lilko 03.11.2009, 23:33 Uhr 33 23

Two-days-long

Noch sind 27 Jahre nicht vergangen. Aber Salatgurke und Dickerchen auch nicht mehr befreundet.

Die Musik, die doch nie eifersüchtig war, wurde plötzlich durch eine eifersüchtige Freundin ersetzt. Eine, die sich noch dröhnender zwischen uns drängte. Plötzlich wurde ich zum Bösewicht meiner eigenen, kleinen Geschichte. Und Peng! - verliebt war ich auch, na logisch.
Und blieb einfach. So, als würde es die andere gar nicht geben.
Kletterte halt nachts aus dem Fenster und ertrug es tapfer, wenn zwei sich vor mir küssten, wo ich doch auch geküsst werden wollte, von einem.
Ich war die für die Dunkelheit. Die, mit der er Wodka mit Gurken trinken konnte, nächtelang, an dem immer selben Tresen. Die, die seinen Hund spazieren führte und ihm, wenn er Küchenschicht hatte, Jägermeister in Espressotassen brachte. "Wenn der Chef kommt, musst du pusten." Und er lachte und machte mir Schinkenkäsetoasts mit Paprikaherzen. Manchmal, wenn die Freundin lernte oder in die Heimatstadt fuhr, war es wie früher.
One-morning-lays und Steaks zum Mittagessen. Wir stritten uns, ich war für Pfanne, er für den Ofen. Der Hund, der ja neu war, scharwenzelte um meine Füße und gewann mich lieb.

Manchmal weinte ich. Wenn er anrief und sagte, du, sorry, heute gehts nicht, meine Freundin kommt. Sagte es genervt und entschuldigend. Und ich war nicht wütend und verletzt, weil ich nicht kommen durfte, sondern weil ich nicht verstand, warum er sie hatte, diese Freundin, wo er sie doch gar nicht haben wollte. Schien es. Manchmal, da tat sie mir leid, diese Frau, mit den roten Haaren und den Falten neben dem Mund. Ein Mal, nein, zwei Mal, da erfuhr sie es auch. Weinte vor ihm in seinem dunklen Zimmer und wechselte fluchend die Laken und ohrfeigte mich, als sie mich sah.

Und erleichtert waren wir alle, als ich fort ging, nach Budapest. Komm nie wieder, sagte die Freundin. Bald komm ich, sagte er.
Manchmal, da rief er an. Nachts, betrunken, wenn er mit dem Hund durch den Wald streunte und die Freundin schon schlief. In seinem Telefon hieß ich jetzt Jack, damit sie nichts merkte. Ich versuchte, es lustig zu finden. Über Skype schrieb er, dass er mit mir schlafen wolle. Jetzt. Sofort. Dass er immer noch wüsste, wie meine Haut sich anfühlte. Ich wusste immer noch, wo der kleine Leberfleck an seinem Penis war und wie er geschaut hatte, als ich ihm zum letzten Mal den Jägermeister in die Küche brachte.

Dann waren wir spontan. Sprachen uns Donnerstag. Er betrunken, ich übermüdet. Trafen uns Freitag in München. Ich kratzte mein letztes Geld zusammen, verstaute mein ungezügeltes Glück und machte mich hübsch, zum ersten Mal seit Langem.

Dann waren wir da. Ich redete, er schwieg. München fand er Scheiße. Und mich? Da war ich mir plötzlich nicht mehr sicher. Ob er die Geschichte gelesen hatte, die ich ihm zum Abschied geschrieben hatte? Die Briefe an das Dickerchen? Nein. Schulterzucken. Aber die Fotos, die hat er sich angeguckt. Ich vergrub den Schmerz und freute mich auf das französische Doppelbett in der Villa meines Onkels. Aber Dickerchen wollte keinen Sex. Es geht nicht, sagte er und kramte eine DVD aus dem Regal.

Am Samstag Nachmittag gingen wir mit meiner Freundin einen Kaffee trinken. In der U-Bahn fragte er, ob er nicht schon jetzt nach Hause fahren könne. Ich sagte nichts und weinte in der Straßenbahn. Wortlos nahm er mich in den Arm. Dann fuhr er. Ich auch, Sonntag Nacht. Am Bahnhof trank ich noch einen letzten Whisky mit der Freundin und sie erzählte mir, wie komisch das doch sei, denn ihr habe er erzählt, dass es die Freundin nicht mehr gebe. Ja, sie wohnen zusammen. Sind es aber nicht.

Ich schrieb ihm eine Nachricht. Fragte, warum er so ein kostbares Detail einer Freundin erzähle, meiner Freundin, aber nicht mir?
Sauf nicht so viel, schrieb er. Wen das interessiere, was sei das für ein sinnloses Detail. Nerv mich nicht.

Das war das letzte, was ich vom Dickerchen hörte. Ein Jahr voll von One-morning-lays löste sich in Luft auf und verschwand, einfach so. Ohne Erklärung. Den Schmerz, den er mir zufügte, spülte ich in die Ritzen meines Wesens und bedeckte ihn mit meiner Liebe, als wäre sie einfacher Staub und nicht die stärkste Empfindung, die ein Mensch zu haben vermag.

