suepercrash 30.11.-0001, 00:00 Uhr 7 24

Türkisch, schwul und glücklich? – Manchmal hilft nur noch ein Neuanfang.

Die Liebe ist kompliziert. Wenn man liebt, will man auch geliebt werden. Erlap wird geliebt. Doch seine Familie wird diese Liebe nicht gutheißen.

Wenn man liebt, muss man auch loslassen können. Aber nicht loslassen müssen. Aus Liebe alle loslassen, die man liebt? Ist das noch Liebe?

Schneller, schneller, noch schneller! Scheiß auf den Regen, Hauptsache laufen. Bewegung. Den Kopf frei kriegen, nicht einen weiteren Gedanken verschwenden. Nicht an die Familie, nicht an die eigenen Leute oder den Verein. Die Muskeln anstrengen, sich auspowern, bis zur völligen Erschöpfung, dem Kopfkino davonlaufen.

Schon seit Wochen zieht sich Erlap nach den Vorlesungen zurück in die Bibliothek, nur um möglichst spät nach Hause zu kommen. Um seinen Eltern aus dem Weg zu gehen. Meist überliest er ganze Seiten, ohne sich auch nur an einen Satz erinnern zu können. An anderen Tagen sitzt er zusammengesunken, fast unsichtbar, auf einem der hölzernen Stühle zwischen all den anderen Studenten und starrt ins Leere. Oft steigt ihm Übelkeit unvermittelt die Kehle hinauf. Dann muss er raus, sich bewegen, allein sein und sich bis zum Rand der Erschöpfung verausgaben, damit ihn die quälenden Gedanken zumindest für einen Augenblick in Ruhe lassen.

Der Regen hat seine Kleidung, seine Schuhe und die dunklen Haare völlig durchnässt. Eine schwarze, lockige Strähne klebt ihm auf der Stirn. Sein heißer Atem verdunstet in rhythmischen Abständen vor seinem Gesicht. Erlap sieht angestrengt aus, unter seinen Augen zeichnen sich dunkle Schatten ab. Langsam trottet er durch die Dunkelheit, den Regen, den Wind, die Kälte und denkt dabei immer zu an den Mann, den er liebt. Doch heiraten soll er eine Frau, die er noch nicht einmal persönlich kennt.

Sechs Monate zuvor findet diese Geschichte ihren Anfang: Es ist einer dieser ersten warmen Tage im Jahr, an denen man nur so schäumt vor Übermut. Man will raus, Freunde treffen, Ausgehen, Spaß haben und was erleben. Gleich nach dem Abendessen verschwindet Erlap im Badezimmer seiner Eltern, schmiert verschwenderisch Gel in seine schwarzen Haare und schlüpft in ein frisch gebügeltes, weißes Hemd. Die obersten Knöpfe lässt er offen, sein Brusthaar ist gut zu sehen. Der Abend kann beginnen. Seine Eltern denken, er besucht seinen besten Freund Cem. Später steht Erlap jedoch allein in der Schlange vor einem Essener Club und wartet, unter zahlreichen anderen Jungs und Männern, dass es endlich weiter geht. Hinein in das bunte Treiben aus Tausendundeiner Nacht.

Dass Erlap sich nichts aus Frauen macht, weiß außer Cem niemand. Auf entsprechende Szenepartys muss er allerdings dann doch alleine gehen, denn darauf hat sein Freund keine Lust. Schließlich steht er auf "Pussys". Die beiden sind zusammen groß geworden, sie waren in einer gemeinsamen Kindergarten-Gruppe, in derselben Grundschulklasse und später auch zusammen auf der Realschule. Erst als Erlap das Gymnasium besucht, trennen sich ihre Wege.

Die Freundschaft besteht bis heute. Für Cem ist es kein Problem, dass Erlap schwul ist. Als es vor zwei Jahren aus ihm herausplatzte, nahm Cem ihn in den Arm und schwieg. Erlap hatte sein stilles Einverständnis. Und heute ist es Cem, der ihm Deckung gibt, wenn Erlap heimlich auf "Brautschau" geht.

Dann wird geflirtet, getrunken und getanzt. So auch diesen Abend. Rhythmische Bewegungen, vibrierende Bässe und testosterongeladenes Partyvolk. Die Luft ist warm und feucht. Es riecht nach Schweiß, schwer-süßem Parfüm und Sex. "Es sind die Blicke, die dich bis auf die nackte Haut entblößen, sagt Erlap. Sie sind immer auf der Suche nach ein bisschen Geborgenheit, Nähe oder der schnellen Triebbefriedigung. Anmachversuche wehrt er gekonnt ab. Mit seinen 24 Jahren hat er schon reichlich Erfahrung gesammelt: "Die Nacht bringt viele Gesichter hervor, manche von ihnen haben jegliche Schönheit verloren", erzählt Erlap ganz nebenbei, als sei es das selbstverständlichste auf der Welt. Mitunter geht es dann schon mal etwas derber zu: "Bock mich hinten auf'm Klo zu ficken?" Solche Fragen hört der junge Türke oft. Meistens von Deutschen jenseits der 40.

