bobby_w. 10.09.2007, 18:03 Uhr 1 1

Trennungs-Verarbeitung mit Dylan

Schon erstaunlich, wie einem ein Album, das vor 41 Jahren aufgenommen wurde, den Frust von der Seele singen kann.

Am 5. Oktober 1965 schritt ein 24-jähriger weltberühmter Junge namens Robert Allen Zimmermann, der aus einer gutbürgerlichen Familie in Minnesota stammte, den man aber schon nur noch unter „Bob Dylan, der jahrelang als Landstreicher durch den „Mid West“ gezogen war“ durch die Pforten der Columbia Studios in New York, um sein 7. Studioalbum aufzunehmen. Es handelte sich hierbei um das in vieler Hinsicht musikhistorisch gesehen als Meilenstein einzustufendes „Blonde on Blonde“.
15094 Tage später sitze ich hier auf meinem Stuhl, aber das ist keine genaue Angabe, denn wo mein Stuhl steht lässt sich nicht genau sagen, es ist hier seit etwa 10 Tagen alles so durcheinander wie in einer WG voll von Hippies, eigentlich ist der Boden zu voll, als dass noch irgendwo ein Stuhl stehen könnte, aber er stand halt schon vorher da, und höre dem klopfenden Regen zu und lasse mir von Bob Dylan aus der Seele sprechen. Seit meiner Trennung vor 10 Tagen habe ich jeden Tag einen anderen Favoriten, aber jeder ist von Blonde on Blonde. Zuerst war es „Sad-Eyed Lady Of The Lowlands“ und „I Want You“. Ich glaubte, sie noch zu lieben und glaube das auch immer noch. Aber da hatte ich noch Hoffnung, dass es nur eine weitere bisher unbekannte Extreme ihrer Launen war. Die beiden Songs ergänzen sich insofern, als dass „sad-eyed lady“ etwas Bittendes, und zugleich ein Versprechen hat, nämlich zu warten (my warehouse eyes, my arabian drums/ should I put them by your gate/ or, sad-eyed lady, should I wait?), „I want you“ umspielt in den Strophen das Thema, holt weit aus, nur um dann im Refrain das, worum es dem Sänger und auch mir eigentlich geht, herausznäseln: „I want you so bad“. Wie kannst du nur Schluss machen, ich brauche dich doch! Und warum brauchst du mich nicht mehr?
Der Vater meiner Freundin war vor 10 Monaten gestorben, und sie war seitdem extrem launisch. Mir machte das zwar schon was aus, mal mehr, mal weniger, aber ich genoss vor allem, gebraucht zu werden, den seelischen Zustand eines von mir geliebten Menschen mit einem bloßen spontanen Besuch von tiefschwarz auf schneeweiß oder auch feuerrot ändern zu können. Oft wünschte ich mir, dass sie sich mehr öffnete, was „temporary like achilles“ sehr gut schildert, auch wenn in dem Song die Lösung am Ende ist, dass die Geliebte `n Neuen hat, und ich hätte mir manchmal mehr Fingerspitzengefühl meinerseits gewünscht, denn es war sehr schwer herauszubekommen, wie sie drauf war.
Wenn sie mal positive Hormone geschenkt bekommen hatte, war sie nicht zu bremsen, sie wirkte regelrecht hyperaktiv, am nächsten Morgen kam sie heulend in die Schule.
Und aus meiner, vielleicht immer noch etwas pubertierenden, aber ehrlich und wirklich meiner eigenen Sicht kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich mir für sie den Arsch aufgerissen hab.
Sie sah das oft als selbstverständlich an, schließlich war doch ihr Vater gestorben, hallo?!? Da ist es doch normal, mitten während der Schulzeit nächtelang irgendwas zu basteln, „nur“ weil sie mal wieder an nem Tiefpunkt angelangt war, oder auch am Sonntagabend 25 km mit dem Fahrrad zu fahren, um sie noch mal zu sehen, bevor der für sie nun grausame Schulalltag wieder einsetzte. Und wenn sie mir dann offiziell was zu Weihnachten oder unserem Jahrestag schenkt, dann reicht das ja wohl! (Zugegebenermaßen habe ich innerlich geweint vor Freude über jene offiziellen Geschenke). Und wenn sie mal keine Zeit hat, geht das, aber ich darf nicht mal was anderes vorhaben! Et cetera.
Ebenfalls zugegebenermaßen hatte sich mein Verhalten nach dem Sylt-Urlaub an vielen Stellen ein bisschen abgenutzt, war dadurch aber nicht glatt, sondern rau geworden. Ich war schnell beleidigt, sie erzählte mir ich sei zu egoistisch, fuhr mal eben für 7 Tage weg, was früher gar nicht möglich gewesen war, ohne selbstgebastelte Anti-Vermiss-Pillen. Irgendwann hatte es angefangen, und wir waren beide zu stolz, um unser Schiff zu retten, als noch ein bisschen Wind ging. Wir warteten, und mussten das Schiff auf dem Meer zurücklassen.
Ich habe mir in den letzten Tagen viele verschiedene Vorwürfe gemacht. Zum Beispiel, dass ich nicht immer für sie da war, nicht immer zu ihr gestanden habe, sie zum Sex gedrängt habe. War alles eingeredet. Ich war, soweit ich konnte, für sie da, ich bin schließlich kein Psychologe oder Seelsorger oder so, und ich habe immer wieder betont, dass sie sich Zeit lassen soll mit der Entscheidung über Geschlechtsverkehr (sie ist immer noch erst 14, ich bin erst 16. ich hoffe, das führt nicht dazu, dass ich jetzt hier als Baby, das keine Ahnung hat, was wirklich im Leben läuft, abgetan werde. Die meisten hier sind, glaube ich, ein ganzes Stück älter.).
Sie wollte mir keine Gründe nennen, sagte ich solle mir keine Vorwürfe machen, die Liebe wäre einfach gegangen, es tue ihr Leid, aber sie könne da nichts machen.
Heute bin ich bei der Phase von „Just Like A Woman“ angekommen. Wobei „Just Like A Woman“ die Innenwelt ausdrückt, und „Don`t think twice“ von der „freewheelin`“-LP für die Außenwelt zuständig ist. Denn ich habe heute gehört, dass sie eben doch Probleme mit meinem Verhalten hatte. Finde ich zwar sehr ungerecht, weil ich mir eben doch Mühe gegeben habe, aber gut. Vielleicht wollte sie mir nicht sagen, dass es doch an mir gelegen hätte, weil sie zum einen mich schonen wollte, zum anderen aber auch sich selbst vor mir, denn ich hätte in diesem Fall gekämpft bis zum Umfallen.
Allerdings habe ich davon erfahren, dass ich ja ein so riesengroßes Arschloch bin, weil ich mich nur um meinen Scheiß kümmern würde, und dass ich der Meinung wäre, dass man gefälligst auch Sex haben muss, wenn man sich liebt, und dass das alles aus dem Mund der Person kam, mit der ich in vielerlei Hinsicht das Intensivste überhaupt bisher in meinem Leben erlebt habe, über einen Freund, der im Leben noch nicht mit meiner jetzt Ex gesprochen hat. So wie mir das erzählt wurde ging das vorher auch über so 3 bis 4 Stationen. Schön, wenn man den Schmerz der Liebe durch grenzenlose Wut verlieren kann. Nicht schön, aber Wut verfliegt auch, zumindest bei mir, und ich werde ihr ab jetzt gleichgültig gegenübertreten.
Eigentlich dachte ich immer, wir sind was Besonderes, weil wir`s ernst meinen zwischen all diesen Heuchlern. Das Ende macht auf einmal so viel kaputt, ohne dass auch nur ein böses Wort zwischen uns gefallen wäre.
Die Zwischenzeit habe ich versucht zu füllen mit der „Rainy Day Women #12 & 35“-Stimmung. Das Lied schaffte es als bestplatzierter Dylan-Song überhaupt 1966 auf Platz zwei der Single-Charts, obwohl viele Radiostationen boykottierten („Everybody must get stoned“).
