Zarmaz 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 7

Train leaves Town

Ein Blick auf den alten, vergilbten Fahrplan – fünf Minuten bleiben uns noch.

Wir halten uns an den Händen und schauen still über die aufblühende Landschaft. Um uns herum ist ein Frühling wie man ihn in den besten Büchern mit den schönsten Geschichten beschreiben würde. Über uns fliegen dutzend Vögel, bringen Futter für ihre Jungen zu den Nestern und lassen ein buntes Singen ihren zarten Stimmen erklingen. Wir stehen still und schauen ihnen zu. Wenn der Zug kommt, werde ich dir ein letztes Mal durch deine Haare fahren, dich ein letztes Mal küssen und versuchen mir die Farbe deiner Augen einzuprägen. Wenn der Zug kommt, wirst du mir ein paar letzte Abschiedsworte in die Ohren flüstern, ein letztes Mal winken und, wenn der Zug schließlich schnaubend und Dampf ausstoßend am Bahnhof steht, in ihm verschwinden.

Und dann werde ich gehen, meine Maske wieder aufsetzen und die Farbe deiner Augen vergessen haben. Ich werde in meinen leeren Tanzsaal zurückkehren, die geborstenen Violinen aufheben und mein trauriges Lied auf ein Neues spielen. Werde mich selbst wieder in Alkohol ertränken. Werde irgendwann mit getrübtem Blicke aufstehen und mir eine neue Tänzerin suchen. Und eine neue Puppe finden. Ich werde genauso mit ihr spielen können wie mit dir, werde sie genauso hochleben – und danach fallen lassen. Ich kenne mich und ich kenne die Lektion – wie ein Schuljunge pauke ich sie immer wieder. Du wirst irgendwann genauso in meinen Erinnerungen verblassen wie die Mädchen vor dir und genauso wie die, die noch kommen werden. Du warst schön, aber du warst nicht die Schönheit. Du bist vergänglich. Alles vergeht um mich herum, selbst der Frühling.

Nur ich selbst bin die Konstante. Ich bin der, der morgen wieder ein neues Mädchen zum Bahnhof bringen wird. Der ihre Hand halten und ihr die Liebe versprechen wird. Und doch bin ich auch der, für den der Zug schon lange abgefahren ist.

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6 Antworten

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    ich mag den text.


    aber ich glaub, dass der typ aus dem kreislauf da raus könnte. wenn er wollte. weil wenn der eine zug abgefahren ist, kommt bald der nächste. und was macht's schon, wenn der woanders hinfährt?

    22.10.2012, 15:29 von einhornpony
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    ich mag deine art zu schreiben. Der Text is so ehrlich & das machts irgendwie sympathisch, obwohl du dich selbst ja als ganz schönen idioten darstellst...

    14.08.2012, 20:39 von hillside
    • 0

      Danke für das Lob.

      Aber Geschichten
      sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen. Stell dir den Vogel vor, der zu
      seinen Kindern in das Nest an diesem Frühlingstag geflogen ist, sie umsorgt und
      sie gefüttert hat. Was mag dieser Vogel wohl für Gedanken gehabt haben, als er
      allein über die aufblühende Landschaft geflogen ist?



      Wird
      er nach anderen Vogeldamen Ausschau gehalten und sich in andere Nester
      gewünscht haben? Hätte er lieber mit anderen Weibchen nach Futter gesucht?



      Ich
      glaube er hat an seine Kinder und seine Dame gedacht, und vielleicht auch eine
      Vogelhochzeit. Er hat daran gedacht, wie viel Glück er doch eigentlich in
      seinem warmen Nest hat und daran, wie viel Liebe ihm gegönnt ist.



       



      Und
      denke an den unglücklichen Jungen – denn wie er gerne hätte er wohl in dem Zug
      gesessen, der am Ende die Stadt verlassen hat?

      Ich habe die Geschichte
      geschrieben, weil ich sie nicht leben wollte.


      16.08.2012, 21:28 von Zarmaz
    • 0

      "Ich habe die Geschichte

      geschrieben, weil ich sie nicht leben wollte."


      das klingt echt schön. Ich glaub ich weiß was du meinst, auch wenn ich das mit dem vogel nicht so ganz verstanden hab :)

      16.08.2012, 21:49 von hillside
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  • 0

    Traurigschöne Selbstreflexion. Mir gefällt die Ehrlichkeit, die man darin lesen kann.

    26.05.2012, 15:00 von topfbluemchen
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    true story, bro

    26.05.2012, 02:06 von lebenslust
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