Tom und ich
Wie Liebe auf den ersten Blick trifft es mich, nur handelt es sich hierbei nicht um romantische Liebe, sondern um ein doch recht nüchternes Verlangen
Wenn man plötzlich die Zukunft vor sich sieht, strahlend, glänzend, lockend, so verdammt schön, so verdammt perfekt, so verdammt nah... aber mindestens fünf Jahre zu früh. Und keine einfachen fünf Jahre, in fünf Jahren werden es immer noch fünf sein, warten ist vergeblich, vielleicht werden es irgendwann weniger, aber dann ist es zu spät, ganz eindeutig zu spät....
Wie Liebe auf den ersten Blick trifft es mich, kaum dass ich die Wohnung betrete und plötzlich vor ihm stehe, nur handelt es sich hierbei nicht um romantische Liebe, sondern um ein doch recht nüchternes Verlangen. Und kein sexuelles, zumindest nicht nur. Jeder Zellkern, jeder gottverdammte Zellkern in meinem Körper schreit seinen mir noch unbekannten Namen, möchte meine DNA mit der seinen vermengt sehen, möchte unsere Keimzellen zur Vermischung zwingen.
Lautes Geschrei, lautes Verlangen, zumindestens innerlich. Äußerlich bleibe ich kühl und erwidere sein Hallo etwas zu kühl, etwas zu betont unbetont.
Ich verschwinde in die Küche zusammen mit seinen zwei mir bereits oberflächlich bekannten Mitbewohnern. Wir öffnen die ersten Bierflaschen und verteilen parallel eine halbe Flasche Whisky auf vier Gläsern. Wir fangen ein seichtes Gespräch an, aber selbst diesem kann ich nur mit Mühe folgen. Mir mangelt es an Konzentration, ich schweife gedanklich ab, zu ihm, zu meinem perfekten DNA-Spender für meine wohl noch viele Jahre ungeborenen Kinder.
Zu Tom, wie er mir mit seiner höchst männlichen Stimme zusammen mit einem festen Händedruck verkündete. Tom. Toms Name harmoniert mit meinem, noch ein pro-Argument.
Pro was eigentlich?
Ich leere mein Whisky-Glas in einem Ruck, gerade dann, als Tom endlich aus seinem Zimmer zu uns in die Küche kommt.
Er bleibt an der Türschwelle stehen, grinst mich an und zieht die Augenbrauen hoch. Höchst neckisch, höchst reizvoll...
Irgendwann im Laufe des doch sehr frühen Abends finden Tom und ich uns gemeinsam auf dem Balkon wieder. Tom raucht, und mein durch den - für einen frühen Abend doch recht beeindruckend exzessiven – Alkoholkonsum ohnehin schon verstärktes sexuelles Verlangen potenziert sich. Ich liebe Raucher, auch wenn es ungesund ist, auch wenn es womöglich kindisch und einfältig ist, auch wenn es oft alles andere als glamourös wirkt, ich liebe sie.
Ich liebe Tom, schießt es mir durch den Kopf. Ich verwerfe den Gedanken nicht, ich lade ihn nur um. Später werde ich mich damit auseinandersetzen, später, wenn Tom nicht mehr direkt vor mir steht, wenn wir uns nicht mehr so unglaublich nah sind.
Wir unterhalten uns, rauchen und trinken Bier, und während mein Kopf immer vernebelter wird, wird mir immer klarer, dass meine liebe DNA eine sehr gute Ahnung davon hat, was für einen Mann ich mir wünsche.
Wir reden über Literatur, über Musik, erzählen uns Geschichten aus unserem Leben, wir reden sogar über Politik und unsere Ansichten in puncto Religion. Unsere Zigarette neigt sich dem Ende zu, zum mindestens fünfzehnten Male.
Wir rauchen Kette, realisieren es nicht. Jedes Mal gibt Tom mir aufs Neue Feuer, jedes Mal berührt er dabei meine Hand, jedes Mal kommen wir uns einige Zentimeter näher.