Und sah ein, dass ein Mann, der so leben kann und konnte, ein Jahr lang, der am Montag die Rothaarige liebkoste und am Dienstag Schweinereien mit mir machte, unter ein und derselben Decke, mit ein und demselben Lächeln und ein und denselben Worten, zu schwach ist, um Mann zu sein.

23

Diesen Text mochten auch

33 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ach ja, ich mag den text! =)

    25.01.2010, 23:15 von mimaleela
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ganz ehrlich... wäre ich die rothaarige Freundin gewesen, wärst Du nicht mit ein paar Ohrfeigen davongekommen. Als jemand, der in eine bestehende Beziehung reinfunkt, hast Du NICHTS, aber auch wirklich GAR NICHTS zu erwarten. Außer der Quittung, die Du nun, leider viel zu spät , bekommen hast. Also, lerne daraus und suche Dein Glück, das Dir hoffentlich bald einen UNGEBUNDENEN und EHRLICHEN Mann beschert.

    26.11.2009, 12:11 von Pristine
    • 0

      @Pristine du hast es nicht ordentlich gelesen...ich habe nicht reingefunkt, die geschichte begann schon ein halbes jahr vorher...und die freundin wusste das...und quittungen haben in solchen geschichten nix zu suchen...zum glück...welches man nicht sucht...so.

      26.11.2009, 20:50 von lilko
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Sehr schön geschrieben... Danke =)

    Nie wollte man so etwas durchmachen, aber wenn man drin ist ist man drin...


    26.11.2009, 00:19 von Alion
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Das ist echt gut. Da fragt man sich direkt, wie man sich sowas nur antun kann - und zwar an allen Enden des Dreiecks - und doch kann es passieren.
    Traurig/schön/deprimierend - aber gut.

    20.11.2009, 11:55 von Norica
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Liebe Lilko,

    ich fühle mit Dir mir. Bei mir sind es jetzt 14 Monate, dass ich der Typ für den Dienstag bin und auch mal für das Wochenende. Doch jetzt gerade bin nicht ich der Typ, der mit im Urlaub ist, sondern der, der seinen Urlaub alleine verbringen muss. Ein Punkt mehr der mich verletzt und traurig macht. Aber manchmal ist es eben so, dass egal wie sehr uns auch eine Sache verletzt, es noch schmerzhafter ist die Sache los zu lassen. Ich bin es trotzdem angegangen. Wir haben Tag 9 und ich hoffe ich bin genauso stark wie Du! Icj drück Dich... LucaPaolo

    16.11.2009, 01:33 von LucaPaolo
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich find den text bestens!
    auch den letzten satz.

    09.11.2009, 18:42 von Kanninchen
    • 0

      @Kanninchen Ich kenne das gefühl nur zu gut....ich durchlebe es mal wieder nur auf andere Weise. Und passiert mir immer und immer wieder das gleiche. Ich lasse keine Gefühle zu, er zeigt immer mehr Interesse, ich verliebe mich dann doch, es läuft was, danach zeigt er nur noch desinteresse, sagt er kann nicht genug gefühle entwickeln und ich quäle mich wieder wochen bis monate mit dem prozess des vergessens....
      Ich frage mich, wie sich die gefühle bei Männern gegenüber Frauen entwickeln. Was soll ich machen? War am 2. Abend mit nach Hause nehmen zu schnell? Wenn jemand mit mir fast 12 Stunden am Stück im Bett liegen bleibt, Verabredungen dafür absagt und unendlich Zärtlich ist, mit mir tiefgehende gespräche führt- kann er trotzdem keine gefühle haben?
      Ich zerbreche innerlich langsam....

      12.11.2009, 12:35 von skatingbeat
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Manchmal lässt sich wirklich zu viel gefallen....aus Liebe???

    09.11.2009, 09:59 von Ninnchen101
    • 0

      @Ninnchen101 natürlich aus liebe...die laesst sich halt nicht steuern. zumindest nicht bei mir.

      09.11.2009, 18:29 von lilko
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schreiben kannst du.
    aber selbstmitleid steht dir nicht.

    08.11.2009, 23:12 von nutella
    • 0

      @nutella selbstmitleid steht niemandem. manchmal hat man es aber bitter nötig...:-)

      08.11.2009, 23:14 von lilko
    • 0

      @lilko hilft dir aber auch nicht.
      kopp unter nen kalten wasserhahn und nach vorn schauen ;)

      10.11.2009, 00:33 von nutella
    • 0

      @nutella aye, sir! :-)

      10.11.2009, 12:47 von lilko
    • Kommentar schreiben
  • 0

    fand den ersten teil schon super :)
    schade ist einfach, dass man die schöne zeit die man zusammen hatte immer einen negativen beigeschmack haben wird...
    und ich finde, dass du dich für den letzten satz nicht rechtfertigen musst!!:)

    08.11.2009, 14:22 von lauralilili
    • 0

      @lauralilili dankeschön:-)

      08.11.2009, 23:09 von lilko
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare