Smalanda 19.09.2010, 12:37 Uhr 0 0

There will be blood

Unter seinem Arm klemmte eine Schachtel mit Doughnuts, die er stolz auf den Küchentisch stellte und öffnete.

Er gab mir einen auf die Hand. Der Sirup darauf lief mir zwischen die Finger. Ich hasste das. Überhaupt: Musste auf so was Süsses auch noch Sirup drauf? „Die sind wunderbar! Total fluffig. Hmmm!“ sagte er und tat auch schon den ersten grossen Biss, so dass der Puderzucker seine Spuren hinterliess. Er ging mir auf die Nerven. Wie konnte man als Mann nur das Wort „fluffig“ benutzen! Ich legte das süsse Teil auf einen Teller und wusch mir zunächst gründlich die Hände. Dann stach ich mit einer Gabel in den weichen, zuckrigen Teig und steckte widerwillig ein Stück in den Mund. Elvis nahm bereits den zweiten Doughnut aus der Box und auch bei diesem musste er, wie es mir erschien, zwanghaft seine ganze Begeisterung für Süsses durch sämtliche Gesten und Mimikspielereien demonstrieren. Bevor der Teigling seinen Mund erreichte, riss er seine Augen so weit es ging auf, während die freie Hand sich wie in einem Moment unerträglicher Spannung zur Faust ballte. Kaum hatte er zugebissen verzog sich sein Mund zu einem breiten Grinsen und jeder Kauvorgang wurde zelebriert. Ich hatte das Gefühl auf mich herabzuschauen, wie ich ihn argwöhnisch betrachtete, mein Blick immer böser wurde, während ich zwischendurch einen süssen Teigklumpen hinunter würgte.

„Zieh doch mal deine Jacke aus!“ sagte ich in einem leichten Befehlston, der ihm aber scheinbar entgangen war. Blöde biste, dachte ich, einfach blöde, dass du dir so einen angelacht hast! Du erträgst ihn doch gar nicht. In keinster Weise. Er ist nervig, er ist ätzend, er ist vorhersehbar. Noch nicht mal Doughnuts essen magst du ihn sehen, obwohl es ihm so Spass macht. Gerade das macht dich rasend. „Und du, alles klar?“ fragte Elvis nun, schaute mich aus erwartungsvollen Augen an und ging zum Kühlschrank. Wenn er sich jetzt auch noch die Milch rausholt, weil Milch und Doughnuts zusammen eine „Symphonie“ sind, dann gnade ihm Gott! „Hast ja gar keine Milch mehr da! Na ja, konntest ja nicht wissen, dass ich heut ne kleine Leckerei mitbringe. Aber das wär’s jetzt gewesen. Richtig schön kalte Milch zu richtig schön fluffig feinen Doughnuts! Das ist wie, ach einfach genial!“ „Milch is’ aus!“ sagte ich knapp. „Also wenn ich nichts besorge, passiert hier gar nichts, oder? Hast ja überhaupt nix da! Is’ ja total tote Hose in deinem Kühli. Hat sich da drin mit der Zeit alles selbst aufgefressen?“ „Ich ess’ in der Kantine“ kam es von mir. Setz dich einfach hin und halt mal deinen Mund, denn sonst raste ich gleich aus, dacht ich wieder. Er tat es tatsächlich. Er setzte sich, aber ruhig war er deshalb noch lange nicht. Nun durfte ich an seinem kompletten, bisherigen Tag teilhaben vom Zähneputzen bis hin zur Busfahrt zu meiner Wohnung. Seinen Bericht quittierte ich lediglich durch Hm’s oder Aha’s. Jetzt war die Doughnutschachtel bis auf ein paar Krümel, die feinsäuberlich mit seinem Finger einzeln aufgelesen wurden, leer. Mein Teller war noch halbvoll. „Und jetzt kommst du!“ sagte er auffordernd. „Macht’s dir was aus, wenn du heute nicht hier bleibst? Ich hab noch total viel zu tun. Muss aufräumen. Meine Eltern kommen.“ „Echt? Krass! Da hast’e aber noch was vor! Sieht ja nicht so dufte aus hier! Hätt’ aber gern n’bisschen gekuschelt!“ Er schaute mich mit Kulleraugenblick an. „Da wird heut’ nix draus.“ Mach dich vom Acker wollte ich am liebsten lautstark dranhängen. „Schaaade“ kam es langgezogen und immer noch mit Kullerblick. „Ja, zu schade. Also, dann fang ich mal an aufzuräumen.“ Ich stand auf und wollte meinen Essensrest in den Mülleimer geben. „Nicht! Bist wohl wahnsinnig geworden!“ Er kam herangeschnellt, schnappte sich den Doughnut und verschlang ihn auf einmal. „Wenigstens bin ich durch deinen Wahnsinn zu noch mehr Fluffkram gekommen!“ grinste er. „Na, das is’ doch was“ entgegnete ich. „Seh’ schon, du bist alles andere als gesprächig heute! Ich geh dann mal. Mach mir ’nen netten Abend auf der Couch!“ Bitte keine weiteren Ausführungen, dachte ich nur. Er drückte mir einen festen Kuss auf die Wange und verschwand mit einem fröhlichen „Tschüss“ aus der Wohnung. Ich atmete tief durch. Dann nahm ich die leere Schachtel von Tisch und stopfte sie wütend und mit einiger Gewalteinwirkung in den Müll. Nun ging ich schnellen Schrittes zum Fenster, das zur Strasse zeigte. Kaum hatte ich meine Nase an die Scheibe gedrückt, kam Elvis auch schon aus dem Haus. Es regnete in Strömen, so dass er sich den Kragen hochschlug und losrannte. Dabei machte er ein paar Luftsprünge, die das Wasser unter seinen Schuhen wegspritzen liessen. Bevor er um die Hausecke lief, wo ich ihn nicht mehr hätte sehen können, hob er die Hand und winkte, wissend, dass ich jede seiner Bewegungen genau im Auge hatte. Ein freches Lächeln unter nassen Haarsträhnen traf mich noch, bevor er verschwand. Hörbar atmete ich aus und konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Gott, wie liebte ich ihn. Dann ging ich ins Bad, um meinen Tampon zu wechseln.

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