PONY. 31.01.2013, 18:44 Uhr 6 24

Tote Fische

Als ich so auf dem nassen Fußboden neben deinen toten Fischen liege, muss an dich denken.

Ich bin alleine in unserer Wohnung. Am Fenster laufen Menschen vorbei, und ihre schnellen Schritte auf dem Beton machen mich ganz nervös. Ich schließe das Fenster, gehe ins Badezimmer, das keine Fenster hat und inhaliere fünf Zigaretten. Normalerweise rauche ich nicht, mir wird davon immer unglaublich schlecht und plötzlich ich habe Angst mich übergeben zu müssen. Schließlich bin ich alleine in unserer Wohnung, ich könnte an meinem Erbrochenen ersticken und keiner wäre da, um mich zu retten. In meinem Kopf entfaltet sich ein schreckliches Szenario, in dem meine Familie sich erst nach zwei Wochen wundert, warum ich mich nicht mehr melde und eine weitere wartet, bis sie die Wohnung aufbrechen und mich fürchterlich riechend und von Würmern angefressen auf dem Badezimmerteppich finden. Auf meiner Beerdigung hält jemand eine tieftraurige Rede, es wird eines meiner schönsten Bilder an die Wand projiziert, das ich schrecklich finde, weil ich diese furchtbare gelbe Mütze trage, die meine Mutter so entzückend findet. Meine Eltern bekommen mitleidige Blicke zugeworfen, denn alle wissen, dass ich gestorben bin, weil ich alleine war. Ich höre die Tratschtanten schon reden: "Oh, wahrscheinlich war sie einsam. Oh Gott das arme Mädchen. Ja Alkoholprobleme und Drogen. Vielleicht auch Prostitution. Die armen Eltern". Dabei war ich gar nicht immer allein, nur eben in diesen verdammten drei Wochen.


Das Lachen des chinesischen Nachbarkindes dringt durch die Wand und beendet meine Beerdigung. Ich gehe ins Wohnzimmer und schalte laute Musik ein. Die Bässe dröhnen durch unsere kleine Wohnung und zwei Sekunden später klopft Frau Strabovski, unsere Nachbarin, mit einem Besen wie wild gegen die Wand. Letztes Jahr hat mich Frau Strabovskis gemeingefährlicher Dackel "Bambi" in den Fuß gebissen, und bevor sie dem keinen Maulkorb anlegt, bin ich so laut wie ich möchte. Außerdem steht vor ihrer Haustüre ein Gartenzwerg mit einer Schaufel in der Hand, der mich jeden Tag aber saublöd von der Seite angrinst. Ich hab mir überlegt, ihn auf Weltreise zu schicken, ganz wie im Film "Die fabelhafte Welt der Amelie.", mit dem Unterschied, das seine Reise schon vor der Haustüre im Mülleimer endet.


Ich tanze zum Takt der Musik, Frau Strabovskis hysterischem Klopfen und dem Bellen von Bambi, drehe Pirouetten auf dem Parkett, und ab und zu stampfe ich und gröhle "So what, I'm still a rockstar, and I don't neeeeed you tonight." Ein älterer Mann guckt verdutzt zum Fenster herein, und ich versuche ihn erst zu ignorieren und lasse dann zwei Zentimeter vor seinem Gesicht den Rolladen herunterscheppern. Falls ich nocheinmal umziehe, dann liegt meine Wohnung bestimmt nicht im Erdgeschoss, das schwöre ich mir.


Der Laptop dient als einzige Lichtquelle in der dunklen Wohnung und als der Akku ohne Vorwarnung leer geht, ist es mit einem Schlag stockfinster. Ich mache kein Licht an und tapse stattdessen im Dunkeln zum Kühlschrank. Auf meinem Weg stoße ich gegen die unechte Palme, werfe Bilder herunter und verwechsle das Aquarium mit der Türklinke, das dann klirrend zu Boden fällt. Ich hab gesagt, es ist eine schlechte Idee, es neben die Türe zu stellen. Die armen Fischlein. Am Kühlschrank angekommen habe ich Mobiliar im Wert von circa 800 Euro zerstört, drei Fische getötet und hole mir erstmal eine Flasche Bier heraus. Ich setze mich auf den grünen Drehstuhl und drehe ich mich so schnell wie in einem Karussell. Mit einem Satz springe ich herunter und und mir wird so schwindlig, dass ich die Kontrolle über meinen Körper verliere. Ich taumle und lege mich mit ausgestreckten Armen und Beinen auf den nassen Boden und die Bässe der Musik vibrieren durch meinen Körper. Es ist ein schönes Gefühl, obwohl mir schlecht ist.


Frau Strabovski, diese blöde Schnepfe, klopft weiterhin unaufhörlich gegen die Wand, anscheinend mag sie meine Musik immer noch nicht. Ich skizziere einen gedanklichen Racheplan, der mit einem sanften Klingeln an ihrer Haustüre, einem süßen Lächeln und einer Merci-Packung beginnt und mit einem Besen in ihrem Hintern und einem Maulkorb für Bambi endet.


Als ich so auf dem nassen Fußboden neben deinen toten Fischen liege, muss an dich denken und daran, ob du dich gerade mit einer thailändischen Masseuse vergnügst, oder am weißen Sandstrand eine amerikanische Touristin vögelst. Ich bin immer noch furchtbar sauer, dass du ohne mich in den Urlaub gefahren bist. Ich kann schließlich nichts dafür, dass ich zur arbeitenden Bevölkerung gehöre. Wenn du zurückkommst, wirst du dich bestimmt über den Zustand unserer Wohnung ärgern und darüber, dass dein blödes Aquarium kaputt ist. Aber ich hab dir gesagt, dass ich Angst habe, wenn du drei Wochen alleine wegfährst und wenn ich Angst habe, mache ich eben manchmal komische Sachen. Deine Fische Fridolin, Käptn Iglo und Sir Montgomery habe ich übrigens am nächsten Tag beerdigt. Im Schweiße meines Angesichts habe ich mit einem Löffel drei Gräber ausgehoben, eine herzzereißende Rede gehalten und, ich muss zugeben, auch ein paar Tränen vergossen.


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6 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Irre :) wirklich irre!! Könnte auch mir passieren :) sehr sympathisch!

    09.02.2013, 17:08 von timlink
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  • 0

    Haha! Was für eine lustige Story! Ich mag die Ich-Erzählerin. Aber dass sie gleich das Aquarium schrotten musste... 

    02.02.2013, 20:12 von See_Emm_Why_Kay
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  • 3

    Für ein PONY. hat mir das zu wenig Boni.
    Liest sich ein wenig wie warme Fischsuppe. Salz fehlt. Eine Spitze Koriander. Und vielleicht zwei Nelken.

    02.02.2013, 15:27 von JackBlack
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    Hat trotz der Komik eine gewisse Tragik! 

    01.02.2013, 09:33 von vielleicht.nicht
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  • 0

    komische Sache

    31.01.2013, 22:37 von SteveStitches
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