Schließlich kommt sein Mitbewohner auf den Balkon, schaut uns etwas verwirrt an. Was wir hier machen, so lange, nur zu zweit. Er grinst. Tom schaut verlegen. Meine Zellkerne schreien nur noch lauter.
Es geht noch in eine Bar, nicht weit von der WG entfernt. Drei junge Männer und zwei junge Frauen stoßen zu uns als wir losgehen. Ich unterhalte mich mit den Mädels, Tom geht mit seinen Mitbewohnern vor. Ich starre auf seinen Rücken, auf seine unverschämt breiten Schultern. Dann wandert mein Blick tiefer, und auch hier werde ich nicht enttäuscht.
In der Bar sitzen Tom und ich nebeneinander. Tom gibt mir Feuer, wir fangen wieder ein Gespräch an. Eine Weile später gehen wir aus der Bar, Hand in Hand, um Zigaretten zu kaufen. Tom bringt mich ununterbrochen zum Lachen, sein Humor ist so herrlich jungenhaft. Irgendwann stehen wir auf dem Bürgersteig vor der Bar, bereits mit den neuen Zigaretten, und umarmen uns. Warum wissen wir nicht, aber wir tun es. Ich lache, ziehe Tom an der Hand zurück in die Bar.
Eine halbe Stunde später befinden wir uns auf der kleinen Tanzfläche, tanzen zusammen. Dann küsst er mich, und es fühlt sich richtig an. Seltsam vertraut und doch leidenschaftlich und aufregend. Mein sexuelles Verlangen potenziert sich aufs Neue, steigt ins Unermessliche. Es folgen mehrere Stunden wildes Küssen und rauchen. Ich fühle mich glücklich, glücklich wie schon lange nicht mehr.
Die Bar leert sich, die Mitbewohner gehen heim. Tom und ich, wir bleiben.
Diesmal unterhalten wir uns über unsere Zukunftspläne.
Und diesmal bleiben meine Zellkerne stumm.
Tom ist älter, nicht unwesentlich älter. Zwölf Jahre trennen uns, zwölf Jahre, in denen viel passiert, in denen man sich entwickelt. Und nicht selten in komplett andere Richtungen.
Er möchte langsam eine Familie gründen, gesteht er. Er ist gerade richtig ins Berufsleben eingestiegen, hat jetzt endlich einen Job, der ihn ganz glücklich macht und mit dem er recht gut verdient.
Er möchte das Rauchen aufgeben, er möchte endlich komplett erwachsen werden und sich der Realität stellen.
Ich schaue unbeweglich in seine grauen Augen. Ich verstehe ihn, ich verstehe ihn und bewundere ihn für seine Einstellung. Aber es ändert nichts daran, dass ich noch lange nicht da bin, wo Tom jetzt ist. Aufs Mindeste reduziert brauche ich noch fünf Jahre, aber wenn ich ehrlich bin, wenn ich ehrlich bin brauche ich doch noch ganze zehn Jahre.
Zehn Jahre, die Tom nicht mehr hat. Das sagt er auch, ganz offen. Er möchte seinen Kindern ein Vater sein, und kein Großvater.
Wir reden lange, bis in die frühen Morgenstunden. Alles was Tom sagt, macht Sinn. Alles was Tom sagt, macht so unglaublich sehr Sinn, aber es versetzt mir jedes Mal einen Stich ins Herz. Jedes Wort, jeder Satz. Tom hält meine Hand, seine grauen Augen auf mich gerichtet, zieht einen Mundwinkel hoch.
Ich lehne mich zu ihm rüber, küsse ihn.
„Warte noch auf morgen.. warte noch auf morgen mit dem Erwachsen-werden“, flüstere ich ihm zu.
Wir gehen Hand in Hand zu ihm nach Hause, bleiben immer wieder stehen, um uns zu küssen. Es ist bereits hell, als wir in seinem Zimmer stehen.
