hib 10.09.2014, 21:34 Uhr 9 3

Über die Schulter

Es geht nicht ums Überleben, es geht ums Weiterleben.

Neulich lief ich auf der Straße so vor mich hin, als ich meinen Kopf nach hinten drehte und mich wunderte darüber, dass ich ihn nicht einmal rund herum drehen konnte.

 

Ich wollte das aber gern können, einfach so das Kinn nach rechts werfen im Uhrzeigersinn und wie ein Kugellager durchdrehen, wie ein Glücksrad stehen bleiben mit dem Zeiger auf gestern, denn hinter mir war der Weg, den ich gegangen war und alles, was darauf liegen geblieben war lag noch dort und wollte von mir angesehen werden. Nach hinten sehen, das wär ein Traum. Einer von der Sorte die einem den ganzen Tag versauen. Die Möglichkeit, sich jederzeit umzudrehen und sehen zu können, was hinter dem eigenen Rücken passiert. Wer da läuft und Grimassen schneidet oder sich das Maul zerreißt in schwarzes Konfetti. Ich glaube die Natur hat uns deshalb den Hals festgeschraubt. Das würde ja auf Dauer keiner aushalten. Erst recht nicht in Mitte.

 

Wie ich da so lief und hinter mich schaute, fiel mir auf, dass so richtig nach hinten schauen einfach nicht ging, nur so ein halbes nach hinten, das fast noch ein seitlich war. Ich sah nur einen seltsamen Ausschnitt, verschwommen leicht, die Augen platzten mir fast aus dem Kopf als ich versuchte, mich selbst von hinten zu sehen. Es war als ob man sich erinnerte an eine Sache, die mittellang her war. Ein Mosaik aus kantigen Fragmenten, das sich spitz von innen gegen die Stirn drückt. Als ich da so gelaufen bin und geguckt hab halb hinter mich, hab ich eine Ampel gesehen und ein paar Leute, die bei Rot darauf warteten, dass eine höhere Macht sie aus ihrer misslichen Lage befreite und sie endlich weiterlaufen konnten. Ein wenig standen sie da, als ob sie alle versuchten, hinter sich zu schauen aber es nicht konnten und ihnen die Augen schwollen. Rote Augen hatten sie und blieben stehen.

 

Eine Eule dachte ich, die kann das. Die dreht sich einmal um sich selbst, fast jedenfalls. Wozu die das braucht, fragte ich mich, und warum ich das nicht brauchen sollte, ausgerechnet, wo ich doch so gern direkt hinter mich gesehen hätte. Eulen haben ja bestimmt viele Feinde und da ist es gut, wenn man die schon früh sehen kann, ohne sich komplett umdrehen zu müssen. Ich bin jetzt kein Naturwissenschaftler und auch kein Uhu, aber vermutlich war es deswegen. Es ging ja in der Natur immer ums Überleben. Ein bisschen ist das  wie mit dem Erinnern. Man reist ja auch nicht zurück in der Zeit, man dreht sich nur so weit hin, wie das eben geht und schaut auf das, was mitgehalten hat. Nur dass es bei uns nicht ums Überleben geht, sondern ums Weiterleben.

 

Ein paar Schritte weiter blieb ich vor einer Scheibe stehen, in der ich mich sehen konnte. War ich das da? Der trübe letzte Schluck Wasser im Glas des Tages? Ich sah müde aus, dachte ich, oder vielleicht war es auch das rote Licht der Bar, die von der Scheibe vor der Außenwelt beschützt wurde. Die Bar hatte das Wort "Blut" im Namen. Jedenfalls stellte ich mir vor, wie ich den Kopf drehte, einmal komplett rum. Und was ich alles sehen würde, wie viele Perspektiven ich auf einmal hätte von einer Sache und ich fand, dass die Natur das nicht gut gemacht hatte bisher. Sie hätte längst verstehen müssen, dass wir Menschen nicht mehr immer nur ums Überleben kämpfen, sondern darum, überhaupt wieder vom Fleck zu kommen, für das nächste Ziel. Und dass man für das Weiterleben verstehen muss, wie man dahin gekommen war, wo man gerade stand. Dafür musste man jederzeit nach hinten schauen können, nach rechts und nach links auch und dazwischen am besten. Das musste die Natur doch merken! Ich meine wir Menschen brechen uns nicht erst seit gestern die Herzen in Stücke. Uns allen fehlte oft eine Perspektive oder mehrere davon, um etwas zu verstehen, gerade wenn es lang her war, gerade wenn es um Liebe geht oder um Krieg (was dasselbe sein kann, was vor allem an der Gewalt lag), dann wäre das so wichtig. Aber stattdessen stehen wir vor Spiegeln und sehen nur geradewegs was uns vor der Nase liegt. Das Jetzt liegt vor den Füßen, was gestern war im toten Winkel.