Erlap ist einer der türkischstämmigen Homosexuellen in Deutschland, deren Zahl auf bis zu 15.000 geschätzt wird. Offen schwul leben jedoch die wenigsten. Zu groß ist die Angst vor den Reaktionen ihrer Familien und Freunde nach einem Coming-Out. Viele führen ein Doppelleben: Nur die engsten Bekannten oder schwule und lesbische Freunde wissen, was Sache ist. Verabredungen finden heimlich statt. Wenn man ausgeht, dann nur mit seinesgleichen, in Clubs, Kneipen oder auf Partys, wo man eben unter sich ist.

Es wird getanzt, Schulter an Schulter, Rücken an Rücken. Blicke treffen sich, schauen verlegen weg oder werden gierig erwidert. Frauen gibt es so gut wie keine. Vielleicht mal eine beste Freundin. Lesben halten sich ebenso versteckt. Türken und Griechen tanzen mit Iranern, Afghanen und Arabern. Große, muskulöse Kerle stehen neben unscheinbaren, kleinen, schüchternen Typen. Bärige Männer stoßen zusammen an, feiern und trinken als gäbe es keinen Morgen. Hier und dort feiern sogar Europäer, Deutsche. Wenn sie nicht vergeben sind, dann zumindest auf der Suche. Die Älteren unter ihnen wollen meist die schnelle Nummer. Sie wollen das Orientalische, Exotische, den unbekannten Kick erleben. Sie benehmen sich wie Sextouristen - nur eben im eigenen Land.

Zwischen all den umherirrenden Nachtgestalten finden sich manchmal sogar Liebende. Dann sagen Blicke mehr, als ein schnelles, schamloses "Fick mich. Irgendwo in einer loungeartigen Kissenlandschaft, hinter qualmenden Wasserpfeifen und anheizenden Tänzern sitzen sie, beobachten das Treiben, und freuen sich heimlich, still und leise, nicht mehr zu den anderen zu gehören. Sie genießen die Musik, den Alkohol, die Nacht. Ein starker Zug Apfeltabak, ein süßer Kuss und zwei warme Hände im Nacken, die einem liebevoll den Hals kraulen.
Nach unzähligen Anmachversuchen, vier Gin Tonics und zwei Becks - Erlap wollte sich gerade auf den Weg zur Garderobe machen - lächelt ihn ein etwa ein-meter-achtzig großer, schlanker Kerl, vorsichtig von der Seite an. Wie ein Blitz fährt ihm ein Kribbeln die Wirbelsäule runter bis in die Zehenspitzen. Erlap ist geflasht. So steht er, zwischen Schweißattacken und Kälteschüben, verlegen und grinsend in der Menge. Sichtlich angetan von dem dunkelblonden Dreitagebart, dem schüchternen Lächeln und den strahlenden, großen Mandel-Augen, geht er vorsichtig einen Schritt näher. "Gibst du mir deine Nummer?", ist alles, was ihm in diesem Augenblick über die Lippen kommt. Wenige Wochen später sind Erlap und Talip ein Paar.

Zuhause angekommen wirft Erlap seine durchnässten Sachen über die Heizung, schlüpft aus den nassen Turnschuhen und dreht die Dusche auf. Das Fenster, der Spiegel und die Duschkabinentür beschlagen sofort. Aus dem Wohnzimmer drängen Rufe seiner Mutter ins Bad. Doch Erlap schenkt ihnen keine Beachtung. In Gedanken versunken malt er mit einem Finger Kreise an die Dusche. Ein Herz, zwei Herzen. Schnell verwischt er alles zu einem großen, runden Fleck, in dem sich sein Gesicht matt spiegelt. Nach einer Weile öffnet er die Tür, steigt in die Kabine und setzt sich in die schmale Duschwanne. Die Wärme entspannt seine Muskeln, seinen Nacken, seinen Rücken, die Arme und Beine. Seine Tränen vermischen sich mit dem Wasser. In zwei Wochen soll Erlap heiraten.