Wir ziehen uns gegenseitig aus, langsam, genüsslich. Wir schlafen miteinander, und für das erste Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl endlich zu spüren wie es ist, wenn Sex tatsächlich etwas bedeutet, wenn es nicht nur um Lust und Verlangen geht, sondern auch um Liebe. Um richtige Liebe, keine teenie-Liebe, keine oberflächliche Beziehung, um etwas Reales.
Ob es Tom genauso oder zumindest ähnlich geht, weiß ich nicht. Und es spielt auch keine Rolle, so traurig das auch ist, es spielt tatsächlich keine Rolle. Wird es vermutlich auch nie.
Wir schlafen ein, Arm in Arm.
Einige Stunden später wache ich auf, Tom schläft noch. Ich ziehe mich an, suche meine Sachen zusammen, küsse ihn auf die Lippen, dann verschwinde ich.
Es vergehen Tage. Dann schreibt Tom mir. Drei Punkte, und ein „vermisse dich, kann nicht fassen, wie sehr“.
Ich will ihm antworten, ich will in anrufen und seine Stimme hören, ihm meine Gefühle gestehen, ihn sehen, mit ihm reden und mit ihm schlafen. Ich will ihm nahe sein und einfach nur neben ihm liegen. Ich will ihn umarmen und nie mehr loslassen, ich will all die kitischigen und pseudo-romantischen Päärchen-Sachen mit ihm machen. Sogar Händchen-halten.
Ich fange an zu weinen, ich kann nicht anders.
Drei Jahre später sehe ich Tom wieder. Das ganze Gespräch, das ganze Wiedersehen fühlt sich irreal an.
Er ist verlobt. Seine grauen Augen sehen glücklich aus, er lächelt mich an, erzählt viel.
Es fühlt sich an, als wären wir alte Freunde, obwohl wir nur eine Nacht zusammen verbracht haben. Wir tauschen unsere neuen Nummern aus.
Kaum haben wir uns verabschiedet, kommen mir auf einmal die Tränen.
Zwei Tage später schreibt Tom mir eine Sms. Drei Punkte. Mehr nicht. Ich öffne sie, wieder schießen mir Tränen in die Augen.
Ich sehe Tom vor mir, an dem Abend vor drei Jahren. Und dann sehe ich seine grauen Augen vor mir, seine grauen Augen, die vor einigen Tagen endlich so glücklich wirkten.
Ich lege mein Handy weg.
Mein Herz würde schreien, wenn es das könnte.
Meine DNA tobt.





Kommentare
oh wie schön :)
28.03.2011, 19:10 von AliceInWonderlandwow! sprachlich einwandfrei, wunderschön und ziemlich berührend irgendwie.
01.12.2010, 18:29 von marymarvelous3sterne:)
Das klingt wirklich wunderschön, aber ich finde es ein wenig verantwortungslos bzw. rücksichtslos von tom dir dir diese drei punkte am ende zu schreiben. er ist verlobt und wird wahrscheinlich bald heiraten aber kann er wissen, was er damit bei dir auslösen könnte...
30.11.2010, 00:19 von bettina.rollgardinaHää? Irgendwas verstehe ich nicht... Kann mir das bitte jemand erklären: "Ich sehe Tom vor mir, an dem Abend vor drei Jahren"
27.11.2010, 09:08 von _yeAhHH_Das Herz tobt zurecht. Oder nicht? Ach, Herzen toben immer bei den verrücktesten Dingen. Und den aussichtslosesten, und dann schreit es wieder!
25.11.2010, 21:20 von Leli_toertchenSchöner Text...
Ich liebe Raucher auch.
25.11.2010, 13:31 von insatiabledie idee mit der tobenden dnas finde ich mal sehr witzig, hehe...
25.11.2010, 01:21 von meuiso wunderbar :-)
24.11.2010, 20:47 von sunny.honeyGänsehaut
24.11.2010, 18:59 von knallltueteSüße drei Jahre können manchmal auch zehn sein - nimm ihn dir - schnapp ihn dir - tu was - schnell!
24.11.2010, 13:17 von iloveparis