Vielleicht hat sie ja auch alles so geplant, um meinem Schmerz ein Ende zu machen. Dem Plan, zumindest ansatzweise befreundet zu bleiben, so wie vorher halt, tut sie damit nicht gut.
Außerdem muss nicht die gesamte Öffentlichkeit von unseren Problemen wissen. Zudem stehe ich jetzt erst mal als der Riesenarsch da.
„ I just can`t fit/ I believe it`s time for us to quit/ when we meet again/ introduced as friends/please don`t let on that you knew me when/I was hungry and it was your world”. Spiegelt bis auf den letzten Buchstaben meine Situation wieder. Dylans Liebeslieder sind durch ihre kryptischen und rimbaudartig phantastischen Texte völlig zeitlos. Wenn es in tausend Jahren noch Menschen gibt, wird Dylan ihnen aus der Seele reden. Man wird sich an Dylan erinnern, nicht an Picasso.
Ich laufe natürlich Gefahr, immer wieder in den Sog von „Visions of Johanna“ zu geraten, dessen Kernaussage ist, dass zwar alles ganz lieb, nett schön und toll ist, aber ohne die wahre Liebe ist halt alles nix. Auch wenn ein Mensch im Bus neben einem fortwährend die Melodie von „All You Need Is Love“ summt, muss das nicht unbedingt gut für die innere Verfassung sein. Die schwankt bei mir von Minute zu Minute so extrem, dass man eigentlich mal darüber nachdenken müsste, Stimmungsstabilisierer zu nehmen.
Doch da die Stimmung so leicht beeinflussbar ist, muss man eigentlich nur „Watching The River Flow“, mein persönliches Lieblingslied, auflegen: „If I had wings, that I could fly, I know where I would go/ but right now I just sit here so contendly and watch the river flow“.
Mit iPod und ohne Kontakt zu ihr müsste das doch irgendwie gehen. Wären da nicht manchmal diese Momente, wo der Schmerz tief von Innen kommt und über Stunden nicht weggeht, und zwar völlig unangekündigt, einfach so. Und natürlich ist da noch diese leicht sadistische Veranlagung, in sehnsüchtigen, Erinnerungen wachrufenden Melodien oder Texten zu liegen, und zu heulen.
Heut hab ich noch nicht geheult. Auf meinem t-shirt steht groß und in handschriftlicher Schrift „na und?“. Das passt.
Ich werde ein Lied schreiben, das heißen wird: „All you need is alcohol, tabac, friendship, instruments and dylan“.
Morgen besuche ich noch mal meine Ex-Schwiegermutter, wenn meine Ex nicht da ist. Von ihrer Seite aus hätte das noch lange gehen können. Wir werden nicht über die gescheiterte Beziehung reden. Wir werden über die kleine Schwester reden, über Literatur, über das Leben. Obwohl man in unserem Alter bei 14 Monaten eigentlich nicht von gescheitert sprechen kann.
Danach werde ich die Kiste mit den tausend Erinnerungen auf den Dachboden stellen und mich in nächster Zeit von Beziehungen fernhalten. Dann ist das Leben einfach lockerer. Und wenn etwas lockerer ist, ist es auch einfacher. Und je einfacher, desto besser. Oder? Albert Einstein sagte einmal: Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher. Und in gewisser Weise stimmt das „all you need is love“ ja auch.
Irgendwo in meinem Innern vermisse ich sie. Irgendwas fehlt. Viel zu tief, als dass ich das einfach ablegen könnte, wie einen lästig gewordenen Mantel in einem warmen Raum. Zugetackert und zugenäht. Verflixt und zugenäht.

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Kommentare

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    oh je...

    13.09.2007, 01:15 von hanako
    • 0

      @hanako wie gemeint?

      13.09.2007, 19:59 von bobby_w.
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