Erlap muss sich entscheiden: Für die Gefühle zu Talip oder seine Familie und die Ehe mit einer Fremden. In zwei Wochen wird Aleyna, seine Cousine, am Düsseldorfer Flughafen landen. Pünktlich zu seinem 25. Geburtstag. "Es wird höchste Zeit für das Kennenlernen, sagen seine Eltern. "Damit wir dann in der Türkei für dich um ihre Hand anhalten können." Der Gedanke eine Fremde zu heiraten macht ihn krank. Manchmal wünscht sich Erlap kein Türke zu sein. Dann wäre er lieber in einer deutschen, liberalen Familie aufgewachsen. "Mama, Papa, das ist Talip, mein Schatz. Ihn will ich heiraten." Tausendmal hat er sich diesen Satz in seinem Kopf zurecht gelegt und ihn tausendmal wieder verworfen. "Meine Eltern sind altmodisch. Wenn ich mich bei ihnen oute habe ich niemanden mehr. Ich weiß nicht wie mein Vater reagieren würde, ich will es mir auch gar nicht vorstellen. Der Gedanke macht mir Angst, erklärt Erlap mit ernster Miene.
In seinem Schlafzimmer dämmt er das Licht, schläft ein und träumt. Er träumt von Talip, wie er mit ihm in eine andere Stadt zieht. Hamburg oder Berlin. Hauptsache in eine Großstadt, weit weg von seiner Familie. Er träumt von einer eigenen Wohnung, zwei Zimmer, Küche, Bad. Und eine große Dachterrasse. Mit Sonnenblumen, Efeu an den Wänden und einer großen Hängematte für sie beide. Er träumt aber auch, wie er seine Familie zurück lässt. Seine Mutter weint, jammert, schluchzt. Sein Vater ist außer sich vor Wut. Hass. In seiner Hand hält er einen dunklen, massiven Gegenstand und zielt damit auf Erlap.

Die Familie ist der Hafen, in dem man sich sicher und geborgen fühlt. Für die meisten Türken geht Familie über alles. Was aber ist, wenn man aus Liebe die Menschen, die man liebt, verlassen muss, weil man sonst unglücklich wird?

Erlaps Familie ist sehr traditionell. Er ging gerade in den Kindergarten, als sie die Türkei verlassen haben. Es ging alles ganz schnell: Sein Vater hat eine Stelle bei einem großen Bauunternehmer in Deutschland bekommen. Endlich wieder Arbeit und vor allem Geld. Geld um zu leben, seine Frau und seinen Sohn zu ernähren. Die Zukunftsaussichten waren gut. Und Heute? Es geht Erlaps Familie inzwischen besser als vielen Verwandten in der Türkei. Sie fühlen sich wohl in Deutschland, haben ein regelmäßiges Einkommen, in der Nachbarschaft haben sie viele Freunde gefunden. Doch wirklich Deutsch wollen Erlaps Eltern nicht sein. Zu konservativ sind sie in ihrer Kindheit erzogen worden. Manche Dinge der westlichen Kultur verstehen sie einfach nicht. Wie kann es sein, dass die Familie nichts mehr zu sagen hat, wenn es um die Partnerwahl geht? Und was sind das für Zustände, dass Schwule und Lesben sogar heiraten dürfen? In dem Dorf, wo sie herkommen, gibt es das nicht. Es wird höchste Zeit, dass Erlap heiratet. Die Braut ist ausgesucht. Eine gute Ehefrau wird sie sein, schließlich stammt sie aus der eigenen, tugendhaften Verwandtschaft. Und Kinder soll sie gebären. Am liebsten zwei Jungen, stolze Türken, Soldaten sollen sie werden. Und Erlaps Eltern? Sie wären stolze Großeltern.

Noch zwei Tage bis zu seinem Geburtstag. Mit einem schwarzen, klobigen Koffer und einem großen Rucksack steht Erlap im fast menschenleeren Terminal des Düsseldorfer Flughafens. Heimlich, ohne etwas zu sagen, hat sich Erlap aus dem Haus geschlichen. Er wirkt einsam, unsicher. Cem hat ihn gefahren und wartet mit ihm. Noch zwei Stunden. Der erste Flug am Tag vor seinem Geburtstag wird ihn nach Hamburg bringen. Talip ist bereits seit einer Woche dort. Er hat eine kleine Wohnung angemietet und jobbt viermal die Woche als Barista in einem kleinen Café im Portugiesenviertel. Solange, bis er was Richtiges gefunden hat.
Es riecht nach Kerosin. Menschen in schwarzen Anzügen und Kostümen, mit glänzend polierten Lederschuhen und schweren Aktentaschen laufen mit schnellen, energischen Schritten vorbei. Irgendwo weiter hinten hört man die monotonen Geräusche der Sicherheitskontrolle, verspätete Fluggäste werden aufgerufen. Die Reisebüros, Restaurants und Boutiquen sind dunkel. Verschlossen.