 

Dann aber stellte ich mir vor, wie die Menschen den Kopf zu oft einmal rum drehten und wie ihnen nach und nach die Köpfe abfallen würden, weil die Haut zu dünn wurde am Hals und wie die Politiker bald ein Kopfdrehverbot auf der Straße einführten und die Gewerkschaften dagegen klagten. Im Internet würden Texte darüber geschrieben und in den Kommentaren darunter würde es laut rauschen. Die Menschen würden süchtig werden danach, alles sehen zu können aus jeder Perspektive, sie wären süchtig nach der ganzen Wahrheit, und es würde Rebellen geben, die ihren Kopf nie drehten und ihn festmachen ließen aus Protest gegen den Wahn der Perspektive, den Wahn der ganzen richtigen Perspektiven. Ich selbst wäre total süchtig danach, weil ich dann endlich alles verstehen könnte, das nicht zu kapieren ist mit einem steifen Hals. Ich bin ja sowieso eher der Suchttyp, vor allem wenn es ums Kopfdrehen geht. Meine Physiotherapeutin schlägt regelmäßig die Hände über meinem Kopf zusammen.

 

Ein Mann mit Bier in der Hand klopfte lachend von innen gegen die Scheibe und ich erschreckte mich zurück ins Leben. Ich ging weiter und hatte den Impuls mich nach dem Bierglasmann umzudrehen, aber ich wollte es nicht sehen, wie er mich auslachte. Manchmal war es ein Segen, sich nicht so leicht umdrehen zu können.

 

Auf dem Weg weiter nach Hause begegnete ich keiner Eule und keinem, dem sich der Kopf auf dem Hals drehte. Und ich dachte, dass ich mich nie von hinten sehen würde, ich würde niemals meinen Rücken sehen mit eigenen Augen, und wenn einer die Spiegel abschaffen würde, ich hätte keine Chance zu sehen, wo ich herkomme und wie ich aussehe, wenn ich gehe.

 

Seit dem Tag schaue ich nur noch einmal am Tag über meine Schulter, zurück auf dich, dann seh ich dich im toten Winkel meines Lebens an einer roten Ampel stehen. Und frage mich, ob ich dich jemals mit eigenen Augen gesehen habe und ob du irgendwann bei Rot gehen oder so lang warten wirst, bis ich dich von hinten wieder einhole. Dann drehe ich mich weg, nach vorne, wo der Weg ist, und hoffe auf ein Kopfdrehverbot nach der nächsten Wahl.

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9 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Schön, mal wieder was von dir zu lesen!

    11.09.2014, 09:25 von lelie
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    • 0

      geht ja nicht immer emo ;-)


      immer gut dich unter einem text zu sehen. herz hin oder her.

      11.09.2014, 08:50 von hib
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    • 0

      geil. pass auf, dass dir der nacken nicht bricht und am ende der kopf noch abfällt.


      11.09.2014, 08:56 von hib
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    • 0

      ich denk manchma, dass man auch in öffentlichen verkehrsmitteln das bangen erlauben sollte. als head.

      11.09.2014, 10:41 von hib
  • 2

    Ich finde, die Vergleiche hinken. Is alles ein bissken arg gewollt und aufgesetzt, fast mechanisch. Nach dem ersten Drittel zwang ich mich fertig zu lesen, damit ich nen anständigen Kommentar verfassen kann, mir ein komplettes Bild vom Text mache. Hab aber nun schon wieder vergessen, was tatsächlich geschrieben stand. Mh.

    10.09.2014, 22:53 von nyx_nyx
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  • 0

    hmmm

    10.09.2014, 21:58 von yuhi
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