchs, dem die Trauben zu hoch hingen.

    Du hast dich drüber getraut; es ist nix draus geworden, du hast es elegant akzeptiert, ohne eine Szene oder dir selbst was vorzumachen. Find ich bewundernswert.

    Natürlich schmerzt es das Ego, wenn er sich als schon als großer Herzensbrecher wähnt, bloß weil man selbst ein bisschen mehr Potential gesehen hätte. Aber im Grunde hast du dir grad selbst bewiesen, dass du eine Zurückweisung ohne weitere Peinlichkeiten wegstecken kannst und darauf solltest du eigentlich stolz sein. Dieses Wissen gibt dir eine Handlungsfreiheit, die viele Menschen nicht haben.

    27.05.2010, 21:29 von sohalt
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    hmmm...irgendwie traurig...ist doch scheiße, immer diese unverbindlichkeit...wieso müssen wir immer miteinander spielen? ätzend....na ja, besser so, als wenn sich der typ, noch bevor man aufwacht, verpisst...*lach* diese situation ist nämlich erniedrigender! aber gut gemeistert deinerseits... :)

    26.05.2009, 13:41 von invi27
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    Gefällt! Umdrehen, gehen und die Hoffnung da lassen, damit sie nicht mitkommt und fies von der Seite grinst. Perfekt!

    08.12.2008, 11:39 von Jubeljulia
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    Ja das hatte ich auch vor, jetzt ist er mein Freund und wir sind verdammt glücklich...
    Es gibt halt auch noch Männer, die wissen, was sie an uns Frauen haben ;)
    Vor allem hab ich ihm das alles vor den Latz geknallt und er hat mich einfach geküsst und gesagt, dass es ihm Leid tut und er einfach nicht in der Lage war mir die Warheit zu sagen^^

    06.12.2008, 11:42 von yukineko
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    kommt mir sehr bekannt vor.
    gefällt.

    11.11.2008, 15:52 von LEN.
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    So, oder so ähnlich ist mir das auch schon passiert...
    Du hast die Situatuation toll in Worte gepack!

    29.10.2008, 09:08 von Wabun
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    jawohl!
    mag ich!

    11.10.2008, 02:20 von dasMaedi
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    oha
    jajaa
    sowas in der art kennt man doch...
    aber...top geschrieben!!!

    11.10.2008, 01:21 von die.grinsekatze
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    fand ich toll zu lesen. mehr hab ich leider auch nicht zu melden.

    04.10.2008, 17:05 von Schnarf
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    also ICH finde, dass

    erstens solche kuschelnummern tausendmal besser sind als der übliche ons, weil doch in wirklichkeit diese nähe das ist, was man beim single-sein vermisst, alles andere kann mein vibrator auch

    zweitens dass also der typ sich eigentlich nicht wirklich scheiße verhalten hat, er hat ja nix von beziehung gesagt, ausserdem muss man jemanden ja auch erstmal ein wenig kennenlernen, bevor man weiss, ob mehr draus werden kann. ist man ja nicht gleich ein arschloch deswegen

    drittens du hättest auf der party einfach gehen sollen, wenn dir tatsächlich nichts an ihm lag. mit dem verlangen nach einer "ich-servier-dich-nochmal-schön-ab"-nummer bist entweder du der arsch oder du hoffst innerlich, das gegenteil zu bewirken...

    leider fühlt es sich mies an, der part zu sein, der offensichtlich mehr gefühle investiert, aber so gehts im leben. das nächste mal willst du vielleicht einen nicht, der dich will...

    der teil mit dem fantastisch-aussehen-wenn-schon-eine-abführ-kassieren find ich super, da hab ich mich wiedererkannt.

    25.09.2008, 14:16 von poca
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