"Ich werde dicht halten, unsere Freundschaft bedeutet mir sehr viel," sagt Cem und reicht Erlap einen kleinen, sorgsam gefalteten Umschlag. "Der ist von Talip. Damit ihn deine Eltern nicht bekommen, hat er ihn zu mir geschickt." Sie umarmen sich noch einmal, küssen sich auf die Wangen. Dann macht sich Cem auf den Weg nach Hause. Länger hält er es nicht aus und weinen will er vor seinem Kumpel schließlich auch nicht.

Noch dieses Jahr soll die Hochzeit stattfinden. Eine große Halle ist angemietet. Die Sache mit dem Catering soll übermorgen zusammen mit Erlaps zukünftiger Frau besprochen werden. Für ihn wurde die Zeit knapp. Eine Entscheidung musste her. Nie hätten seine Eltern eine Beziehung zu einem Mann akzeptiert. Ihr sorgfältig durchgeplantes Leben würde schlagartig in tausend Splitter zerspringen. Sie waren zutiefst gekrankt, in ihrer Ehre verletzt. Ehre - was bedeutet Ehre? Sich in vorgegebene Rahmen zu zwängen? Ein scheinheiliges Leben führen, der Familie wegen? Die eigene Cousine schwängern, Kinder kriegen und heimlich mit anderen Männern schlafen? Ist das Ehre? Nein. Erlaps Entscheidung steht fest. Kein Leid, kein Verstecken, keine Heimlichtuerei mehr. Erlap liebt einen Mann. So hat Allah ihn geschaffen. So will er leben.

Ein Jahr ist seit dem Abend vergangen, an dem Erlap Talip kennengelernt hat. Er studiert in Hamburg Medizin und wohnt zusammen mit Talip in einer kleinen Altbauwohnung in Hamburg-Altona. Ein neuer Name, eine neue Identität, ein neues Leben. Wenn Erlap an seine Familie denkt, wird er traurig. Er liebt seine Mutter sehr. Von seinem Freund Cem hat er erfahren, dass seine Eltern erstmal in die Türkei gereist sind. Sie sind am Boden zerstört, können bis heute nicht verstehen, warum ihr Sohn von zu Hause ausgerissen ist. Sie sind verletzt. Besonders sein Vater. Was passieren würde, wenn Erlap ihnen einen Brief schreibt? Er weiß es nicht. Noch möchte er diesen Schritt nicht gehen. Aber wenn es soweit ist, kann er sicher sein, dass er jemanden an seiner Seite hat, der ihm Halt gibt. "Ich nehme mein Blatt Papier und schreibe dir den süßesten Brief, du bist der Sultan meines Herzens, der Sultan meines Herzens. Ich bin da für dich - Talip." In manchen Nächten, wenn sein Freund längst schläft, liest Erlap wieder und wieder den Brief, den Cem ihm damals am Flughafen gegeben hat. Wieder und wieder, bis er zufrieden und ruhig neben Talip einschläft.

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7 Antworten

Kommentare

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    Hartes Brot

    27.09.2010, 11:25 von Webcam-Fan
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    Man kann für Erlap und Talip und all die anderen homosexuellen Muslime in diesem Land nur hoffen dass sie nicht irgendwann wegen ihrer Gefühle und der verfluchten "Ehre" sterben müssen. Dass seine Familie ihm verzeiht ist, wenn sie tatsächlich so "traditionell" sind wie sie scheinen, leider unwahrscheinlich bleibt aber auch wünschenswert.
    Hat mir sehr gefallen dein Text!

    26.09.2010, 16:41 von Kayah
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Find ich gut, dass jemand darüber schreibt.
    Sehr schön zu lesen!
    Respekt vor dem Mut, den Erlap aufgebracht hat um seine Familie zu verlassen.
    @PriscillaB: ich kenn mich da ja auch nicht aus, aber vielleicht ist die neue Identitiät in diesem Fall notwendig gewesen?!?
    Ich wünsche Erlap und Talip viel Glück und Kraft!

    23.09.2010, 12:33 von NovemberTango
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    Hat mich sehr berührt. Sehr gut geschrieben.
    Extrem schwierige Lebenssituation. Viel Glück bei allen weiteren Entscheidungen.

    23.09.2010, 11:43 von Jackie_Grey
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    einen punkt finde ich etwas unrealistisch:
    wechselt man wirklich gleich seine ganze identität wenn nicht mal ein streit vorangegangen ist?

    however- einfühlsam und gut geschrieben.

    23.09.2010, 11:34 von PriscillaB
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    puuhhh...also..hartes Thema!
    Sehr schwere Entscheidung
    Ick wünsche Erlap viel Glück, dass der Brief an seine Eltern etwas bewirkt ,um seine Situation zu erleichtern.

    23.09.2010, 09:22 von Daner
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