Über uns schreiben
Vom kläglichen Versuch einer Schreibtherapie
Ich setzte mich hin und sehe der kleinen Linie auf dem Word Dokument beim Blinken zu. Sie blinkt ein wenig schneller als mein Herz und auch viel stetiger, ohne sich von Gedanken, Erinnerungen, oder eventuellem Handyklingeln oder Liedwechsel im Radio beeinflussen zu lassen. Mein Herz ist definitiv viel schneller zu beeinflussen. Handyklingeln, oder das Ausbleibenden dessen, sind wie Gaspedal, oder Bremse. Lieder im Radio, die eigentlich nur von dir handeln haben den gleichen Effekt, mal fröhlich, mal traurig. Meine Finger fangen an zu tippen "Mein Herz ist wie ein pubertierendes Mädchen, viel zu leicht zu beeinflussen." Da fällt mir ein, dass ich mir damals mit 14 die Haare blondierte als du sagtest, dass du nur auf blonde Mädchen stehst. Ja, so traurig es ist, der Vergleich hält.
Ich grabe weiter in meiner Gefühlswelt, in meinen Gedanken. Ich möchte über uns schreiben, möchte über mich schreiben, mein Herz und meinen wirren Kopf. Denke, wenn ich später meine Zeilen lese kann ich wenigstens verstehen. Und wenn nicht das, dann habe ich wenigstens etwas daraus geschaffen, aus dem Wust in meinem Kopf. Der Kursor blinkt weiter und ich denke nach. Was will ich denn sagen? Habe ich überhaupt etwas zu sagen? Das bezweifel ich schon seit Längerem. Die Beweise dafür sind zahlreich. Zum Beispiel spricht das Verhalten meiner Hände, meines Bauches und vor allem meines Mundes definitiv dagegen. Die machen eigentlich immer was sie wollen und meist gegen den gut gemeinten Rat meines Kopfes, aber auch dem meiner engsten Freunde. Diese können nämlich schon lange nicht mehr verstehen, warum sich mein Körper so breitwillig, so gleichgültig, und so gerne immer wieder in das gleiche Messer schmeisst. Mit Anlauf, mit Leidenschaft, mit einem tückischen Grinsen auf dem leicht wahnsinnigen Gesicht. Warum? Weil das Messer so schön ist und der Eintritt der Klinge beweist, dass der Körper noch lebt. Aber das Messer bleibt nicht, und erst wenn die Klinge herausgezogen wird, wird das hinterlassene Loch sichtbar. Und fühlbar. Ich muss es stopfen. Und was wäre besser dieses Loch zu stopfen als die die Klinge, die es verursacht hat? Ja, ich weis, sehr viel, eigentlich alles, das will ich aber doch gar nicht hören.
"Wir haben ein Verfallsdatum" schreibe ich. Das ist ziemlich blöd, habe ich doch gerade eben einen Text über Verfallsdaten gelesen. Wäre es nicht langweilig, ja fast sogar Diebstahl, diese Idee zu verwenden? Aber es passt so gut. Wir rennen durch unser Leben, nebeneinander, mal muss einer schneller rennen um mit dem Anderen mitzuhalten. Wir rennen und rennen, immer den Blick auf den Horizont gewannt, auf den Punkt wo sich unsere Wege unweigerlich trennen. Nein, es gibt keine böse Stiefmutter, auch keine Familienfehde wie bei Romeo und Julia, die uns arme Königskinder auseinander hält. Das sind wir selber. Unsere Träume und Entscheidungen. Unsere Erwartungen vom Leben. Was ich vom Leben will, was ich geplant habe, bist nämlich nicht du. Die einzige Rolle, die du darin spielst ist die des alten Freundes zu Hause, den man zu Weihnachten sieht, zum Geburtstag anruft, dem man zum Nachwuchs gratuliert und dem auf der eigenen Hochzeit ein Tanz reserviert wird. Der ein Teil meiner Kindheit hält und mit dem man sich einmal im Jahr über Glühwein Geschichten von früher erzählt.
Ich lese mir durch was ich bisher geschrieben habe. Es ist teilweise total zusammenhangslos. Ich versuche die Textstücke herumzuschieben, anders anzuordnen, aber einen Zusammenhang suche ich vergeblich. Dann gebe ich auf. Warum einen erfinden wo keiner ist? Ich stehe auf um mir einen Kaffee zu holen, rauche auf dem Weg eine Zigarette. Durch das geöffnete Fenster dringt klare Winterluft hinein, sie schmerzt in den Lungen und jagt eine Armee von Gänsehautknubbeln über meine Beine und Arme. Es gibt verschiedene Arten von Gänsehaut. Die wegen Kälte und die wegen Emotionen. Und dann die Gänsehaut, die ich bekomme wenn du, erschöpft vom Küssen und Spühren, im Halbschlaf auf die Seite rollst und einen Arm locker über meine Tallie fallen lässt. Keine echte Umarmung, aber so etwas wie eine Gewohntheit. Ein irrationales Vertrauen, dass ich da bin, mit absoluter Selbstverständlichkeit. Ich will selbstverständlich sein. Was ein bescheuerter Wunsch. Ich lösche die Zeile, schreibe sie nocheinmal, lasse sie so stehen, und fühle mich noch eine Weile wie ein dummes Huhn.
Langsam fange ich an, die Zeilen voll hübscher Worte, die irgendwie meine Gefühle beschreiben sollen, zu verachten. Das ist keine Kunst, das ist Wahnsinn. Warum schreibt jemand sowas? Weil man stolz ist auf genug Wahnsinn um ein echter Künstler zu sein? Weil man mehr leidet als Andere? Oder damit jemand den Text liest und denkt: "Wow, da gibts noch mehr Menschen da draussen, die so dumm sind wie ich"? Vielleicht auch für Kommentare wie "Soviel Ehrlichkeit" oder "passende Worte gefunden", oder sogar "Danke, das hat mir geholfen". Also liebe Leser, lasst euch nix erzählen. Dieser Text ist nur ein bleicher Abklatsch von dem was hier drin los ist. Manchmal sind Gedanken und Gefühle nicht aufschreibtauglich. Weil man sich schämt, weil man sich bewusst wird was man da gerade macht, weil man auf einmal dem Bauch wiederspricht und realisiert: Ich muss etwas ändern; ich muss aufhören die Dinge geschehen zu lassen und selber geschehen. Das ist unser Verfallsdatum: Wenn mir das klar wird.




Kommentare
haha sehr anonym, meine Liebe...und Kommas hapern nur wenn ich es dir nicht erst zum Probelesen gebe :)
07.01.2011, 17:04 von sparkleninaKnutsch!
Danke!
Unbeschreiblich poetisch, wenn auch die Kommasetzung hier und da hapert ;)
11.12.2010, 12:34 von anonymekatieForever your fan! X
einfach nur wow! super text spricht mir aus der seele!!!!! weiter so!
05.12.2010, 20:28 von roggebitsch@roggebitsch danke dir!
05.12.2010, 22:20 von sparklenina